Wandel in ARD-Krimis Wenn Kommissare fremdgehen

Auch eine Kommissarin will mal feiern, inklusive One-Night-Stand. Meret Becker im Berliner Tatort.

(Foto: rbb/Frédéric Batier)
  • In den Sonntagabend-Krimis treten immer öfter die Kommissare in den Vordergrund. Zerbrechende Ehen, Alkoholprobleme oder persönliche Schicksalsschläge werden über mehrere Folgen hinweg thematisiert.
  • Serielles Erzählen soll sowohl beim Tatort als auch beim Polizeiruf für mehr Abwechslung sorgen - und die Teams einzigartiger machen.
  • Aber nur noch seriell zu erzählen, darin sehen Drehbuchautoren, Verantwortliche und Wissenschaftler keine Perspektive.
Von Carolin Gasteiger

Alexander Bukows Ehe ist kaputt. Wirklich kaputt. Im vorletzten Polizeiruf "Familiensache" hatte es sich schon angedeutet, in "Sturm im Kopf" wird es klar. Mit einem klaren "Es ist aus" erstickt seine Noch-Ehefrau Bukows letzte Hoffungen. Aber ist das endgültig? Kommt Vivian nicht vielleicht doch zurück? Wie auch immer, fest steht: Allein Bukows Eheprobleme könnten einen ganzen Film füllen. Im Polizeiruf sind sie aber nur Nebensache. Eigentlich geht es um korrupte Geschäfte und Offshore-Windkraftanlagen.

Auch beim neuen Tatort-Team aus Berlin lauten die drängendsten Fragen nach der Premiere: Geht die Kommissarin notorisch fremd? Hat ihr neuer Kollege seinen Partner wirklich erschossen? Und der Fall an sich? Ach so, irgendwas mit Drogen im Bauch.

Hauptsache, der Zuschauer bleibt dran

Rostocks Polizeiruf und die Tatorte aus Dortmund und Berlin zeigen einen Trend im Sonntagabend-Krimi: Die Kommissare werden zu Hauptfiguren, haben ihre eigene Geschichte und ermitteln nicht mehr nur einen Fall. Vorbild für dieses Erzählkonzept sind, mal wieder, Serien wie True Detective oder The Wire. Spannungsbögen dauern über mehrere Episoden hinweg und lassen schließlich offen, wie viele Folgen noch kommen können. Hauptsache, der Zuschauer bleibt dran.

Tut er das nicht eh, bei Formaten wie dem Tatort oder dem Polizeiruf, die für Millionen von Fans ein fester Termin am Sonntagabend sind? Sollen sich diese Krimis nun US-Serien hinterherhecheln? Oder wollen sie einfach mit der Zeit gehen? Bestimmt. Aber Gebhard Henke, WDR-Fernsehspielchef und Tatort-Koordinator, sieht noch einen anderen Grund. Angesichts von immer mehr Teams müssten sich die Autoren kreative Konzepte überlegen, um die Qualität zu bewahren. Serielles Erzählen ist eines davon. Und es tue der Abwechslung gut, meint Henke.

Auch bei Peter Faber wird erst nach ein paar Folgen klar, dass er nicht aus irgendeiner Laune heraus ein Waschbecken zerschlägt oder mit einem Baseballschläger auf ein Autowrack eindrischt. "Faber ist ein Verzweifelter", erklärt Jürgen Werner. Der 52-Jährige schreibt die Drehbücher für den Dortmunder Tatort und wollte die Geschichten um Faber und sein Team von Anfang an breiter und epischer erzählen als gewohnt.

Inzwischen kommt der Kommissar auch bei den Zuschauern an. Denn: "Anfangs haben wir Faber vielleicht ein bisschen zu kaputt gezeichnet", räumt Drehbuchautor Werner im Nachhinein ein. Vielen war der Haudrauf-Cop zu verrückt. Aber man kann ja nachbessern. "Die zeitliche Überlappung von Produktion und Rezeption macht den Kern seriellen Erzählens aus", sagt Professor Daniel Stein, der sich an der Universität Siegen mit dem Phänomen "populäre Serialität" befasst. Das bedeutet, noch während eine Serie läuft, schreiben die Autoren am Drehbuch weiter und können dabei die Reaktionen der Zuschauer miteinbeziehen. Im Dortmunder Tatort wurde Kommissar Faber also nach und nach weicher.

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An den festen Elementen Mord, Verhör, Täter halten jedoch sowohl Polizeiruf als auch Tatort fest. Das ist WDR-Mann Henke zufolge entscheidendes Kennzeichen einer Reihe. Und daran wolle man festhalten, alles andere widerspreche den Sehgewohnheiten derer, die hin und wieder mal einen Sonntagabend-Krimi ansehen. Auch die sollen schließlich noch mitreden können.