Verfilmung der "Spiegel"-Affäre Das eigentliche Drama war im Bundestag

Der Spiegel-Titel "Bedingt abwehrbereit", der zur Inhaftierung einiger Spiegel-Redakteure und anderer führte, drehte sich um das Nato-Manöver "Fallex 62". Ahlers' Geschichte endet mit den Worten: "Mit Raketen an Stelle von Brigaden und mit Atomgranatwerfern an Stelle von Soldaten ist eine Vorwärtsverteidigung der Bundeswehr nicht möglich, eine wirksame Abschreckung bleibt fraglich."

Damit war die Rüstungspolitik, die Verteidigungsminister Strauß im Sinn hatte, in Zweifel gestellt. Gegen die Ansicht des US-Präsidenten Kennedy und gegen die Überzeugung hochrangiger Offiziere der Bundeswehr wollte Strauß das zur Verfügung stehende Geld nicht in konventionelle Verteidigung investieren, sondern in Atomsprengköpfe. Vorwärtsverteidigung - "preemptive strike" - war das Stichwort.

Auf Strauß' Initiative hatte die Bundesrepublik etliche Kampfflugzeuge namens Starfighter bestellt. Strauß wollte die Starfighter zu Transporteuren von Atomwaffen aufrüsten lassen. (Stattdessen wurden die unausgereiften Flieger später als "Sargfighter" oder "Witwenmacher" bekannt, weil viele abstürzten. Im Raum stehen blieb hingegen die Frage, ob Strauß oder seine CSU von den geleisteten Schmiergeldzahlungen profitierten.)

"Eine wirksame Abschreckung bleibt fraglich": Das klingt weniger knackig als vielmehr vorsichtig. Der Rest des Artikels von Ahlers ist ausführliche Langeweile. So sah man das 1962 im Spiegel auch. Mittlerweile hatte man, wie David Schoenbaum 1968 schrieb, Übung darin, wichtige Geschichten versteckt zu halten, damit sie ohne juristische Einwände gedruckt werden konnten. Die Fallex-62-Geschichte hielt man nicht für wichtig. Die lag offen herum. Augstein hat sie lediglich überflogen.

Üble Nachrede und eklatante Fehlinformationen

Aberwitzig sind zwei weitere Behauptungen des Films: Oberst Alfred Martin war derjenige, der das entscheidende Material zu der "Fallex 62"-Geschichte beisteuerte, von dem die Redakteure dann sagten: Das sei das einzig Neue in dem ganzen Artikel. Im Film wird Martin so gezeigt, als ob er Kontakt zur Presse gesucht habe, weil er in der Bundeswehr nicht befördert wurde. Das ist falsch, ist üble Nachrede. Oberst Martin war Hamburger, war Heeresoffizier und kam mit dem bayerischen Kraftmenschentum cum Atomwaffen von Strauß nicht zurecht. Nur aus Gewissensgründen wollte er kundtun, dass Straußens Idee von Atomaufrüstung verfehlt sei.

Wie viele auf historischen Ereignissen basierende Spielfilme endet auch Die Spiegel-Affäre mit eingetipptem Text, der erklärt, wie es in der Wirklichkeit weiterging. In diesem Fall steht da eine eklatante Fehlinformation zu lesen: "Hätte man die geheimen Dokumente im Safe (von Rudolf Augstein, Red.) oder das Original (des Ahlers-Artikels, Red.) mit Quellenangaben gefunden, wäre der Tatbestand des Landesverrats gegeben gewesen." Das ist falsch.

Als Augstein noch dachte, Ahlers könne etwas wirklich Explosives fabrizieren, hatte er ein Exposé des Artikels in seinem Panzerschrank deponiert. Daran erinnerte er sich, als die Sicherheitskräfte die Redaktion durchkämmten. Seine Ausreden, er wisse eigentlich nichts von dem Artikel und habe den Code zu seinem Safe vergessen, halfen nichts: Der Safe wurde geöffnet, das Exposé gefunden. Was Ahlers' Quellen angeht: Alles Neue in dem Artikel stammte, wie gesagt, von Oberst Martin - er wurde als Informant entdeckt und inhaftiert.

Ein Drehbuch ist kein Verdrehbuch

Einige Papiere wurden in der Tat dem Auge der Staatsmacht entzogen, dieses so erfolgreich, dass niemand weiß, wo sie gelandet sind und was darin stand. Von Nichtwissen auf den "Tatbestand des Landesverrats" (nach damaligem Recht) zu schließen, ist wenig seriös. Und völlig unverständlich ist, warum die Filmemacher die Episode von Augsteins Safe wider die bekannten Tatsachen ins Falsche verdreht haben. Ein Drehbuch ist kein Verdrehbuch.

Der Cowboy mit dem Einstecktuch

Johann von Bülow ist ein Spezialist für Nebenrollen, die seinetwegen dann keine mehr sind. Jetzt spielt er Hans Detlev Becker, einen Vertrauten Rudolf Augsteins, in der Verfilmung der "Spiegel"-Affäre. Von Katharina Riehl mehr ...

Niemand im Spiegel hatte es auf die Spiegel-Affäre angelegt. Die Filmemacher wollten ein Drama produzieren. Die Spiegel-Affäre ist aber, was die Interna der Redaktion angeht, nur eine Farce. Das eigentliche Drama spielte sich im Bundestag ab sowie zwischen dem Spiegel und der Bundesanwaltschaft. Letztere wird im Film von Siegfried Buback (Alexander Held ist als Beamter ausgezeichnet) vertreten.

Alle anderen, die die Anklage gegen den Spiegel einleiteten und seine Verfolgung betrieben, kommen nicht vor oder bleiben unbedeutend. Der Bundesanwalt Albin Kuhn war es, der das Ermittlungsverfahren aus Eigenem anordnete. Kuhn war zur NS-Zeit Staatsanwalt am "Sondergericht" Würzburg gewesen. Volkmar Hopf war 1962 Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium und koordinierte die Maßnahmen des Ministeriums. Er hatte in der besetzten Tschechoslowakei die Vollstreckung von Todesurteilen gefordert. Der Bundesanwalt Walter Wagner, der den "Zugriff" (sein Lieblingswort) auf den Spiegel mitorganisierte, war im Zweiten Weltkrieg Oberstaatsanwalt am "Sondergericht" im besetzten Posen gewesen. Theo Saevecke leitete 1962 das Referat für Hoch- und Landesverrat der Sicherheitsgruppe und koordinierte die Festnahmen bei Nacht, die viele an Gestapo-Methoden erinnerten. Nicht von ungefähr: Als SS-Offizier hatte er sich 1944 den Beinamen "Henker von Mailand" erworben.

Die FDP, die Adenauers längst überdrüssig war, nutzte die Gelegenheit: Alle FDP-Minister traten aus der schwarz-gelben Koalition zurück. Mit diesem Schritt, so sagt der FDP-Politiker Burkhard Hirsch, zeigte sich, dass der Weg frei wurde für eine sozialliberale Koalition.

Die Autorin, Jahrgang 1964, ist die Tochter von Rudolf Augstein;

Die Spiegel-Affäre läuft am 2. Mai bei Arte und am 7. Mai in der ARD um 20.15 Uhr.