TV-Kritik: Maybrit Illner Kirschkernminister Philipp Rösler

Das Kabinett beschließt die Gesundheitsreform und der Minister Rösler stellt sich Maybrit Illner. Im ZDF lächelt er jede Widerrede nieder, sodass man an Kirschkerne denken muss. Und da gibt es die Netto-Lüge.

Eine kleine Nachtkritik von Moritz Baumstieger

Es gibt Tage, an denen wirkt Philipp Rösler wie ein Kindergärtner. An jedem Arm und an jedem Bein des Gesundheitsministers wird gezogen. Und egal, was er macht: Ein Kind nölt immer. Die Pharmalobby, die Kassenvertreter, die Opposition - oder, noch schlimmer: der Koalitionspartner CSU aus dem schönen Bayern.

Philipp Rösler ist mit seinen 37 Jahren selbst einer der Jüngsten im Berliner Polit-Kindergarten, trotzdem scheint er seine Argumentation und sein Sozialverhalten einem Pädagogik-Bilderbuch zu entnehmen: Immer nett und gelassen, mit breitem Lächeln, so als ob er den Rat aller Polit-Trainer befolgt, man solle beim Kontakt mit dem Publikum so tun, als halte man einen Kirschkern zwischen den Zähnen fest.

Philipp Rösler sieht gut dabei aus, wie er den pampigen Kindern erklärt, dass sie das jetzt alles, bitteschön, mal einsehen müssen.

Der Minister bleibt ruhig, als Moderatorin Maybrit Illner gleich zu Beginn ihrer ZDF-Sendung mit einem gemeinen Spruch die Lage am Basteltisch aufmischt. Bei der achten Gesundheitsreform in zwanzig Jahren habe der Bürger nur eines gelernt: Reform ist, wenn es teurer wird, sagt die Journalistin. Da hat sie recht, und der Liberale Rösler hat da, de facto, auch nicht viel mehr zustande gebracht. Als das Kabinett am Mittwoch seinen Entwurf zur Gesundheitsreform beschloss, kam zwar nicht der vom Minister erträumte Systemwechsel hin zur Kopfpauschale heraus - doch die Kassen dürfen künftig Zusatzbeiträge erheben.

Trotzdem, beharrt Rösler kirschkernlächelnd im ZDF, sei er nicht gescheitert. Und bleibt dabei, da kann Illner noch so viele inkriminierende Videoschnipsel einspielen, die ihren Gast zeigen, wie er einst kirschkernlächelnd das Gegenteil versprach. Und das böse Wort Kopfpauschale, sagt Rösler, das wolle er gar nicht hören. Dabei muss er wieder etwas grinsen: Die Koalition spreche lieber von "einkommensunabhängigen Zusatzbeiträgen".

Die Worte, die der Berliner Polit-Profi danach verwendet, wurden nicht unbedingt kürzer und einfacher, das Thema ist ja auch einigermaßen verschachtelt. Ohne die Reform wäre man nächstes Jahr pleite gewesen - da kann und will das Plenum nicht widersprechen. Röslers Kollegin auf Landesebene, Manuela Schwesig (SPD) aus Mecklenburg-Vorpommern, kennt die Zahlen genauso gut wie Jürgen Graalmann, stellvertretender Geschäftsführer des AOK-Bundesverbandes.

Der Mann von der gesetzlichen Krankenkasse stimmt sogar zu, als Rösler die Vorzüge des Wettbewerbs aus der Bibel des liberalen Staatsverständnisses vorbetet. Und auch sonst rufen die Kinder nur wenig dazwischen, was entweder an der beruhigenden Art des Vorlesers liegt - oder einfach daran, dass die Aneinanderreihung von Fachbegriffen nun einmal eine etwas einschläfernde Wirkung hat.

Doch dann rutscht Philipp Rösler ein Satz heraus, der so wohl kaum so in seiner Gute-Nacht-Geschichte gestanden haben dürfte: Natürlich stehe die Regierung zu ihrem Satz "Mehr Netto vom Brutto". Das "mehr Netto" sei aber keinesfalls einfach zum Konsumieren gedacht - sondern das sollen die Bürger verwenden, um die sozialen Sicherungssysteme zu stabilisieren. So hatte sich der gemeine Bürger das nicht gedacht, die Sache mit dem Netto, denn das hielt er bislang für die ihm verbleibende Summe nach Abzug aller Steuern und Sozialbeiträge, die bald ja auch noch dank den Röslereien von Steuern mitfinanziert werden.

Der Ehrliche ist der Dumme

Netto-Lüge, Brutto-Veräppelung? Und schon wacht eines der Kinder auf und fängt an zu quengeln: Manuela Schwesig spricht von Wahlbetrug und wundert sich, einmal in ihrem Leben mit der CSU auf einer Linie zu sein. Der "Staatskundler" Rösler erklärt ihr, das sie genau wie die CSU Länderinteressen vertrete, bezeichnet außerdem die zurückliegenden Verhandlungen mit dem anstrengenden Partner aus München als "glückliche und zufriedene zehn Monate". Jetzt sieht er doch so aus, als habe er einen Kirschkern verschluckt. Dann wartet der FDP-Mann geduldig, dass die aufmüpfigen Kinder bald von ihren Eltern abgeholt werden.

Zum Schluss befragt Maybrit Illner einen eloquenten Hausarzt aus Bayern, wie es denn nun wirklich sei, mit den Kosten und den Problemen. Der erzählt, dass er im Gegensatz zu Rösler keine Pharmalobbyisten in sein Haus lasse, dafür aber allerhand praktische Sparideen habe. Nur: Er könne die jetzt nicht auf dieser hohen Ebene darlegen, auf der das Problem auf dem Podium verhandelt wurde. Er habe sich zwar von Röslers Wortgirlanden nicht einlullen lassen - sondern sei ab und zu einfach nicht mehr mitgekommen.

Das war ehrlich. Aber der Ehrliche ist bekanntlich der Dumme und hält keinen Kirschkern zwischen den Zähnen fest.