Maischberger über öffentlich-rechtlichen Rundfunk "Wozu brauchen wir noch ARD und ZDF?"

Sandra Maischberger (Mitte) und ihre Gäste (von links): Georg Kofler, Tom Buhrow, Thomas Gottschalk, Beatrix von Storch und Pinar Atalay

(Foto: WDR/Max Kohr)

In der Schweiz könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk bald Geschichte sein. Für die ARD Anlass genug, einen Abend lang das eigene Dasein zu rechtfertigen. Dass auch Kritik laut wird, ist Moderatorin Maischberger zu verdanken.

TV-Kritik von Claudia Tieschky

In der Schweiz stimmen die Bürger am Sonntag darüber ab, ob sie ihren öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen wollen, beziehungsweise seine Finanzierung. Der Schreck darüber, dass das vielleicht wirklich so passieren könnte, bringt unerwartete Solidarisierungen. Zum Beispiel von Roger Schawinski, der in der Schweiz einmal das Privatfernsehen erfand. Oder vom Kabarettisten Emil Steinberger, der in der ARD-Sendung Maischberger am Mittwochabend zugeschaltet war und derart für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft, kurz SRG, warb, dass die Moderatorin in seinen Redefluss gerade noch einwerfen konnte, sie sei verwundert, dass Steinberger sich "für ein bürokratisches Monster" einsetze.

Aber nein, ein Monster sei das doch nicht, erklärte ihr Steinberger. Da ahnte man: Von der geplanten öffentlich-rechtlichen Selbsterforschung im eigenen Programm - grundsätzlich schon mal schwierig - zur schlichten Solidarisierung mit den eigenen Interessen ist es nur ein kleiner Schritt. Zumal mit dem ehemaligen Premiere-Chef und einstigen Pro-Sieben-Gründer Georg Kofler und der AfD-Politikerin Beatrix von Storch sozusagen nur eineinhalb klar verortbare Kritiker mitdiskutierten - Kofler ist immerhin im ORF sozialisiert worden. Dazu hatte Maischberger WDR-Intendant Tom Buhrow, Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay und Thomas Gottschalk geladen.

Nie wieder zahlen?

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Der brachte ein bisschen von beiden Welten und Gott sei Dank einen gewissen Unterhaltungswert mit. So lästerte er über öffentlich-rechtliche Aufsichtsgremien, "die keine Ahnung von Fernsehen haben". Witzelte aber auch auf eigene Kosten, die Diskussion über die Höhe der Gagen für Moderatoren sei "so alt wie ich".

Der Druck auf die öffentlich-rechtlichen Medien ist europaweit ein Phänomen

"Wozu brauchen wir noch ARD und ZDF?", fragte Maischberger angesichts der Schweizer No-Billag-Abstimmung (benannt nach der Billag AG, die die Gebühren erhebt). Es gibt weitere Anlässe, die Angriffe der FPÖ auf den österreichischen ORF beispielsweise, oder die Präsidentenkritik am französischen Fernsehen, dem regierungskontrollierten Rundfunk in Polen und natürlich auch die deutsche Debatte um ARD und ZDF. Vorgeglüht wurde schon mal in den Tagesthemen mit einem Erklärbeitrag sowie einem Kommentar von WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich zur Notwendigkeit der Öffentlich-Rechtlichen in der demokratischen Gesellschaft, verbunden mit dem Aufruf zur Selbstkritik. Ein Glaubensbekenntnis gewissermaßen, das von Mikich in Richtung der Kritiker mit der halbironischen Fußnote versehen wurde, kein Chef und kein Lobbyist habe ihr diesen Text vorgesagt.

Der Druck auf die öffentlich-rechtlichen Medien von Gegnern der allgemeinen Abgabe und politischen Parteien ist tatsächlich europaweit ein derart auffälliges Phänomen, dass es eine Berichterstattung rechtfertigt. Man kann aber auch der Meinung sein, dass es grundsätzlich in die Abteilung Propaganda fällt, wenn die Öffentlich-Rechtlichen ihren gebührenfinanzierten Programmplatz - und das an einem Tag, an dem man auch über das Dieselfahrverbot hätte reden können - zur Erklärung und Rechtfertigung des öffentlich-rechtlichen Systems nutzen.

Zumal dann in dem eingebetteten Halbstundenbeitrag des Weltspiegels ("Unter Beschuss - Medien in Europa") die No-Billag-Initiatoren kaum ernsthaft zu Wort kamen. Stattdessen verdichtete sich die Sache immer mehr zu einem Ganz-oder-gar-nicht-Szenario, und zwar zu einem schrecklichen: Ohne die Öffentlich-Rechtlichen könnte die rätoromanische Sprache untergehen, drohe der Verlust des unabhängigen Journalismus und überhaupt der Meinungsfreiheit.

Dass die Diskussion immer wieder einen ganz ordentlichen Eindruck hinterließ, hatte mit Sandra Maischberger zu tun. Die moderierte tatsächlich so wenig pro domo, dass einem wieder einfiel, dass sie ihren Talk ja einst im Privatfernsehen begonnen hatte. Es kamen fast alle wesentlichen Kritikpunkte an ARD und ZDF zur Sprache, die objektivierbaren und die stimmungsmäßigen.

So zum Beispiel, dass der faire Wettbewerb von den Öffentlich-Rechtlichen behindert werde. Pro-Sieben-Gründer Kofler sagte: "Ich möchte mit denselben Waffen kämpfen dürfen." Auch die Zweifel an der Objektivität der Berichterstattung zur Flüchtlingskrise und über den Krim-Konflikt fanden Eingang in die Diskussion. Man habe nach bestem Gewissen berichtet, sagte Pinar Atalay, aber vielleicht sei es auch so gewesen, dass man sich in der neuen Situation erst einmal habe sortieren müssen. Es werde parteiisch informiert, fand Beatrix von Storch, die Sender lieferten Denkmuster gleich mit. Man könne Regierungssprecher sein und dann ganz schnell Intendant, sagte die AfD-Politikerin (in der Vergangenheit unter anderem so geschehen bei Ulrich Wilhelm; der einstige Merkel-Sprecher ist seit 2010 BR-Intendant).

Die ARD hat begonnen, sich ihrem zahlenden Publikum zu erklären

"Warum verdient der WDR-Intendant mehr als die Kanzlerin?", fragte Maischberger ihren Chef Buhrow. Sie bekam darauf eine ebenso maue Antwort ("ein Gehalt, das festgelegt ist") wie später von Georg Kofler auf ihre Frage, ob es denn wirklich billiger als 17,50 Euro sei, sich Serien bei Netflix, Sport bei Sky und Musik bei iTunes zu kaufen, also nur das zu konsumieren, was man wirklich nutze - ein Hauptargument der Gegner der Rundfunkabgabe. Am Ende keine Einigkeit, sondern unendlich viele Streitthemen auf dem Tisch. Ergebnis des Abends: Die ARD hat damit begonnen, sich ihrem zahlenden Publikum zu erklären.

Einen Rat hatte Gottschalk noch: Er empfahl weniger Quotendenken und mehr Arroganz im Sinn von "Wir sind die Öffentlich-Rechtlichen und wir haben einen Auftrag." An diesem Abend immerhin war das Gebührenfernsehen ganz bei sich. Es ist jedenfalls nicht zu erwarten, dass im Privatfernsehen demnächst darüber diskutiert wird, wer RTL oder Pro Sieben noch braucht.

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