Schattenseite des Feminismus Kann die das?

Eine Mutter macht Karriere: Yahoo-Chefin Marissa Mayer (r.) auf dem Weg ins Weiße Haus zu US-Präsident Barack Obama.

(Foto: Bloomberg)

Kaum etwas scheint Frauen mehr zu polarisieren als erfolgreiche Frauen: Seit Jahrzehnten kämpfen sie dafür, beruflich weiterzukommen und Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen. Doch kaum schafft es eine mal nach oben, ist das den anderen Frauen suspekt.

Von Alexandra Borchardt

Augenringe wären vermutlich angemessen gewesen. Dazu eine kleine Speckrolle um die Taille herum, eine in der Hast des Aufbruchs falsch gewählte Strumpfhosenfarbe, ein Fleck an der Bluse, irgendetwas. Stattdessen sieht man Marissa Mayer beim ersten Auftritt nach der Geburt ihres Sohnes blond und schlank wie eh und je in die Kamera strahlen. Und dann sagt sie auch noch das: "The baby's been easy", alles also kein Problem. Was für ein Schreck.

Frauen in ganz Amerika, ja weltweit hatten Anteil genommen an der Nachricht, Mayer rücke an die Spitze des Internetkonzerns Yahoo, und irgendwann im Herbst, praktisch zwischen zwei Vorstandssitzungen, werde sie ihr erstes Kind zur Welt bringen. "Wie sie das wohl hinbekommen wird?", hatten sich damals Mütter gefragt, denen aus den ersten Monaten mit Baby nur verrutschende Still-BHs, Nachmittage auf Hüpfbällen und ein andauerndes Gefühl von zweifelsohne auch euphorisierendem Jetlag in Erinnerung sind. Nun bekommt sie es irgendwie hin - und das Entsetzen ist groß.

Ein Sturm tobte durchs Netz nach Mayers erstem babybauchfreien Interview. Hätte sie nicht wenigstens die Klappe halten können, fragten Feministinnen, Mütter und überzeugte Nicht-Mütter, als ginge es nicht um Bauch und Baby der Yahoo-Chefin, sondern um ihren eigenen. Undenkbar, dass eine Frau keine Meinung hatte zu der Tatsache, dass Mayers Sohn seine Mama nicht wie vom Drehbuch vorgesehen schreiend und speiend wenngleich nicht vom Duschen, so doch wenigstens vom Hochfahren des Laptops abhielt - wobei, woher weiß man's eigentlich?

Kaum etwas scheint Frauen mehr zu polarisieren als erfolgreiche Frauen. Oder Frauen überhaupt, die ganz anders leben, als man sich das für sich selbst mehr oder weniger ausgesucht hat. Ursula von der Leyen? Bundesministerin, sieben Kinder, und dann wagt sie auch noch zu lächeln ("Dauerlächeln"). Na ja, die hat halt genügend Personal. Julia Jäkel? Erste Frau im Vorstand des Verlagshauses Gruner+Jahr, Mutter von kleinen Zwillingen, Ehefrau von Ex-Fernsehmoderator Ulrich Wickert. Also bitte, geleistet hat die ja wohl noch nichts! Maria Furtwängler? Schauspielerin, Ärztin (manchmal sogar ohne Grenzen), kühle Schönheit, Mutter, Ehefrau des Großverlegers Hubert Burda. Warum muss die denn jetzt schon wieder so lasziv tun? Hillary Clinton? US-Außenministerin, mögliche Präsidentschaftskandidatin 2016, Frau von Ex-Präsident Bill Clinton. Hat die eigentlich auch Gefühle, oder geht es ihr "nur" um die Macht? Die Liste ließe sich fortsetzen.

"Könnte es sein, dass wir uns gerne starke Frauen vorstellen, dass wir aber starke Frauen eigentlich nicht mögen?", fragt die amerikanische Autorin und Journalistik-Professorin Katie Roiphe in einem Essay mit dem Titel "Elect Sister Frigidaire", der sich mit der seltsamen Antipathie beschäftigt, die viele Frauen Hillary Clinton entgegenbringen. So heftig sie die Lücke zwischen Männer- und Frauengehältern anprangern, die Quote und Aufstiegsmöglichkeiten für ihre Geschlechtsgenossinnen fordern mögen: Schafft es eine mal nach ganz oben, ist es vielen auch nicht recht.