Anti-Stress-Kurse in Unternehmen Menschen fürs Büro dressieren

Kein Stress, bitte - ganz im Sinne des Chefs

(Foto: imago/Westend61)

Menschen können ihre Widerstandskraft bei Stress und Krisen stärken. Das Perfide: Auch bei Wirtschaftsbossen ist das Thema angekommen. In Kursen sollen Mitarbeiter nun lernen, psychischen Druck auszuhalten. Aber wo ist die Schmerzgrenze?

Von Christina Berndt

Was für eine Frau! Drei kleine Kinder hat die erfolgreiche Architektin, die bei einem großen Münchner Unternehmen arbeitete. Und trotz ihrer Doppelbelastung fiel sie im Büro durch immer gute Laune, den sicheren Blick fürs Effiziente und eine stets gepflegte Erscheinung auf. Für diese Frau waren alle voller Bewunderung. Waren. Bis die Enddreißigerin plötzlich nicht mehr im Büro erschien. Sie war zusammengeklappt. Krankgeschrieben für ein halbes Jahr. Eingewiesen in eine Kurklinik.

"Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung: Wie arbeiten wir in Zukunft?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur aktuellen Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Was ganz normale Menschen heute von sich verlangen, ist oft nicht zu schaffen. Sie wollen den kritischen Blicken von Nachbarn und Kollegen standhalten und zugleich die Anforderungen von Chefs, Partnern und Kindern erfüllen. Das Dumme dabei: All diese Anforderungen steigen. Die Partnerschaft muss das Glück auf Erden sein, die Kinder verlangen beste Förderung sowie täglich ihre High-Quality-Time - und in wirtschaftlich schwieriger Zeit fordern die Arbeitgeber Leistungszuwachs.

Am Ende standen nicht nur die Kollegen der Architektin, sondern auch ihre Vorgesetzten sprachlos vor der Nachricht ihres Zusammenbruchs. Wenn es diese Powerfrau erwischte, wie würde es dann erst in den Seelen der anderen Arbeitnehmer aussehen? Fragten sich die Chefs. Einen Moment lang. Doch die Sorgen verflogen, schließlich standen sie selbst unter erheblichem Druck. Außerdem übernahmen Kollegen ja die Arbeit der kranken Frau, auch wenn sie nun noch mehr schuften mussten als zuvor. "Nur die Harten komm'n in'n Garten", dachten sich manche Vorgesetzten. Andere formulierten es vornehmer nach Nietzsches "Ecce homo": "Was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker."

WHO sieht Stress als Gefahr des 21. Jahrhunderts

Dass die heutige Arbeitswelt krank machen kann, ist schon viel diskutiert worden. Die Fehlzeiten wegen psychischer Leiden sind in Deutschland von rund 30 Millionen Tagen im Jahr 2001 auf zuletzt mehr als 60 Millionen gewachsen. Nicht umsonst hat die Weltgesundheitsorganisation den Stress zu "einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts" erklärt. Seit Neuestem aber gibt es in Sachen Stress eine besonders schäbige Wendung: Nicht nur in der Bevölkerung, auch bei Arbeitgebern ist das Thema Resilienz angekommen - jene faszinierende psychische Widerstandskraft, die Menschen dazu befähigt, Stress auszuhalten, Krisen zu überwinden und nach Niederlagen wieder aufzustehen.

Während die eine Unternehmerin nach der Pleite ihrer Firma bald eine neue Geschäftsidee entwickelt, nimmt sich eine andere das Leben. Während ein Mann nach einer Ehescheidung nie mehr neuen Lebensmut findet, begibt sich ein anderer schon kurz nach dem Gerichtstermin wieder auf die Suche nach einer neuen Partnerin. Und während manche Menschen an der Diagnose einer schweren Krankheit zerbrechen, suchen andere einen Weg, mit ihr zu leben. Der Unterschied zwischen diesen Menschen liegt in ihrer Resilienz.

Das Perfide aber ist: Der Boom des Themas passt auch Wirtschaftsbossen ins Konzept. Neuerdings nutzen immer mehr Firmen Konzepte zur Steigerung der psychischen Widerstandskraft. Dabei ist das Prinzip Resilienz eigentlich nicht dazu gedacht, Menschen fürs Büro zu dressieren, sondern sie im Umgang mit den Herausforderungen ihres Lebens zu stärken.

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