20. Dezember 2012 11:19 Schattenseite des Feminismus Kann die das?

Von Alexandra Borchardt

Kaum etwas scheint Frauen mehr zu polarisieren als erfolgreiche Frauen: Seit Jahrzehnten kämpfen sie dafür, beruflich weiterzukommen und Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen. Doch kaum schafft es eine mal nach oben, ist das den anderen Frauen suspekt.

Augenringe wären vermutlich angemessen gewesen. Dazu eine kleine Speckrolle um die Taille herum, eine in der Hast des Aufbruchs falsch gewählte Strumpfhosenfarbe, ein Fleck an der Bluse, irgendetwas. Stattdessen sieht man Marissa Mayer beim ersten Auftritt nach der Geburt ihres Sohnes blond und schlank wie eh und je in die Kamera strahlen. Und dann sagt sie auch noch das: "The baby's been easy", alles also kein Problem. Was für ein Schreck.

Frauen in ganz Amerika, ja weltweit hatten Anteil genommen an der Nachricht, Mayer rücke an die Spitze des Internetkonzerns Yahoo, und irgendwann im Herbst, praktisch zwischen zwei Vorstandssitzungen, werde sie ihr erstes Kind zur Welt bringen. "Wie sie das wohl hinbekommen wird?", hatten sich damals Mütter gefragt, denen aus den ersten Monaten mit Baby nur verrutschende Still-BHs, Nachmittage auf Hüpfbällen und ein andauerndes Gefühl von zweifelsohne auch euphorisierendem Jetlag in Erinnerung sind. Nun bekommt sie es irgendwie hin - und das Entsetzen ist groß.

Ein Sturm tobte durchs Netz nach Mayers erstem babybauchfreien Interview. Hätte sie nicht wenigstens die Klappe halten können, fragten Feministinnen, Mütter und überzeugte Nicht-Mütter, als ginge es nicht um Bauch und Baby der Yahoo-Chefin, sondern um ihren eigenen. Undenkbar, dass eine Frau keine Meinung hatte zu der Tatsache, dass Mayers Sohn seine Mama nicht wie vom Drehbuch vorgesehen schreiend und speiend wenngleich nicht vom Duschen, so doch wenigstens vom Hochfahren des Laptops abhielt - wobei, woher weiß man's eigentlich?

Kaum etwas scheint Frauen mehr zu polarisieren als erfolgreiche Frauen. Oder Frauen überhaupt, die ganz anders leben, als man sich das für sich selbst mehr oder weniger ausgesucht hat. Ursula von der Leyen? Bundesministerin, sieben Kinder, und dann wagt sie auch noch zu lächeln ("Dauerlächeln"). Na ja, die hat halt genügend Personal. Julia Jäkel? Erste Frau im Vorstand des Verlagshauses Gruner+Jahr, Mutter von kleinen Zwillingen, Ehefrau von Ex-Fernsehmoderator Ulrich Wickert. Also bitte, geleistet hat die ja wohl noch nichts! Maria Furtwängler? Schauspielerin, Ärztin (manchmal sogar ohne Grenzen), kühle Schönheit, Mutter, Ehefrau des Großverlegers Hubert Burda. Warum muss die denn jetzt schon wieder so lasziv tun? Hillary Clinton? US-Außenministerin, mögliche Präsidentschaftskandidatin 2016, Frau von Ex-Präsident Bill Clinton. Hat die eigentlich auch Gefühle, oder geht es ihr "nur" um die Macht? Die Liste ließe sich fortsetzen.

"Könnte es sein, dass wir uns gerne starke Frauen vorstellen, dass wir aber starke Frauen eigentlich nicht mögen?", fragt die amerikanische Autorin und Journalistik-Professorin Katie Roiphe in einem Essay mit dem Titel "Elect Sister Frigidaire", der sich mit der seltsamen Antipathie beschäftigt, die viele Frauen Hillary Clinton entgegenbringen. So heftig sie die Lücke zwischen Männer- und Frauengehältern anprangern, die Quote und Aufstiegsmöglichkeiten für ihre Geschlechtsgenossinnen fordern mögen: Schafft es eine mal nach ganz oben, ist es vielen auch nicht recht.

Statt den Erfolg der anderen als Ansporn und Ermutigung zu betrachten, verbuchen sie ihn als einen direkten Angriff auf das eigene Lebensmodell, den es durch Kleinreden abzuwehren gilt. Der Effekt scheint sich zu verstärken, wenn diejenigen, die eigentlich als Vorbilder taugen würden, nicht nur beruflich erfolgreich, sondern auch noch Mütter sind, womöglich auch noch attraktiv. Wer als in Vollzeit berufstätige Mutter versucht, in einer Gruppe von Vollzeitmüttern zu reüssieren und dazu womöglich noch selbst gebackenen Kuchen mitbringt, braucht eine extra Portion Gelassenheit, um den kritischen Blicken mit einem Lächeln (nur kein Dauerlächeln!) standzuhalten.

Polarisieren bedeutet aber auch, dass es den gegenteiligen Effekt gibt: Frauen, die es "geschafft" haben, werden von anderen Frauen allein wegen ihres Geschlechts verehrt. So wie sich US-Präsident Barack Obama seiner Hautfarbe wegen eines Großteils der Stimmen nicht-weißer Amerikaner sicher sein kann, wählen viele Frauen über ihre Parteipräferenz Angela Merkel, weil es ihnen imponiert, dass eine Frau "das" erreicht hat. Würde die Union das nächste Mal einen Mann aufstellen und die SPD Hannelore Kraft, könnte die Wahl ganz anders ausfallen. Diese solidarischen Frauen schicken alle Erfolgsmeldungen über Frauenkarrieren durchs Internet und fanden an der US-Präsidentschaftswahl vor allem interessant, dass im Bundesstaat New Hampshire die wichtigsten Positionen künftig sämtlich mit Frauen besetzt sind.

Nun könnte man meinen, ein gewisses Maß an Identifikation sei menschlich, nicht geschlechtsspezifisch. Tatsächlich aber ticken Frauen und Männer unterschiedlich, wenn es um die Anerkennung von Status und Hierarchien geht. In der Geschlechterforschung gehört es zum Standardwissen, dass Männer keinerlei Probleme mit Hackordnungen haben. Doch, sie können ganz ordentlich hacken und tun das auch ausgiebig, Jungs auf dem Fußballplatz und Männer in der Vorstandsetage gleichermaßen. Wenn dieser Prozess aber abgeschlossen ist, erkennen sie (meistens) neidlos an, wer an erster, zweiter oder dritter Stelle steht. Sitzordnung und Wortbeiträge in Besprechungen, Körpersprache und Statussymbole künden davon. Das hält Männer selbstverständlich nicht vom Ringen um bessere Positionen ab. Üblicherweise tun sie das, indem sie dem Leit-Mann nacheifern und seine Strategien kopieren. Schließlich wollen sie sich selbst und ihren Status auch nicht verstecken müssen, sollten sie es einmal bis nach oben geschafft haben.

Aus Studien an spielenden Kindern weiß man, dass Frauen anders agieren. Sie neigen dazu, ihren Status zu nivellieren, um andere ins Spiel einzubeziehen. Nicht Wettbewerb, sondern Integration ist das Ziel. Deshalb ist schon unter kleinen Mädchen diejenige eine blöde Ziege, die gerne heraushängen lässt, wie klug, witzig und hübsch sie ist. Erfolgreiche Frauen haben irgendwann im Erwachsenenleben gelernt, dass es ihnen schadet, wenn sie ihre Qualitäten verstecken, nur damit andere Frauen sie mögen. Das Ergebnis: Sie werden nicht gemocht. Setzt sich eine von der Gruppe ab, hört die Solidarität auf. Männer reden dann gerne von Zickenkrieg. Schade.

Wie weit könnten Frauen heute sein, hätten sie sich den einen oder anderen Machtkampf an der falschen Stelle gespart? Statt schon viel früher für gleiche Gehälter, Kinderbetreuung und eine weniger statische Verteilung von Familienpflichten zu streiten, wurde in der Frauenbewegung jahrelang darüber diskutiert, ob Feministinnen Männer lieben, tiefe Ausschnitte tragen und mit den Kindern zu Hause bleiben dürfen. Viele Frauen haben deswegen auf Kinder verzichtet. Und die Debatten dauern an. Kürzlich erntete Frankreichs ehemalige Präsidentengattin Carla Bruni einen Shitstorm im Internet, nachdem sie in einem Interview gesagt hatte, sie sei keine Feministin, weil sie das Familienleben liebe. Die Äußerung nahm sie später zurück.

Karriereberater raten Frauen deshalb: Wer in seiner Firma Frauen voranbringen will, sollte positiv über Kolleginnen reden - zumal die wenigsten Frauen das ausreichend für sich selber tun. Und statt sich über von der Leyens Großfamilie oder Marissa Mayers angeblich so friedliches Baby zu echauffieren, könnte man anerkennen, was die eine und die andere schaffen. Wo doch vielleicht deren größte Leistung darin besteht, sich die schlaflosen Nächte und die heimischen Sorgen nicht anmerken zu lassen - Professionalität nennt man das. Und darin, dass sie manches im Leben mit einer gewissen Gelassenheit sehen. Ein bisschen mehr davon sich selbst und anderen gegenüber täte vielen Frauen gut.