Soziale Netzwerke Wenn Computerprogramme Propaganda betreiben

Social Bots sind Accounts in sozialen Medien, die von Computerpogrammen statt von Menschen gesteuert werden.

(Foto: Illustration Jessy Asmus/SZ.de)

Ob Brexit-Referendum oder Trump-Kampagne - politische Akteure setzen auf Social Bots, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Auch im Bundestagswahlkampf?

Von Bernd Graff

Das im Dezember 2015 gegründete Munich Center for Internet Research (MCIR), ein Forschungszentrum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, hat in der letzten Woche die "Munich Bot Challenge" ausgerufen. Was ein wenig so klingt wie ein neuer Aufguss der sommerlichen Ice Bucket Challenge von vor drei Jahren, ist in Wahrheit ein Wettbewerb zur automatisierten Identifizierung von Robotern in sozialen Netzwerken. Und sie sind alles andere als sommerliche Putzigkeiten, sie sind digitale Demokratiegefährder. Darum ist der Hauptpreis in diesem Wettbewerb mit 10 000 Euro auch richtig hoch dotiert.

Drei Monate vor der Bundestagswahl, zum Auftakt des Wahlkampfes und in der Hochphase der politischen Willensbildung also, ist eine wichtige Unterscheidung zu treffen: jene zwischen Akteur und Agent in diesem Wahlkampf. Das sind Begriffe aus der Soziologie, die stark vereinfacht beschreiben, wie künstliche Intelligenzen in sozialen Medien auftreten.

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Viele der vor der Brexit-Abstimmung und während des US-Wahlkampfs im Netz mit starken Argumenten auffallenden Kombattanten waren nämlich gar keine Menschen, sondern sogenannte Bots, die jedoch wie Menschen agieren. Je nachdem eben als von Menschen gelenkte Agenten oder inzwischen auch als autonom agierende Akteure, die Menschen sogar in Chats verwickeln können.

Bots sind Computerprogramme, die Stimmung in sozialen Netzwerken machen. Vor allem auf Twitter, dem Kommunikationskanal, der mit seinen 140-Zeichen-Meldungen besonders leicht zu bespielen ist. Angeblich sind zwischen neun und 15 Prozent aller Twitter-Accounts inzwischen Software-geführt.

10 000 Twitter-Bots kosten gerade einmal 500 Dollar

Man muss sich Bots als selbstlaufende Skripte in der Cloud vorstellen, die eigene Netze, die Botnets, aufbauen, um mit einer menschenunmöglichen Unermüdlichkeit konzertierte Debattenangriffe zu lancieren und Wolken aus Argumenten aufzubauen, indem sie massenhafte Zustimmung oder Ablehnung simulieren. Das betrifft inzwischen alle politik- und wirtschaftsrelevanten Bereiche. Bots nehmen aktiv Einfluss. Denn hier wird entweder breite Unterstützer-Realität oder auch ein striktes Ablehnungsklima vorgegaukelt.

Man weiß, dass ein Großteil der Twitter-Anhänger von Präsident Trump aus solchen digitalen Claqueuren besteht, aus einer Tweet-Armada, die etwa nach den Fernsehduellen von Trump und Hillary Clinton generalstabsmäßig den Hashtag #Trumpwon absetzte und so einen nationalen Trend erzeugte. Bots sind Werkzeuge der Propaganda, die bei den Debatten um den Brexit, bei Ereignissen wie der russischen Annexion der Krimhalbinsel, während des Ukrainekonflikts und in der massenhaften Verbreitung von "Macron Leaks" in Frankreich aktiv in die Meinungsbildungsprozesse eingegriffen haben.

Die Software, mit der sich 10 000 Twitter-Accounts steuern lassen, kostet etwa 500 Dollar. Der einfachste Bot kommt mit nur 15 Zeilen Programmcode aus. Wer ein solches Programm besitzt, mit dem sich ein Bot steuern lässt, kann damit ebenso leicht auch eine ganze Armee von ihnen lenken.

Fake News sind ein lukratives Geschäftsmodell

Die University of Oxford unterhält darum seit einiger Zeit das Computational Propaganda Research Project, das unter anderem für Deutschland und die Bundestagswahl festhält, dass zwar alle im Bundestag vertretenen Parteien den Botnetzen abschwören und geloben, sie nicht einsetzen zu wollen, dass aber Angela Merkel nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt von sogenannten Hochfrequenz-Bots mit automatisiertem Hass attackiert wurde, dass fremdenfeindliche Bots die Debatte über Flüchtlinge auf populären politischen Facebook-Seiten zu manipulieren suchen, und dass Botnetze die AfD unterstützen.

Ganz offensichtlich, so das Ergebnis der Studie, sind "politische Bots über soziale Medien aktiv in den deutschen Diskurs eingetreten". Und nicht nur das: Von Bots massenhaft abgesetzte Fake News weisen Links zu mit Werbung zugepflasterten Seiten auf, die ihren Betreibern satte Gewinne einfahren. Bots sind also auch ein lukratives Geschäftsmodell. Auch das weiß man seit dem US-Wahlkampf, in dem eine der gestreuten Lügen lautete, dass Donald Trump vom Papst unterstützt werde und dieser seinen Wahlsieg herbeibete.

Bots beeinflussen Politiker, Unternehmen und Medien

Warum, abseits von ökonomischen Interessen, geschieht diese Manipulation in sozialen Medien überhaupt? Politiker, Unternehmer und auch die klassischen Medienhäuser achten inzwischen auf Trends in den Communities, und sie reagieren darauf. Das bedeutet, dass verfälschte Trends faktisch in die Entscheidungen der realen Politik und Wirtschaft einfließen. Denn Bots suggerieren ja immer eindeutige Stimmungslagen: Sie erzeugen durch die schiere Masse ihrer Verlautbarungen Dominanz und Dringlichkeit von Inhalten. Oder aber sie wollen gar keine Trends vortäuschen, sondern die tatsächlich vorhandenen Diskurse mit purem Nonsens überschwemmen und so Verwirrung stiften.

Egal wie: Man will Nutzer-Meinungen in Schieflage bringen. Bots sollen Trends wie Aktienkurse künstlich in eine jeweils gewünschte Richtung treiben. Selbst wenn sie von den Nutzern sozialer Medien durchschaut werden, können sie die Debatten beeinflussen: Diskussionen werden nicht mehr geführt, wenn Nutzer keinen Sinn mehr darin sehen, auf einer Plattform zu kommunizieren, auf der sich zum großen Teil nur noch Maschinen als Gesprächspartner befinden.

Bots werden menschlichen Nutzern immer ähnlicher

Dabei wird es immer schwerer, Bots von Menschen zu unterscheiden. Denn sie agieren inzwischen unter echt anmutenden Fake-Profilen und geben immer besser vor, aktive und interessierte Bürger zu sein. Sie wandeln sich also immer mehr vom beauftragten Agenten, der mechanisch Jobs abspult, hin zum selbsthandelnden Akteur. Ja, es gibt mittlerweile Botnetze, in denen Skripte untereinander sogar Kontroversen austragen, um nicht als Algorithmen enttarnt zu werden.

Darum ist die eingangs erwähnte Munich Bot Challenge, die noch bis zum 15. September läuft, ebenso begrüßenswert wie notwendig. Die teilnehmenden Teams haben darin die Aufgabe, selber Software zu entwickeln, die unter den Accounts von öffentlichen deutschen Einrichtungen die Social Bots unter den Followern dieser Accounts identifizieren soll. Mit Algorithmen gegen die Algorithmen also. Willkommen im Wahlkampf 2017!

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