No Angels auf Clubtour Da waren's nur noch drei

Fast schon Punkrock: Die No Angels sind mal wieder zurück - mit einer "intimen" Clubtour. Nicht dabei ist Nadja Benaissa. Sie wird im August vor Gericht stehen. Eine Reportage von Katharina Riehl

Irgendwie scheint man dann wohl doch das Gefühl gehabt zu haben, sich ein wenig rechtfertigen zu müssen. In dem kleinen Eingangsbereich des Münchner Innenstadt-Clubs Atomic Café, gegenüber der Theke, hängt das Programm des Monats Mai. Und zwischen all den Britpop-DJs und Clubrock-Bands, die dort in diesem Monat angekündigt sind, gibt es da auch das: Acoustic Angels, einen intimen Abend mit den No Angels.

Bequeme Klamotten, Barhocker, Stehlampen und kein einziger Garderobenwechsel: Die

No Angels

machen eine "intime Clubtour" durch Deutschland.

(Foto: Foto: getty)

Detleef D! Soost wippte im Takt

Die No Angels, Casting-Popstars der ersten Stunde und einst vor allem dafür berühmt, sich in riesigen Hallen im ganzen Land pro Show unzählige Male in immer noch bunter glitzernde Hüllen zu werfen. Dabei tanzten sie zu ihren stets netten, aber eher harmlosen Liedern so perfekte Choreographien, dass man den stolz lächelnden Detlef D! Soost quasi im Takt mitwippen sah. Diese No Angels machen eine Clubtour. Das Auftaktkonzert in München findet dort statt, wo die Sportfreunde Stiller gegründet wurden und sonst Bernd Begemann und die Die Goldenen Zitronen spielen. Und weil das wohl auch den Veranstaltern nicht ganz geheuer ist, ist auf dem Plakat der Satz zu lesen: "Fast schon wieder Punkrock, die Sexpistols waren schließlich auch eine Castingband."

Nun, damit das gleich klar ist: Punkrock ist es nicht, was die No Angels da auf die Bühne bringen. Aber es ist auch keine perfekt durchgestylte Bühnenshow mit mehr Effekt als Musik. Sehr lässig sind die Damen gekleidet, die meiste Zeit sitzen sie auf Barhockern, hinter ihnen stehen eine Live-Band und ein paar Stehlampen: die No Angels zu Besuch im Wohnzimmer - live, ganz ohne die Hilfe von RTL 2.

Einiges hat sich geändert für die No Angels. Nachdem sich die Band erst trennte, dann wiedervereinte, beim Grand Prix antrat und grandios scheiterte und nun seit gut einem Jahr vor allem die Bild-Zeitung die No Angels vornehmlich als Schlagzeilen-Spender betrachtet, will man jetzt mal wieder Musik machen und das neue Album Welcome to the dance an den Mann bringen.

Mit Band und mit ohne Glitzerkleider

Alles ist ein bisschen kleiner geworden, nicht nur der Konzertraum. Von den fünf Engeln sind an diesem Abend nur drei da, während sich Vanessa Petruo am Comeback der Band von Beginn an nicht beteiligt hatte, fällt Nadja Benaissa an dem Abend aus gesundheitlichen Gründen aus. Heißt es. Ein gutes Jahr ist es inzwischen her, dass der Skandal um Nadja zum ersten Mal durch die Boulevardpresse schwappte: Sie soll einen Mann bei ungeschütztem Sex mit dem Aids-Erreger HIV infiziert haben.

Ein paar Stunden nach dem Konzert in München teilte das Amtsgericht Darmstadt mit, dass Nadja sich von August an wegen Körperverletzung vor Gericht verantworten muss. Ihr drohen zwischen sechs Monate und zehn Jahre Haft. Später, nach der Show, werden ihre Bandkolleginnen erzählen, dass es im letzten Jahr sehr viel Ablenkung von dem gegeben hätte, was eigentlich für sie wichtig sei. Dass die Konzentration "nicht so ganz auf dem Album" gelegen habe.

So mit Band und so ganz ohne Glitzerkleider wirken die No Angels ziemlich erwachsen. Vom Bravo-Starschnitt-Teenie-Idol-Gefühl ist nicht viel übrig geblieben, was sich vor allem auch daran zeigt, dass kein einziger Teenager im Atomic Café zu sehen ist. Das Publikum kommt zum großen Teil eher aus einer Alterskohorte, die schon mit Falten statt mit Pickeln kämpft, das Haar-Meer vor der Bühne hat einen leichten Graustich. Es scheinen die alten treuen Fans zu sein, die den drei verbliebenen Engeln ihre Solidarität bekunden. Und als Sandy, mit viel Pathos in der Stimme, dem Publikum fürs Kommen dankt, da macht es fast ein bisschen den Anschein, als hätte man damit gar nicht mehr gerechnet.

ZDF? Nicht gerade ein Teenie-Sender

Ja, das Publikum der No Angels ist ein wenig in die Jahre gekommen. Daran könnte es vielleicht auch liegen, dass die Band nur einen Tag vor der kleinen Show im Münchner In-Schuppen einen etwas weniger intimen Auftritt hatte: im immerlustigen Fernseh-Schrebergarten der Andera Kiewel im ZDF. Auch nicht gerade ein Teenie-Sender.

Später, als das Café sich nach einem musikalischen Schnelldurchlauf der Bandgeschichte geleert hat, als die drei Sängerinnen wieder auf Barhockern sitzen, man die unglaublich blonden Haare und noch unglaublicheren weißen Zähne von Sandy aus der Nähe sehen kann, und wissen will, was es mit dieser neuen Strategie auf sich hat, erfährt man erwartungsgemäß nur wenig. Man habe halt eine große Bandbreite, sagen sie. Die brauchen sie wahrscheinlich auch.

Sandy hat sich ein oranges Handtuch um die Schultern gelegt, die drei Frauen machen einen zufriedenen Eindruck. Inzwischen drückt sich nur noch das Team von RTL in der Nähe des Tresens herum, eine Blondine mit einem Kameramann im Schlepptau des Senders scheint der einzige Mensch auf dem Konzert gewesen zu sein, der bei der Kür der No Angels zu den ersten Popstars des Landes im Jahr 2000 noch Kakao statt Bier getrunken hat. Andererseits: Wer weiß das schon. Auch RTL hat gerade ein Interview bekommen. Eine Zeitlang sprach man nicht mit den Kölner Journalisten, die in der Sache Benaissa sich nicht gerade durch besonderes Fingerspitzengefühl ausgezeichnet hatten, doch man mag sich wieder.

Haben die Engel sich für eine Clubtour entschieden, weil sie die großen Hallen nicht mehr füllen können? Blöde Frage, finden die drei Frauen. Schließlich wolle man einfach Neues ausprobieren, den Fan ganz nah bei sich haben und so. Aber was sollen sie auch sagen, die Zeiten waren schon besser für die No Angels. Was bleibt ist kein bisschen Punkrock, ein bisschen Fernsehgarten und das Warten auf bessere Tage.

Nadja Benaissa: Der erste Auftritt danach

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