Im Kino: "The Tree of Life" Stückchen Schöpfung

Man wird den Verdacht nicht los, dass Brad Pitt hier den Auftritt seines Lebens absolviert hat, Terrence Malick das aber nicht zeigt. Der Cannes-Gewinner "The Tree of Life" ist ein Fluss von Bildern, die zurückführen an den Anfang der Welt.

Von Susan Vahabzadeh

Der Filmemacher Terrence Malick ist das große Mysterium des amerikanischen Kinos, aus einer Reihe von Gründen. Beim Kino ist er erst gelandet, als er schon Texte von Heidegger übersetzt hatte; und zum Image des Harvard-Philosophen kam dann noch eine permanente Flucht vor Ruhm und Öffentlichkeit dazu, ein an Besessenheit grenzendes Versteckspiel.

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Der amerikanische Filmjournalist Peter Biskind, der seinerseits besessen daran arbeitet, alle Geheimnisse der amerikanischen Filmindustrie freizulegen, hat sich des Falls Malick Ende der neunziger Jahre einmal angenommen, als Malick gerade nach zwanzigjähriger Kino-Abstinenz wieder auftauchte.

Was er damals zutage gefördert hat, lässt The Tree of Life als Malicks großes Chef d'Œuvre erscheinen. Weil er damit erstens dann doch sein Innerstes preisgibt, und zweitens jenen Film gemacht hat, den er damals nicht drehen konnte: Es sollten Bilder werden, die noch nie zuvor jemand gesehen hat, sagte sein damaliger Kameramann, von einem schlafenden Gott, der vom Anbeginn des Universums träumt.

The Tree of Life, Ergebnis jahrelanger Arbeit, in Cannes im vorigen Monat erstmals gezeigt und mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, ist sehr eng mit Malicks eigener Familiengeschichte verknüpft - der Tod des Bruders und das schwierige Verhältnis, das er zu seinem Vater hatte. The Tree of Life ist verfilmter Bewusstseinsstrom, ein Fluss von Erinnerungsfetzen und Bildern, die zurückführen an den Anbeginn der Welt.

Wir tauchen ab ins Bewusstsein eines Mannes - Sean Penn, den man dann lange Zeit nicht wiedersehen wird - in einem großen modernen, kalten Haus, in seine quälende Erinnerung an den Tod seines Bruders und die Unfähigkeit der Mutter, sich damit abzufinden; dann kommt eine zunächst verwirrende, aber traumschöne Sequenz, die von einem lavalampenartigen Urknall zur Entstehung des Lebens an sich führt, und letztlich in ein bestimmtes Leben mündet.

Achterbahn der Wahrnehmungen

Die Wahrnehmungen eines kleinen Jungen in der Nachkriegszeit, Momentaufnahmen, wie sie sich ins Hirn brennen, weil man zum ersten Mal sieht, die Silhouette der Mutter, das Sonnenlicht, das an der Wand tanzt, ein Vorhang, der im Wind weht, die Eifersucht, als ein weiteres Baby geboren wird, und er die Mutter nicht mehr für sich allein hat, und dann all die Probleme und Unsicherheiten und Streitigkeiten, die sich erst ergeben, als die Sprache hinzukommt.

Brad Pitt spielt den Vater, man sieht ihn einmal, als der Junge gerade geboren wurde, wie er, zärtlich und hingerissen, den winzigen, durchscheinenden Fuß betrachtet. Aber der liebende Vater ist streng, er will die Jungen, drei sind es letztlich, unerbittlich nach einem bestimmten Ideal erziehen - einerseits sollen sie nicht werden wie er, er fühlt sich als Versager, sie sollen sich behaupten; andererseits sollen sie doch seine Ebenbilder werden, und nicht die ihrer Mutter.

Was man da sieht, ist eine Achterbahnfahrt der Wahrnehmungen, unendlich schöne Bilder - ein sich formierender Vogelschwarm über einer Skyline in der Stadt zu Beginn, die Bäume und die Natur und der Himmel in der Kleinstadt der Kindheit.

Malick ist der große Pantheist unter den Filmemachern, er findet in der Natur Schönheit und Grausamkeit nebeneinander und ineinander verwoben. In The Tree of Life treibt er das weiter, und er lässt keine Sekunde Zweifel daran, was das eigentlich ist, was er da zeigt - eine Suche nach Gott.

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