Filmfestival Venedig Mel Gibson will zurück in den Hollywood-Olymp

Ex-"Spiderman" Andrew Garfield (Mitte) spielt in "Hacksaw Ridge" einen Soldaten der sich im Zweiten Weltkrieg freiwillig zur Armee meldet, aber keine Waffen tragen will. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte.

(Foto: Universum)

In Venedig zeigt der Regisseur sein brutales Weltkriegsdrama "Hacksaw Ridge" über einen Soldaten, der sich im Zweiten Weltkrieg freiwillig zur Armee meldet - aber keine Waffen tragen will.

Von Susan Vahabzadeh

Manchmal kann man sogar am Lido nachempfinden, wie grausam Hollywood sein kann. Mel Gibson hat sich dort vor ziemlich genau zehn Jahren selbst aus dem Olymp katapultiert - wegen eines nächtlichen Auftritts vor Polizisten steht er unter Antisemitismus-Verdacht, wurde zur Persona non grata. Seither kratzt er immer wieder an der Pforte zum Paradies. Die Mädchen, die bei der Premiere seines Films "Hacksaw Ridge" am Lido ausharrten, um ein Autogramm von ihm zu bekommen, scherte das nicht, die waren damals noch in der Grundschule. Manche hatten sich, Gibsons "Braveheart" huldigend, die Gesichter blau angemalt. Gibson schritt den roten Teppich besonders ausführlich ab - arrogante Ausfälle kann er sich ja nicht leisten. Die perfide Strafe, die der Filmgott sich für ihn ausgedacht hat, bestand darin, dass das doch recht rasch gealterte Ex-Sex-Symbol Gibson mit weißem Rauschebart und etwas steif, ein Jugendbildnis seiner selbst nach dem anderen signieren musste.

Der Film, den er hier zeigt, ist seine erste Regiearbeit seit "Apocalypto", den er noch vor seinem Ausfall gedreht hat. "Hacksaw Ridge" ist nun so eine Art verfilmte Abbitte. Andrew Garfield spielt einen Jungen, dessen Vater aus dem Ersten Weltkrieg einen Knacks und ein Alkoholproblem mitgebracht hat. Bei einer kindlichen Rauferei hat der Junge seinen Bruder im Übereifer fast mit einem Stein erschlagen, und nun, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, hat er allen Waffen abgeschworen. W eil die Nazi-Aufmärsche in den Wochenschauen ihm allzu satanisch vorkommen, meldet er sich dennoch bei der Armee, beruft sich aber auf das Recht, aus Glaubensgründen den Dienst an der Waffe zu verweigern. Die Jungs in seiner Einheit und sein Sergeant finden das überhaupt nicht witzig und quälen ihn fürchterlich, aber Desmond Doss berührt kein Gewehr und geht auch nicht weg - er will als Sanitäter dabei sein. So landet er schließlich in einer der blutigsten Schlachten überhaupt, der von Okinawa.

Gibson inszeniert eine Weltkriegsschlacht, die nicht enden will

Die Grundidee, die in "Hacksaw Ridge" steckt, ist für eine Abbitte durchaus geeignet - ein pazifistischer Held, besetzt mit Ex-"Spiderman" Andrew Garfield, der hier auch ohne Superkräfte sehr schön für das Gute kämpft. Was nun die Glaubensfragen betrifft: Es ist kein missionarischer Eifer in diesem Unternehmen zu erkennen. Desmond war Mitglied der Glaubensgemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten. Er wurde, heißt es im Abspann, von dem Glauben an "seinen" Gott geleitet, und die Formulierung kommt nicht von ungefähr. Nur ist die Binnenlogik, dass man Satan bekämpfen muss, und deswegen ein Pazifist einem Gemetzel beiwohnt, nicht so ganz nachvollziehbar.

Doch selbst wenn man Gibson folgt: Die Inszenierung ist altbacken, und hätte es diesen Desmond Doss nicht wirklich gegeben, wäre der ganze Film überflüssig. Im Zentrum steht eine Weltkriegsschlacht, die nicht enden will. So was haben andere schon besser inszeniert, und vor allen Dingen: kürzer. Es soll sicher qualvoll anzusehen sein, wie da die Körper zerplatzen und die Gliedmaßen herumfliegen. Gibson formuliert, wenn auch nicht besonders elegant, seine Botschaft: Die Menschen auf dem Schlachtfeld verwandeln sich in tollwütige Tiere. Zu Verstand kommen sie immer dann, wenn sie Desmond sehen, der diese Wandlung nicht mitmacht. Desmond kriecht am Ende übers Schlachtfeld, die anderen haben sich schon zurückgezogen, und seilt Verwundete ab ins Lazarett, auch gegenerische Japaner. 75 Männer hat er so gerettet.

"Hacksaw Ridge" wäre ein besserer Film geworden, hätte sich Gibson auf seine Kernaussage konzentriert: Desmond weiß, dass ein wildes Tier in ihm wohnt, das man besser nicht auch noch aufrüsten sollte. Was wiederum sehr viel mit der Diskussion um den Besitz von Schusswaffen zu tun hat, die in den USA seit Jahren geführt wird.

Um wilde Tiere geht es auch in Ulrich Seidls Dokumentarfilm "Safari" - genaugenommen um ihre Jäger. Um Leute, die ein Vermögen dafür bezahlen, in Afrika Giraffen abzuknallen und sich um den Wildtierbestand einen Teufel scheren, was sie aber natürlich nicht zugeben. Sie reisen um die halbe Welt, um die Macht auszukosten, Tiere zu töten, ohne die sie unbewaffnet keine Chance hätten. Man fragt sich dann bald, für wen sie sich eigentlich halten. Spätestens, wenn der Besitzer der Safari-Lodge und seine Frau sich über die Schwarzen an sich und ihre politische Beratungsresistenz auslassen, ist klar: Sie halten sich für Herrenmenschen, die sich daran weiden, Tieren beim Sterben zuzusehen. Wie immer sind Seidls Bilder von strenger Ästhetik, durchkomponiert und von eigentümlicher, irritierender Schönheit. Der Film läuft aber - wie auch der von Gibson - außer Konkurrenz. Leider.

Außer Thesen nichts gewesen

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Es ist nämlich so: Manche der Wettbewerbsfilme der letzten Tage sind ein bisschen, wie soll man sagen: schlicht. "The Distinguished Citizen" des argentinischen Regiepaars Mariano Cohn und Gastón Duprat beispielsweise. Sie schicken in einer leichten Komödie einen Literaturnobelpreisträger, der sich kreativ ausgebrannt fühlt, zurück in sein Heimatdorf, wo er es mit allerhand Wahnsinnigen zu tun bekommt. Das ist nett, aber mehr auch nicht. Oder "Piuma", einer der italienischen Löwenbewerber, von Roan Johnson. Auch sehr lustig, ein römischer Familienvater verzweifelt, weil sein Teenie-Sohn seine Freundin geschwängert hat, und statt sein Haus zu verkaufen und in die Toskana zu ziehen, soll er sich künftig um vier lebensuntüchtige Generationen kümmern statt wie bisher um drei. Es sind ein paar wunderbare Momente dabei. Beispielsweise, wenn der werdende Teenievater von einem gekenterten Containerschiff erzählt, und eine Armada von kleinen gelben Plastikentchen sich aufmacht, die Weltmeere zu erobern. Aber die paar Momente können nicht darüber hinwegtäuschen, dass er eine fabelhafte Fernsehkomödie gedreht hat und kein Kino.

Auf dem Mexikaner Amat Escalante lasten da höhere Erwartungen, weil er mit "Heli", in dem eine ganz normale Familie in die Fänge der Drogenbarone gerät, schon mal bewiesen hat, was er kann. "La región salvaje" aber ist vorwiegend mysteriös. Da schlafen diverse Mitglieder einer Familie mit einem lustspendenden Alien, von dem es heißt, es sei unsere primitive Seite. Obwohl es da immer was zu schauen und zu entziffern gibt: Das Gesehene bleibt so erratisch, dass es schon wenige Minuten nach Filmende in der dunklen Lagune versinkt. Rätselraten im Kino kann ganz schön sein, man muss auch bei Ulrich Seidl immer darüber nachdenken, welche von seinen Bildern wirklich irritierend sind und welche nur freilegen, wie engstirnig man als Zuschauer ist. Aber man sollte beim Dechiffrieren schon wissen, wo man anfangen soll.

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