Digitalisierung Gestern noch Versprechen, heute schon Bedrohung

Digitalisierung des Lebens: Motor der Freiheit oder neue, totalitäre Religion?

(Foto: SZ)

Das Netz voller Freiheit, Quasimonpole, Cyberkriege: Der rasante technische Fortschritt lässt bisherige Maßstäbe rasch veralten. Der Staat muss schneller reagieren, sonst gewinnen nur die Reichen und Starken.

Von Matthias Drobinski

Streiten sich ein Schriftsteller und ein Gentechniker. Der Literat möchte seine Zuhörer warnen, was die Gentechniker alles anstellen könnten mit der Menschheit. Von Satz zu Satz aber wird er verzweifelter, denn der Gentechniker knockt ihn mit so kurzen wie lakonischen Sätzen aus: "Warnen könntet ihr nur, wenn ihr uns voraus wärt. In Wirklichkeit hinkt ihr hinterher." Wolfgang Hildesheimer, der Schriftsteller, hat diese Szene 1975 entworfen, in seiner Rede über das "Ende der Fiktionen". Die technische und wissenschaftliche Entwicklung ist schneller und fliegt höher als die Fantasie des Literaten, lautete Hildesheimers These; alle Deutungen und Maßstäbe sind schon überholt, wenn sie formuliert werden, alle Warnungen und Begrenzungsversuche müssen hilflos bleiben.

Das ist jetzt 43 Jahre her, ein halbes Menschenleben und eine halbe Ewigkeit. 1975 legte eine Konferenz im kalifornischen Asilomar erste Regeln für den Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen fest; weltweit wurden damals 2000 Lochstreifen fressende Kleincomputer der Marke Altair 8800 verkauft, was eine Sensation war. Dass heute jedes Kind ein Smartphone an der Hand kleben hat, war unvorstellbar, dass man Gene neu zuschneiden und ganze Organe züchten kann, genauso. Hildesheimers These scheint jetzt erst in seiner ganzen Wucht zu gelten: Die menschheitsprägenden Technologien sind so sehr abgekoppelt von dem, was eine Gesellschaft fassen und voraussehen kann, dass jede ethische Bewertung, jede passgenaue Regel zu spät kommt; die Halbwertszeit der gültigen Maßstäbe jedenfalls ist kurz geworden. Vor einigen Jahren hieß es zum Beispiel, Stammzellen von Erwachsenen könnten nicht zum Klonen genutzt werden und seien völlig unbedenklich - diese Sicherheit ist mittlerweile dahin.

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Die Grenzen sind fließend geworden, die Grauzonen breit. Die Unterscheidung zwischen realer und virtueller Welt löst sich umso mehr auf, je stärker Beruf, Freizeit, Freundschaften, Beziehungen und das Familienleben im Internet stattfinden und das Leben ein großer Datenstrom wird. Private und öffentliche Räume werden ununterscheidbar, das Lokale ist zugleich global. Die Menschen informieren sich völlig anders als noch vor zehn Jahren; man kann nachts am Schreibtisch wildfremde Menschen beleidigen; kann ins Home-Office wechseln, als Selbstverwirklicher oder armer Heimarbeiter. Man kann sich in die ersten autonom fahrenden Autos setzen und die spannende Frage stellen: Wer ist schuld, wenn der Wagen nun jemanden überfährt?

Stammzellen von Erwachsenen galten als völlig unbedenklich - diese Sicherheit war bald dahin

Was gestern noch Versprechen war, kann heute schon Bedrohung sein. Als der Arabische Frühling blühte, waren Facebook, Google, Mailserver und Messengerdienste Motoren der Freiheit, der Emanzipation und der Aufklärung; als die Piratenpartei ihre Triumphe feierte, schien die Schwarmintelligenz transparenter Netzbürger ein neues Politikmodell hervorzubringen. Der völlig transparente Bürger ist wenige Jahre später eine Schreckensvision, das Netz ein Ort der Quasimonopole von Facebook, Google, Amazon, der Dominanz von hasstriefenden, rechtsradikalen Trollen, der unerklärten Cyberkriege staatlich aufgerüsteter Hacker. Der Fortschrittsoptimismus hat gelitten. Tim Berners-Lee, der vor 25 Jahren das Internet mit entwickelte, würde am liebsten mit einem neuen Netz noch einmal von vorn beginnen und alles besser machen. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Erfolgsbuch "Homo Deus", wie dereinst die Menschheit vergehen wird: Eine neue, totalitäre Religion, der Dataismus, wird das Heil im Algorithmus versprechen; die Leute werden ihm folgen, bis der Algorithmus die Menschen überflüssig findet. Sie werden nicht dagegen kämpfen, sich auflehnen gegen den Untergang. Sie werden ihn klasse und moralisch einwandfrei finden.

Solche Schauergeschichten haben ihren Reiz und ihren Nutzen: Sie zeigen, wohin sich die Welt entwickeln kann, wenn es so weitergeht wie bisher. Sie können aber auch zur Resignation verleiten: Wenn ohnehin alles verloren ist, warum dann noch etwas ändern wollen? Es spricht aber alles dafür, das Rennen nicht aufzugeben, das Wolfgang Hildesheimer für verloren hielt. Es ist auch heute noch offener, als es dem Schriftsteller vor 43 Jahren erschien. Vor allem bleibt einer Gesellschaft, die offen, frei, gerecht bleiben will, gar nichts anderes übrig, als einen Weg zu suchen zwischen Fortschritt und Fortschrittsbegrenzung, zwischen Machbarem und Gewolltem.

Es entsteht ja kein ethikfreier, gewissermaßen neutraler Raum, wenn eine Gemeinschaft technische und wissenschaftliche Entwicklungen nicht mehr nach allgemeinen Maßstäben wertet und kontrolliert, wenn man etwa im Netz faktisch Anarchie zulässt. Es entstehen dann andere Werte; im Augenblick wächst eine Ethik zugunsten der Nutzeroptimierung und des optimierten Nutzers heran.