Debatte um geschlechtsneutrale Sprache Schwedens "Mappas" und "Pammas"

Zuerst die Frau, dann der Mensch: In Schweden ist ein Streit um eine geschlechtsneutrale Sprache entbrannt. Mittlerweile hat die Debatte rund um das neue Personalpronomen "hen" die Spitzen der Politik erreicht und es stellt sich die Frage, ob volkspädagogische Bevormundung die Gesellschaft verändert.

Von Thomas Steinfeld

Ende Januar ist in Schweden das erste Kinderbuch in geschlechtsneutraler Sprache erschienen. "Kivi" heißt das Kind, um das es in diesem kleinen Werk von Jesper Lundqvist und Bettina Johansson geht (Olika Verlag, Stockholm 2012), und weil "Kivi" sich einen Hund wünscht, aber nicht sofort bekommt, entsteht eine kleine Geschichte in Reimen. Das alles ist sehr heiter und angemessen skurril, hätte aber nie die große Aufmerksamkeit erreicht, die es jetzt erhielt, wäre in diesem Buch nicht konsequent das neue Personalpronomen "hen" verwendet worden. In ihm sollen "hon" ("sie") und "han" ("er") zusammenfallen, wobei selbstverständlich auch die konjungierten Formen "hens" für den Genitiv und "henom" für die Objektform dazugehören. Seitdem geht eine öffentliche Auseinandersetzung um die Sprache als Medium sexistischer Vorurteile durch das Land.

Für eine "neue Methode, Gleichberechtigung zu erreichen", erklärte Nyamko Sabuni, Schwedens Ministerin für Integration und Gleichstellung, das kleine Wort, während Maud Olofsson, die bekannteste Politikerin der Zentrumspartei, befürchtet, das Pronomen "hen" werde Kindern die Geborgenheit rauben.

Wenn es ein Land auf der Welt gibt, in dem eine solche Initiative Erfolg haben könnte, dürfte es Schweden sein. Das liegt zum einen an der Sprache: Der Unterschied zwischen Maskulinum und Femininum, dem im Deutschen Substantive (und Artikel) unterworfen werden, ist im Schwedischen im Utrum aufgehoben, in einer Form für beide Geschlechter (daneben gibt es, wie im deutschen, ein Neutrum). Die Differenz macht sich nur bei den Pronomen geltend, so dass sie tatsächlich ein möglicher, weil kleiner und fest umrissener Gegenstand einer Sprachreform sein könnten - zumal die Objektform (also Dativ und Akkusativ) ohnehin gerade verschwindet.

Zum anderen liegt es an den sozialen und politischen Bedingungen für den Umgang mit der Sprache in Schweden: Es gab dort schon einmal, und ebenfalls aus Gründen der Gleichbehandlung, eine Sprachreform: und zwar in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, als, unterstützt von staatlichen Institutionen, die Anrede "Ni" ("Sie") aufgegeben und durch das allgemeine "du" als Ausdruck von Freiheit und Gleichheit ersetzt wurde, mit Erfolg.

Vor ein paar Jahren erschien in Schweden ein Buch, das solche Verbindungen von staatlicher Aufsicht und dem individuellen Anspruch auf Selbstbestimmung für etwas spezifisch Schwedisches erklärte. "Är svensken människa?" ("Ist der Schwede ein Mensch?", 2006) heißt dieses Werk des Journalisten Henrik Berggren und des Historikers Lars Trädgårdh, in dem die Schweden so definiert werden: "eine pragmatische Gemeinschaft, in der man einander wohlgesonnen ist, ein starker, aber kalter Staat und autonome, geschlechtslose, zeitlose und gleichgestellte Bürger".

Weiblichkeit als Nachteil

Anders gesagt: das "hen" soll dazu dienen, den wahren Menschen von seiner Bestimmung als Geschlechtswesen zu befreien - was selbstverständlich vor allem den Frauen zugutekommen soll, die ihre Weiblichkeit als Nachteil in der Konkurrenz um Geld und Macht erfahren müssen.

Wenn es also im Kinderbuch um Kivis Eltern geht, dann heißen sie aus diesem Grund "Mappa" und "Pamma". Das ist nur scheinbar lustig, denn dahinter droht ein erhebliches Maß an volkspädagogischer Bevormundung und Selbstgerechtigkeit. Henrik Berggren und Lars Trädgårdh würden hingegen darin die Absicht erkennen, dem eigentlichen Menschen mit den Mitteln eines radikalen Etatismus zu seinem Recht zu verhelfen.

Diese Idee hat in Schweden eine lange Tradition: Als die Sozialdemokraten in den frühen dreißiger Jahren an die Macht kamen, entwickelten sie, beflügelt durch die Pamphlete des Ökonomen Gunnar Mrydal und seiner Frau Alva, einer Pädagogin, weitreichende Ideen, zuerst die Frau und dann den Menschen als solche mit den Mitteln der Sozialtechnik von seinen persönlichen Abhängigkeiten zu lösen.

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