"Cloud Atlas" im Kino Urwald von Ideen

David Mitchells Bestseller "Cloud Atlas" ist ein literarisches Kaleidoskop, das sich mit einem elementaren Thema beschäftigt - der menschlichen Willenskraft. So etwas ist eigentlich unverfilmbar, doch Tom Tykwer und die Wachowski-Geschwister haben sich dem Stoff gestellt und großes Kino geschaffen.

Von Susan Vahabzadeh

In der Zukunft regiert ein grausamer Superkapitalismus: Die Duplikantin Somni (Doona Bae) lässt sich von Hae-Joo Chang (Jim Sturgess) zur Flucht verführen.

(Foto: Warner/XFilme)

Ein Mammutprojekt ist "Cloud Atlas" in mehr als einer Hinsicht. Teurer, als deutsches Kino je gewesen ist, hundert Millionen Euro soll der Spaß gekostet haben. Mit großen Stars, von zwei Teams und ihren jeweiligen Regisseuren - den Wachowski-Geschwistern und Tom Tykwer - gleichzeitig gedreht, basierend auf einem internationalen Bestseller. Und vor allem: ein Urwald von Ideen, in dem man manchmal fast die Orientierung verliert.

Aus sechs Geschichten setzt sich "Cloud Atlas" zusammen, die in einem Zeitraum von einem halben Jahrtausend spielen. In jeder stemmt sich der freie Wille gegen das Schicksal, am Ende siegt fast nie das Gute; und die Hoffnung bleibt doch, jedes Mal: Es kommen bessere Zeiten, irgendwann, nur nicht jetzt.

Der Amerikaner Adam Ewing ist im Pazifik unterwegs, Ende 1849; der Komponist Robert Frobisher flieht 1931 vor seinen Gläubigern in die Dienste eines älteren, wohlhabenden Kollegen, der ihn ausbeutet; eine Journalistin recherchiert in einem Energiekonzern; ein Verleger landet in einer Irrenanstalt; in der Zukunft wird eine Duplikantin verhört, die sich in ihr Dasein als Arbeitsbiene nicht fügen wollte und einem fürchterlichen Soylent-Green-Treiben auf die Spur kommt; und weit jenseits unserer Zivilisation lebt in einem Tal in Hawaii ein Stamm von Ackerbau und Viehzucht und erzählt sich von den Alten, die fliegen konnten und Krankheiten heilen und doch alles zerstörten mit ihrer Gier.

Im Roman von David Mitchell sind diese Segmente locker miteinander verknüpft. Ein Muttermal in Form eines Kometen taucht immer wieder auf, und die Geschichten werden weitergereicht: Frobisher liest die Aufzeichnungen von Ewing, dessen Briefe die Journalistin findet; das Wolkenatlas-Sextett, das Frobisher komponiert, ist später eine Schallplattenrarität.

Alles ist verbunden, auch Wirklichkeit und Fiktion: Die Episode, in der eine Journalistin der Vertuschung von Sicherheitsrisiken in einem Atomkraftwerk auf die Schliche kommt, ist ein Roman im Roman, den der Verleger in der nächsten Episode in die Finger bekommt. Aber der Wissenschaftler, der der Journalistin hilft, ist Frobishers Jugendfreund, und der Autor, dessen Name auf dem Deckblatt steht, ist das Kind, um das sie sich in der Geschichte manchmal kümmert.

Ein Großunternehmen

All das zu einem Drehbuch zu verarbeiten - Mitchells Roman hat mehr als 600 Seiten, das meiste braucht man auch für den Fortgang der Geschichte - ist an sich schon ein ambitioniertes Unternehmen, es dann zu verfilmen ein Großunternehmen.

Der Film dauert nun fast drei Stunden. Die noch größere Aufgabe aber ist es, Mittel und Wege zu finden, all das, was ihn ausmacht, in eine Bildsprache zu übersetzen. Mitchell verknüpft ja nicht nur, er hat die Erzählformen vermengt - ein Tagebuch, Briefe, Roman, Interview, inneren Monolog, bis in der fernen Zukunft alles zur Urform des Erzählens zurückkehrt, der oralen Überlieferung - im Kino kann man das nicht, dem Kino ist das alles eins.

Es galt also, etwas zu finden, was gleichwertig einzigartig nur dem Film möglich ist - in "Cloud Atlas" sind das der Schnitt und die Besetzung. Mitchells elf Kapitel wirbelt der Film durcheinander, und das macht es vielleicht etwas schwieriger, sich einzufinden, aber dafür ist der Prozess spannender (bis man das Prinzip des Romans durchblickt, braucht man schließlich auch eine Weile).