Bildband "Genesis" von Sebastião Salgado Schönheit und Bombast

In Reih und Glied: Pinguine in der Antarktis.

(Foto: Sebastião Salgado / Amazonas)

Wenn er etwas anpackt, wird meist eine Riesen-Aktion daraus. Sebastião Salgados fotografisches Langzeitprojekt "Genesis" über die unberührten Winkel unserer Welt ist monumental geraten - mit Bildern von bestechender Schönheit. Genau das ist aber auch ein Problem.

Von Paul Katzenberger

In der Bibel bildet der Mensch den Abschluss göttlicher Schöpfung und die Natur den Beginn. Sebastião Salgado hielt es anders herum. In seinem Fotografenleben interessierte er sich nach eigener Aussage lange Zeit immer nur für eine Kreatur: den Menschen. Nun hat er sich dem Beginn der Schöpfungsgeschichte doch noch zugewandt - in einem brachial-opulenten Bildband mit dem Titel "Genesis".

Die Anspielung auf die Bibel im Titel ist bei jemandem wie Salgado kein Zufall: Ob mit dem Kreuz, der Mutter Gottes oder dem Leichnam Jesu - der Fotograf bediente sich in seinen Bildern seit jeher der biblischen Ikonografie. In "Genesis" zeigt er nun die Welt als Ergebnis einer Schöpfung von überirdischer Schönheit: die Gletscher und die tiefen Schluchten in den amerikanischen, europäischen und asiatischen Randgebieten der Arktis fängt er in atemberaubenden Bildern ein, ebenso wie die nebelumhüllten Berge im Regenwald des Amazonas oder die endlosen Dünen der Sahara.

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Die Umorientierung vom Menschen zur Natur hat viel mit Salgados Lebensgeschichte zu tun: Auf einem Landgut in der brasilianischen Provinz aufgewachsen, entwickelte als Kind ein enges Verhältnis zur Natur. Zugleich wurde er mit den prekären sozioökonomischen Verhältnisse konfrontiert, in denen viele Menschen ihr Leben fristen müssen.

Ihrem Los widmete er zunächst seine Aufmerksamkeit, als er sich in den Achtzigerjahren als Fotograf etabliert hatte. Besonders bekannt wurde seine Fotoreportage von 1986 über die brasilianische Goldmine Serra Pelada, in der die Schürfer unter mittelalterlich anmutenden Bedingungen arbeiten. Das allmähliche Verschwinden traditioneller manueller Arbeit und die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die Sklaven moderner Produktionsweisen schuften müssen, dokumentierte er 1993 in seinem ersten Langzeitprojekt "Workers".

In "Migrations" (2000) wies er auf das erschütternde Los von Menschen hin, die durch Kriege, Unterdrückung, Hunger und Naturkatastrophen zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen werden.

"Schönheit ist ein Aufruf zur Bewunderung"

Salgado, der sich schon als Student gegen die Militärdiktatur in Brasilien politisch engagiert hatte und vor ihr schließlich nach Europa geflohen war, versteht seine damaligen Fotografien bis heute als soziales Engagement, um gegen Gewalt und Ausbeutung zu protestieren. Doch nicht alle Kenner seiner Arbeiten nehmen ihm das uneingeschränkt ab. Bei aller Bewunderung, die ihm entgegenschlug, musste er auch Kritik einstecken. Seine bildgewaltigen und durchkomponierten Fotos setzten vor allem auf ästhetische Wirkung und instrumentalisierten das Leid der gezeigten Menschen, hieß es immer wieder.

In einer kritischen Würdigung seiner "Workers"-Reihe stellte der New Yorker 1991 Salgados Verknüpfung von Dokumentation und Pathos in Frage: "Die Tragödie zu ästhetisieren", schrieb das US-Kulturmagazin damals, "ist die beste Methode, um die Gefühle für die Opfer zu betäuben. Schönheit ist ein Aufruf zur Bewunderung, aber nicht zu Engagement."

Aufnahme der Goldmine Serra Pelada im Bildband "Photographien" des New York Times Magazine*

(Foto: Sebastiãno Salgado / courtesy Schirmer/Mosel)

*The New York Times Magazine. Die Photographien 1978-2011. Herausgeben und mit einem Vorwort von Kathy Ryan. Mit Texten von Gerald Marzorati und den Photographen. 448 Seiten, 666 Abbildungen, davon 247 Tafeln in Farbe u. Duotone ISBN 978-3-8296-0553-3. Ladenpreis 58 Euro, 59.70 Euro (A), 81.90 sFr, lieferbar bei Schirmer/Mosel