Berlinale als "Tour de Force" Fehlgeschaltete Synapsen

Sind das Bärenköpfe, oder doch nicht? Der Overkill an Informationen führt bei der Berlinale langsam, aber sicher zu Sinnestäuschungen.

Wer versucht, bei der Berlinale von Anfang bis Ende möglichst das volle Programm mitzumachen, gerät unweigerlich in einen Zustand geistiger Erschöpfung. Sackenlassen ist nun das Gebot der Stunde.

Von Paul Katzenberger

Wer versucht, bei der Berlinale von Anfang bis Ende möglichst das volle Programm mitzumachen, gerät unweigerlich in einen Zustand geistiger Erschöpfung. Sackenlassen ist nun das Gebot der Stunde.

Die Berlinale neigt sich ihrem Ende zu, und das ist gut so. Zumindest für mich. Nicht etwa, weil die Filmfestspiele mich so sehr enttäuscht hätten, dass ich mit ihnen nichts mehr zu tun haben will. Sondern vielmehr, weil ich die Tour de Force an Impressionen, der ich mich in den vergangenen neun Tagen ausgesetzt habe, nicht eine weitere Woche durchhalten würde.

Ein kleiner Ausschnitt all der Dinge, die ich in diesen wenigen Tagen in Bild und Ton erlebt habe: Ich habe ausgedehnte Überlandfahrten im Lastwagen durch Rajasthan unternommen und dem amerikanischen Teenager Mason aus Austin dabei zugeschaut, wie er von einem Erstklässler zum jungen Mann heranreifte.

Ich habe die Bundeswehr im Camp "Marmal" in Mazar-e Sharif besucht. In einem Wiener Baumarkt habe ich das tschetschenische Asylbewerberkind Ramasan beim Ladendiebstahl beobachtet. In der argentinischen Provinz musste ich mich über den Macho Jorge aufregen, während ich in New York nicht anders konnte, als der Sexualtherapeutin Ronah Respekt zu zollen.

Ich bin in die Zeitmaschine gestiegen, die mich erst in das Bürgerkriegs-Chaos von Belfast im Jahr 1971 brachte und danach nach Nebelbad in "Zubrowka", das eine Art Kronland der Habsburger Monarchie gewesen sein muss. Ich war dabei, als somalische Piraten ihre nächste Beutefahrt planten, und ich habe erlebt, wie der chinesische Ermittler Zhang Zili in einer nordchinesischen Kleinstadt eine Mordserie aufklärte.

Aus rosa wird weiß

Das alles und noch viel mehr speiste die Berlinale in den vergangenen Tagen in mein dafür zu kleines Gehirn ein, das bei der Verarbeitung dieses gigantischen Informationsflusses nun unweigerlich an Zuordnungsproblemen leidet. Denn es ist ja nicht nur so, dass sich Ramasan und Mason einander verdammt ähnlich sehen, sondern sie auch "Jack" aus dem gleichnamigen Wettbewerbsfilm gleichen.

Die Bluse, die Léa Seydoux bei der Pressekonferenz trug, war rosa mit schwarzen Ornamenten, doch vor meinem geistigen Auge sehe ich sie nun in dem weißen Oberteil, das in Wahrheit Mélanie Laurent bei ihrer Pressekonferenz trug. Fehlschaltungen, wie sie einem Berlinale-übersättigtem Gehirn nun mal unterlaufen können, wenn es gleichzeitig an zwei recht attraktive Französinnen um die 30 denkt. Eben fehlgeschaltete Synapsen, denen nun die Ruhe des Sackenlassens gegönnt werden sollte.

Doch ich kann mich damit trösten, dass ich sicher nicht allein bin. Wie allgemeingültig mein geistiger Zustand sein muss, lässt sich vielmehr schon an den stilisierten Bärenköpfen erkennen, die auf dem Berlinale-Programmheft in hellblau, rot, violett und etlichen anderen Farben in einander verschwimmen. Sie symbolisieren fließende Grenzen, Sinnestäuschung, Konkretes im Detail und das verschwommene große Ganze. Die Berlinale-Macher wussten offenbar nur allzu gut, was sie einem antun.