Die Bundesregierung darf sich nicht hinter einer Sparpolitik verstecken, sie ist zur Kärrnerarbeit verpflichtet. Und sie muss aufhören, Energie auf aussichtslose Alleingänge zu verschwenden, mit denen sie nur die globale Krisenpolitik stört.
Der Gipfel der zwanzig großen Industrie- und Schwellenländer in Toronto hat für die deutsche Politik zwei wesentliche Ergebnisse gebracht. Erstens ist der große Streit mit den Amerikanern über Sparen und Wachsen ausgeblieben. Die Bundeskanzlerin war hier im Kreise der G-20-Staaten weit weniger isoliert, als man das nach der Vor-Gipfel-Rhetorik hätte vermuten können. Zweitens gibt es keinen globalen Konsens, was die Regulierung der Finanzmärkte betrifft. Im Grundsatz sind sich zwar alle einig: Die Banken müssen in ihre Schranken gewiesen werden, damit sich die Finanzkrise auf absehbare Zeit nicht wiederholen kann. Im Detail ist das Maß an internationaler Zusammenarbeit jedoch viel geringer als noch bis vor kurzem geglaubt. Hoffnung liegt jetzt vor allem in der großen Reform der Finanzmarktregeln, auf die sich der US-Kongress kurz vor dem G-20-Gipfel geeinigt hat. Das Gesetz könnte anderen Ländern als Richtschnur dienen.
Bild vergrößern
Wovon träumt Merkel? Sie muss viele innenpolitische Probleme lösen, doch dabei kann der Gipfel in Toronto nicht wirklich helfen. (© ddp)
Anzeige
Für Deutschland hat dies sehr konkrete Konsequenzen: Eine globale Bankenabgabe wird es nicht geben. Die USA wollen sie, Großbritannien, Frankreich und Deutschland auch, nicht aber Japan, Kanada und viele Schwellenländer. Der Grund ist klar: Kanadas Banken etwa haben sich in der Krise als gesund erwiesen und brauchten keine Hilfe vom Staat. Warum sollten sie mit einer Abgabe belastet werden, deren volkswirtschaftliche Konsequenzen man nicht genau kennt? Wenn die Bundesregierung eine solche Abgabe haben will, muss sie sie auf europäischer Ebene durchsetzen, wobei auch hier eine einheitliche Lösung alles andere als sicher ist.
Noch klarer ist die Lage in Sachen Finanztransaktionssteuer. Diese Abgabe - im Kern eine Umsatzsteuer auf Finanzgeschäfte - hat in der deutschen Diskussion einen hohen Symbolwert; sie gilt als gerechte Strafe für die Sünden der Banken, als Bremse für Zocker oder beides. International steht Deutschland aber völlig allein. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy fand zwar freundliche Worte für die Steuer - den politischen Willen, diese auch durchzusetzen, gibt es jedoch nirgendwo. Die Bundesregierung müsste sie im nationalen Alleingang einführen, was sie tunlichst unterlassen sollte, denn ein solches Vorgehen würde deutsche Unternehmen im Wettbewerb nur benachteiligen. Toronto wäre ein guter Anlass, die Geisterdebatte zu beenden und mögliche Einnahmen aus der Steuer aus dem Sparpaket der Bundesregierung wieder auszubuchen.
Dass Merkel und Obama beim Gipfel lauter Harmonie zeigten, ist kein Wunder, denn niemand hat ein Interesse daran, das noch junge Instrument des G-20-Prozesses zu beschädigen. Das Problem, das hinter dem deutsch-amerikanischen Streit steht, ist damit aber nicht verschwunden. Beide Seiten haben ja auf ihre Weise recht. Es kommt tatsächlich auf Wachstum an, wie Obamas Finanzminister Timothy Geithner sagt. Amerikas Verbraucher können nicht mehr, wie vor der Krise, die Weltkonjunktur antreiben - sie sind überschuldet. Es wäre daher gut, würden die Deutschen nicht nur immer mehr exportieren, sondern auch daheim mehr Geld ausgeben und so einen Beitrag zur Stabilisierung leisten.
Umgekehrt lässt sich Angela Merkel und Wolfgang Schäuble in einem Punkt kaum widersprechen: Ohne Schuldenbremse droht eine Vertrauenskrise in die Währung und den Staat insgesamt. Die Menschen bekommen Angst um ihr Geld, sie stellen sich auf das Schlimmste ein und halten ihren Konsum zurück. Inwieweit der Angstfaktor bereits heute eine Rolle spielt, ist offen. In der Bundesrepublik ist die Lage zwar noch besser als anderswo, doch mit einem Anteil der Staatsschuld am Bruttoinlandsprodukt von 81 Prozent im nächsten Jahr liegen auch die Deutschen weit jenseits des Tragbaren.
Seit der Finanzkrise bewegen sich die Politiker der Industrieländer auf gefährlichem und nicht erprobtem Terrain. Die Staatsschulden sind weltweit so hoch wie noch nie in Friedenszeiten. Eine Rettungsaktion für das Weltfinanzsystem wie 2008 wäre heute schlicht nicht mehr möglich. Das Dilemma war bis jetzt eher Entwicklungsländern vertraut: Dem Staat sind die Hände gebunden, Politiker müssen einerseits klarmachen, dass sie die Staatsfinanzen sanieren, sie dürfen es aber kurzfristig auch mit dem Sparen nicht übertreiben. Kurz vor dem Gipfel kündigte der Haushaltsdirektor von Präsident Obama, Peter Orzag, seinen Rücktritt an, angeblich, weil er sich mit seinen Sparplänen nicht durchsetzen konnte. Das Defizit dürfte zur Schicksalsfrage für die zweite Hälfte von Obamas Amtszeit werden.
Und die Deutschen müssen sich zum Wachstum bekennen. Der Aufschwung sei "fragil", heißt es in einem der Gipfeldokumente aus Toronto. Mit anderen Worten: Ein Rückfall in eine neue, diesmal noch gefährlichere Rezession ist jederzeit möglich. Für die deutsche Politik kommt es nicht darauf an, die Sparpolitik zu stoppen, sondern die Strukturprobleme des Landes anzugehen, die hohe Langzeitarbeitslosigkeit zum Beispiel oder die anhaltende Schwäche des deutschen Bankensektors. Und sie sollte aufhören, Energie auf aussichtslose Alleingänge zu verschwenden, mit denen sie nur die globale Krisenpolitik stört.
- Thema
- Angela Merkel RSS
- Gipfeltreffen in Toronto Ehrgeizige G-20-Sparziele 28.06.2010
- G-8-Gipfel Scheitern im Idyll 26.06.2010
- Streit um Finanzkurs Merkel bietet Obama Paroli 21.06.2010
- G-20-Gipfel Wenig Hoffnung auf Finanzmarktsteuer 25.06.2010
- G-20-Gipfel in Toronto Randalierer setzen Polizeiautos in Brand 27.06.2010
- Europäische Schuldenkrise Furcht vor dem deutschen Gespenst 29.11.2011
- Merkel, Sarkozy und Monti gegen die Krise "Merkozymo" statt "Merkozy" 27.11.2011
(SZ vom 28.06.2010/mel)
Verkehrssünderdatei in Flensburg
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/zeitfragen/1210376/
Na, vielleicht wird nun doch mehr Menschen klar, was unsere selbsternannten Eliten seit dem September 2008 bezüglich des "Finanzmarktmonsters" erreicht haben.
Einen feuchten Schmutz
Und wer NICHT die Zeche zahlt, die Millionäre und Milliardäre.
Die über das hilflose Zucken des dämlichen Volkes, welches den Westerwelles und Darth Merkels stiefelleckend hinterherwinselt, lachen und ihren Mokka aus vergoldeten Tassen trinken.
Die Wirtschaftsberichterstattung wird auch immer konfuser. Man hat das Gefühl, dass inzwischen keiner mehr durchblickt oder sich auch nur Mühe gibt sich Durchblick zu verschaffen.
Eine der schönsten Blüten der wirtschaftspolitischen Konfusion ist die seltsame Forderung, Deutschland solle weniger exportieren und natürlich trotzdem gleichzeitig wachsen. Wie soll das bitteschön funktionieren?
Sollte Frau Merkel wirklich das schlichte "weiter so" der amerkanischen Schulden-Junkie Politik mitmachen, um das internationale Krisenmanagement nicht zu stören? Herr Piper scheint wie die Amerikaner immer noch nicht gemerkt zu haben, dass diese Politik früher oder später zum sicheren Kollaps führen wird.
Die Realwirtschaft ist in Wahrheit in einem gar nicht so schlechten Zustand, die Wachstumspotentiale der Schwellenländer nach wie vor beträchtlich.
Das tatsächliche Problem ist nach wie vor, dass es sich mehr lohnt in windige Finanzspekulationen zu investieren als in die Realwirtschaft. Vor allem in den USA kann man die negativen Effekte dieser fatalen Entwicklung beobachten, die die amerikanische Realwirtschaft in den letzten Jahrzehnten nachhaltig geschwächt hat.
Und ausgerechnet das eine Instrument, das diese ungute Konstellation, die trotz der Krise unvermindert anhält, wirksam korrigieren könnte, nämlich die Transaktionssteuer, wird von Herrn Piper als unwichtiger Nebenschauplatz abgetan. Viele Finanzmarktexperten und Nobelpreisträger und selbst der Spekulant George Soros (in seinem jüngsten Zeit Interview) befürworten die Steuer und zwar nicht, wie Herr Piper meint, um die Banken zu bestrafen, sondern weil nur durch eine Reduzierung falscher Anreize (im Gegensatz zu Unternehmensgewinnen sind Transaktionsgewinne bisher nahezu steuerfrei) hier etwas korrigiert werden kann.
All die gut gemeinten Regulierungen, die wahrscheinlich in den USA von eben jenen Finanzmarkt Leuten vorgeschlagen wurden, die gleichzeitig an ihrer Umgehung arbeiteten, werden da nicht viel ausrichten.
Wir leben in einer Plutokratie in der die Politik vollständig und total von der Hochfinanz kontrolliert wird. Also werden grundsätzlich (soweit möglich) Verluste sozialisiert und Gewinne privatisiert.
Also ist es völlig klar warum es keine Kontrollen und Abgaben für die Banken und Fonds geben wird und geben kann.
Genauso könnte man einen Drogenhändler darum bitten seine Drogen zu vernichten, den Abhängigen die Kur zu zahlen und seine Mitverbrecher zu verraten.
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Paging