Viel News um wenig Fake Welche Rolle Falschmeldungen im Wahlkampf spielten

Diese Überschrift der Bild-Zeitung stellte sich als falsch heraus. Doch der Volkszorn hatte längst angefangen zu kochen.

(Foto: Screenshot Bild.de (M))
  • Immer wiedern warnen Politiker und Medien vor angeblich gefährlichen Fake News.
  • Wissenschaftler geben leichte Entwarnung: Die Aufregung ist wohl größer als die realen Auswirkungen.
  • Oft ist schlampiger Journalismus von vermeintlich seriösen Medien der Ausgangspunkt für virale Fake News.
  • Nicht nur AfD-Anhänger teilen Falschmeldungen. Linke sind genauso anfällig.
Von Simon Hurtz

An einem Donnerstagmorgen Ende Mai sagt Margot Käßmann einen Satz, der sie noch wochenlang verfolgen wird. Für die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche ist der Auftritt auf dem Kirchentag in Berlin ein Heimspiel. Es ist erst 9.30 Uhr, aber 5000 Menschen wollen sie reden hören. Käßmann hat ein kontroverses Thema gewählt: Sie spricht unter anderem über die Familienpolitik der AfD.

Die Theologin zitiert aus dem Grundsatzprogramm der Partei, in dem diese "eine höhere Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung" fordert. Die Tatsache, dass nur "bio-deutsche Frauen" Kinder bekommen sollten, erinnere sie an "den Arierparagraphen der Nationalsozialisten. Bio-deutsch soll nämlich bedeuten: zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern, und da weiß man, woher der braune Wind dann wirklich weht."

Die AfD und das Kreuz mit der Kirche

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Ihre Zuhörer klatschen laut und lange. Aber der Satz entwickelt ein Eigenleben. Erika Steinbach beklagt auf Facebook die "linksfaschistischen Ergüsse" und verkürzt das Zitat auf den Teil nach dem Doppelpunkt. Sie suggeriert, Käßmann hätte alle Deutschen ohne Migrationshintergrund in die Nazi-Ecke gestellt. Eine Steilvorlage für die AfD, die ebenfalls auf Facebook schreibt: "Margot Käßmann: Wo Deutsche Kinder bekommen, da weht ein 'brauner Wind.'" Bundessprecher Jörg Meuthen behauptet, die Bischöfin habe "Millionen Deutsche als Nazis" beleidigt. Der Journalist Henryk M. Broder wittert "die Fortsetzung der Nürnberger Gesetzte, diesmal nur andersrum". Beatrix von Storch kommentiert Käßmanns entstelltes Zitat mit dem Hashtag #Vollsuff.

Der Fall Käßmann steht exemplarisch für die Verbreitung von Fake News

Für Alexander Sängerlaub ist die Empörung über Käßmann ein perfektes Beispiel dafür, wie sich Falschmeldungen verbreiten. Der Kommunikationswissenschaftler hat für den Think Tank "Stiftung Neue Verantwortung" untersucht, wie Fake News entstehen und welchen Einfluss sie tatsächlich haben. "Es ist fast immer das gleiche Muster", sagt er. "Erst schlampen Journalisten, dann springen AfD oder andere rechtspopulistische Akteure darauf an und entwickeln Fake News daraus."

Geschlampt hat in diesem Fall ausgerechnet der Evangelische Pressedienst, der das wörtliche Zitat Käßmanns so unglücklich durch den Einschub "sagte Käßmann am Donnerstagmorgen" unterbrach, dass der Bezug nicht mehr ganz eindeutig war. Doch um von der missverständlichen Agenturmeldung auf das zuerst verkürzte, später frei erfundene Zitat zu kommen, muss man Käßmann schon unbedingt missverstehen wollen - was die AfD und ihr Umfeld ganz offensichtlich wollten.

In seiner Studie hat Sängerlaub analysiert, wer Fake News verbreitet, wie lange sich Falschmeldungen halten und wie stark sie die öffentliche Debatte prägen. Ihm sei wichtig gewesen, der teils aufgeregten Diskussion über Fake News Fakten entgegenzustellen und den Begriff sauber zu definieren. "Da wurde vieles durcheinandergeworfen", sagt Sängerlaub. "Die einen nutzen den Ausdruck als politischen Kampfbegriff, die anderen beschreiben damit journalistische Fehlleistungen."

Ihm gefalle die Formulierung nicht, weil sie wenig trennscharf sei. "Aber jetzt ist er nun mal in der Welt, und das kann man ja auch nicht ignorieren", sagt Sängerlaub und erklärt, welche Definition er seiner Untersuchung zugrunde gelegt hat. "Clickbaiting, Satire oder klassische Enten, also versehentliche Falschmeldungen, die später korrigiert werden, zählen nicht dazu." Hinter Fake News müsse immer Manipulationsabsicht stecken, sie seien also das gezielte Verbreiten irreführender oder falscher Inhalte.

Häufig sind vermeintlich seriöse Medien die Quelle für Falschnachrichten

Manchmal spielen dabei ökonomische Motive eine Rolle, etwa im Falle der mazedonischen Teenager, die sich während des US-Wahlkampfs vor allem Anti-Clinton-Nachrichten ausdachten, daneben Werbung schalteten und damit mehr als 100 000 Dollar verdienten. Meist geht es aber darum, dem politischen Gegner zu schaden. Insbesondere die AfD nimmt dankbar jedes Angebot an, das ihr etablierte Medien machen, die sie eigentlich als "Systempresse" verachtet. So war es Ende 2016, als eine türkisch-deutsche Schule angeblich Weihnachten verbieten wollte. Im Februar, als angeblich ein "Sex-Mob" in Frankfurt "tobte". Im August, als mehrere Medien berichteten, dass anerkannte Asylbewerber angeblich zu Hunderten Urlaub in ihren Heimatländern machten, und kurz darauf eine große Boulevardzeitung die angeblich geringe Schulbildung jugendlicher Flüchtlinge beklagte.

Alle Nachrichten wurden von mehr oder weniger seriösen Zeitungen in die Welt gesetzt und verbreiteten sich Zehntausendfach in sozialen Netzwerken. Jedes Mal bediente sich die AfD und bestärkte die empörten Leser. Eine weitere Gemeinsamkeit: Sämtliche Meldungen sind grob irreführend oder komplett falsch.

Zu den Fake News, die ihren Ursprung in klassischen Medien haben, kommt erfundene politische Propaganda von meist rechten bis rechtsextremen Portalen. Schlagzeilen wie "Angela Merkel: Deutsche müssen Gewalt der Ausländer akzeptieren" oder "Eilmeldung! Angela Merkel kündigt Rücktritt an" sammeln auf Facebook mehrere hunderttausend Likes, Shares und Kommentare. Im Juli untersuchte Buzzfeed, welche Artikel über die Kanzlerin am meisten Interaktionen auf Facebook hervorgerufen hatten. Sieben der zehn erfolgreichsten Meldungen waren Fake News.