Big Data und Privatsphäre Vier Vorschläge, um die Datenapokalypse zu verhindern

So viele Daten: Rechenzentrum der Telekom in Frankfurt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Facebook überwacht uns, die Geheimdienste ohnehin. Big Data nur zu kritisieren, hilft aber nicht weiter. Es ist Zeit, mit dem Widerstand zu beginnen. Eine Antwort auf Byung-Chul Han.

Gastbeitrag von Yannick Haan

Als vor elf Jahren der frischgewählte Papst Benedikt vorgestellt wurde, blickte die Menschenmasse direkt auf den Balkon des Petersdoms. Acht Jahre später, bei der Vorstellung von Papst Franziskus, zeigte sich ein komplett anderes Bild. Die Gesichter der Menschen waren hinter blinkenden Displays verschwunden. Kaum ein anderes Bild stellt so gut dar, wie die digitale Kommunikation unsere Welt verändert hat. Unser Erlebtes müssen wir bei Instagram, Snapchat, Facebook oder Twitter mit der Welt teilen. "Ich poste, also bin ich" heißt die neue Maxime vieler Menschen.

In einem Essay auf SZ.de kritisiert der Philosoph Byung-Chul Han dieses Credo der Datenwelt als Totalkommunikation, die zunehmend in Totalüberwachung resultiere. Unser Verlangen nach Kommunikation führe uns zwangsläufig in die komplette kommerzielle Ausbeutung des menschlichen Lebens. Er spricht von einem Hyperkapitalismus, der uns immer weiter durchleuchte und durchdringe. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Schufa in Deutschland täglich mehr als 200 000 Anfragen bearbeite, ist für Han Beleg seiner These.

Die Totalausbeutung des Menschen

Getrieben vom Hyperkapitalismus: Die Digitalisierung beschleunigt die kommerzielle Ausbeutung des menschlichen Lebens. Es ist Zeit, Widerstand zu organisieren. Essay von Byung-Chul Han mehr ...

Doch die großen Datenmengen und die Unternehmen, die mit ihnen ihr Geld verdienen, grundsätzlich zu verteufeln, das hilft uns als Gesellschaft leider nicht weiter. Vielmehr sollten wir endlich anfangen, uns mit den Mechanismen und Umwälzungen durch die datengetriebene Wirtschaft auseinanderzusetzen. Statt eine unaufhaltsame Entwicklung als Ganzes abzulehnen, ist es unsere Aufgabe, sie nach unseren Werten zu gestalten. In diesem Text werde ich vier Empfehlungen geben, was wir Politiker zu tun haben.

Die Revolution: Von Small Data zu Big Data

Um diese Mechanismen und Umwälzungen wirklich nachvollziehen zu können, müssen wir erst einmal einen Schritt zurücktreten und die bestehende "Small-Data-Welt" anschauen. Daten erfüllen schon heute eine wichtige gesellschaftliche Funktion. So bestehen die Wissenschaften zum großen Teil daraus, Daten zu sammeln, sie auszuwerten und daraus Schlüsse für uns alle zu ziehen. Klimaforscher fahren zum Polarkreis, um Daten aus dem Eis zu sammeln. Der Wetterdienst sammelt schon immer Daten und versucht, auf ihrer Basis Prognosen zu treffen. Wir nutzten Daten schon lange, um unsere Welt besser zu verstehen. Dann kam die Revolution.

Yannick Haan

Der 30-Jährige ist Sprecher des Forums Netzpolitik der Berliner SPD und Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Berlin Alexanderplatz. Er ist Co-Autor des Buches Gesellschaft im digitalen Wandel und Mitglied der medien- und netzpolitischen Kommission beim SPD Parteivorstand.

Diese Revolution ist die Schwelle von der "Small-Data-" in die "Big-Data-Welt". Wir dürfen uns nichts vormachen. Es handelt sich um eine Umwälzung, von der jeder einzelne Mensch betroffen ist. Künftig werden wir uns dem Einfluss der Daten und ihrer Auswertung nicht mehr entziehen können. Umso wichtiger ist es, dass wir anfangen zu verstehen, welche Umbrüche sich derzeit vollziehen.

Anhand der Veränderungen auf dem Buchmarkt lassen sie sich gut nachvollziehen. Früher kauften wir ein Buch und lasen es. Daten sind dabei nicht angefallen. Wir haben uns dabei oft auf Empfehlungen von Freunden, des Buchhändlers oder des Feuilletons verlassen. Heute hingegen wird die Mehrheit der Buchkäufe online getätigt, meist bei Amazon. Als der Konzern den Betrieb aufnahm, besaß er noch eine eigene Abteilung mit Menschen, die Bücher gelesen, bewertet und dann den Lesern empfohlen haben.

Doch irgendwann kam Amazons CEO Jeff Bezos auf die Idee, die Daten, die er durch den Kauf eines Buches erhält, zu verknüpfen und für sich zu nutzen. Anhand ihrer vorherigen Käufe konnte Amazon seinen Kunden wiederum automatisiert andere Bücher empfehlen. Dank des elektronischen Kaufs und der Einführung von E-Books verfügen Plattformen wie Amazon heute über immer mehr Daten und können diese nutzen, um den Kunden passende Angebote zu senden.