Netzkritik Google und Facebook dürfen nicht die Welt kontrollieren

Es muss nicht immer Google sein

Mehr als 94 Prozent aller Suchanfragen laufen hierzulande über Google. Doch es gibt Alternativen. Darunter sind auch einige, die Privatsphäre und Daten der Nutzer respektieren. mehr...

Die Silicon-Valley-Firmen glauben zwar, zu wissen, wie sie ihr Geld zum Wohle der Menschheit ausgeben. Aber das System bröckelt bereits.

Von Evgeny Morozov

Entsteht da gerade eine neue Tech-Blase? Oder, wie man im Silicon Valley sagt: Sind die meisten Einhörner in Wahrheit verkleidete Zombies? Die eigene Antwort darauf hängt davon ab, wie man zum allgemeinen Gesundheitszustand der globalen Ökonomie steht. Der berühmte Risikoanleger Peter Thiel etwa behauptet - und er ist damit nicht allein -, dass überhaupt alles, in das man derzeit sein Geld investieren kann, von Börsenunternehmen bis zu Staatsanleihen, bereits überbewertet sei. Folglich hat man die Wahl zwischen "flüssigen" Finanzprodukten mit geringen Renditen, etwa Bargeld - oder man lässt sich auf die längerfristigen, potenziell lukrativeren Investitionen in Technologie-Start-ups ein.

Allerdings nimmt nicht jeder dem Silicon Valley seine Versprechen ab. Seit Monaten zweifelt der exzellente Finanz-Blog Alphaville an dessen Einfluss auf die Wirtschaft. Die Autoren des Blogs beharren darauf, dass die datenintensiven Geschäftsmodelle führender Technologieunternehmen über die Kontrolle der Informationen, die eigentlich zu einer effizienten Verteilung der Ressourcen führen sollten, die Mechanismen der Märkte verzerren.

Wie machen sie das? Weil Daten - der Treibstoff der Werbung - die Quelle des Profits dieser Unternehmen bilden, bieten sie bereitwillig und zum vermeintlichen Freundschaftspreis Dienstleistungen und Produkte an, die jene Daten produzieren. Das mögliche Feld der Angebote ist prinzipiell unbegrenzt: Es ging ursprünglich los mit Suchmaschinen-Diensten und sozialen Netzwerken, aber das Silicon Valley hat auch nichts dagegen, uns beim Sport, beim Essen, im Auto und im Bett unter die Arme zu greifen.

Für diese Unternehmen sind das alles nur Daten - und Daten bedeuten Geld. Die "Freundschaftspreise" erschweren es uns allerdings, den tatsächlichen Preis dieser Produkte und Dienstleistungen zu begreifen. Und während sich die Firmen in unseren Wohnungen, unseren Autos und unseren Körpern breitmachen, haben die dadurch ermöglichten Preisverzerrungen gerade erst begonnen.

Was steht bei Facebook wirklich im Vordergrund?

(Foto: Ben Margot/AP)

Google und Facebook glauben, zu wissen, was dem Wohl der Menschheit dient

Izabella Kaminska, eine von Alphavilles wichtigsten Autorinnen, glaubt sogar, dass wir an der Schwelle eines "Gosplan 2.0" stehen - eines Sowjet-ähnlichen Systems technokratischer Eliten, die beide Hände voller Geld von verzweifelten Investoren haben, es nach Gutdünken verteilen und dabei gewisse Gruppen bevorzugen, andere benachteiligen, auf Grundlage rein subjektiver Kriterien. Und zwar, um mit den Gewinnen aus der Werbeindustrie "Moonshot"-Projekte zu finanzieren.

Der Name verweist auf Präsident John F. Kennedys Ankündigung Anfang der Sechzigerjahre, man werde noch vor Ablauf des Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond schießen. Ob es bei diesen Moonshot-Projekten allerdings um das Gemeinwohl geht, ist zweifelhaft. Dadurch zerrütten die Technologieunternehmen sowohl Regierungen als auch Märkte. Weil ihre Fühler in sämtliche Bereiche hineinlangen, behaupten Google und Facebook, besser zu wissen, wie man mehr Geld verdienen und wie man es zum Wohle der Menschheit wieder ausgeben kann.

Das Silicon Valley fordert ein Grundeinkommen - gut so!

Die Entscheider des Silicon Valley propagieren ein garantiertes bedingungsloses Grundeinkommen. Aus gutem Grund. Gastbeitrag von Evgeny Morozov mehr ...

So erscheint es ziemlich wahrscheinlich, dass Google, Facebook und Co. irgendwann die grundlegenden Infrastrukturen kontrollieren werden, auf denen unsere Welt basiert. Sie hätten sicher nichts dagegen - wenn man an die Datenfluten denkt, die dann durch ihre Mühlen gingen. Andere Unternehmen wären gezwungen, sich auf Luxusgüter zu verlegen, ein bisschen wie Apple, weil die Grundbedürfnisse schon von den datenhungrigen Technologieunternehmen bedient würden. Für die globale Ökonomie sind das keine guten Neuigkeiten. Nicht jede Firma kann, oder will, Apple oder Ferrari sein.