Holocaust als Schulthema Die kleine Hannah und das große Grauen

Hier bekommt das Leid ein Gesicht: Besucher in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

(Foto: REUTERS)

Eine neue Form von Antisemitismus ist auch in der Schule eine Herausforderung. In der Gedenkstätte Yad Vashem lernen deutsche Lehrer, wie sie Schülern den Holocaust vermitteln können.

Von Lukas Wiesenhütter und Mechthild Herzog

Hannah war nicht im Konzentrationslager. Und obwohl sie Jüdin ist, hat sie die Ghettos in ihrer Heimatstadt während des Naziregimes nur von außen erlebt. Sie hat niemanden sterben sehen, niemand ist vor ihren Augen verprügelt worden. Und dennoch ist Hannahs Geschichte der perfekte Ansatz, jungen Schülern etwas über den Holocaust beizubringen. Oder besser: gerade deswegen.

Hannah erzählt nicht vom Genozid, vom grausamen, teils industriellen Mord an sechs Millionen Juden während der Diktatur der Nationalsozialisten. Sie erzählt davon, wie sie sich eines Morgens von ihrem Vater verabschieden muss, weil es gefälschte Ausweise nur für sie und ihre Mutter gibt. Wie er ihr verspricht, sie nach dem Krieg abzuholen. Und wie ihr das Schweigen der Mutter später verrät, dass sie ihn nie wiedersehen wird. Eine solche Geschichte versteht ein Viertklässler. Das ganze Ausmaß eines Völkermords versteht er nicht.

Yad Vashem ist nicht nur ein Museum. Der Holocaust kann hier anhand von Einzelschicksalen nachvollzogen werden.

(Foto: Jim Hollander/dpa)

Einzelnen Menschen wie Hannah nahekommen - das nimmt Andreas Herberg-Rothe als wichtigsten Impuls von einem Seminar in Yad Vashem mit. Herberg-Rothe ist Politik- und Ethiklehrer an einer Waldorfschule in Fulda. In der Fortbildungsabteilung der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem hat er gemeinsam mit einer Gruppe hessischer Lehrer fünf Tage lang Vorträge gehört und Diskussionen geführt zum Thema: Wie kann ich für Schüler heute die Gräueltaten der Nationalsozialisten greifbar machen?

Es ist eine Frage, die nun oft gestellt wird in diesen Wochen, da Migranten, offenbar aus palästinensischen oder arabischen Familien, auf Demonstrationen gegen Israels Militäreinsatz im Gazastreifen Hass-Parolen gerufen haben gegen "die Juden". Ein neuer Antisemitismus wird da sichtbar - und eine neue Herausforderung für Lehrer, dem entgegenzutreten, auch mit dem Blick auf das Leid, das Antisemitismus bereits angerichtet hat.

Sechs Millionen mal ein Mensch

Lehrern aus aller Welt in dieser Frage Hilfestellung zu geben ist das Ziel des Fortbildungszweigs von Yad Vashem, der "Internationalen Schule für Holocaust-Studien". Das deutschsprachige Büro richtet im Jahr rund 15 Seminare aus. Außerdem werden dort Lehrmaterialien entwickelt, von den publizierten Erfahrungen eines Zeitzeugen bis zur Planung einer konkreten Unterrichtsstunde. Hinter allem steht die Idee: nicht die Geschichte von sechs Millionen getöteten Menschen zu erzählen. Sondern von sechs Millionen mal einem Menschen. So wie die Lebensgeschichte von Hannah Gofrith, auch sie ist veröffentlicht als ein Buch, das mit Schülern gelesen und behandelt werden kann.

Während in Zeitung, Internet und Fernsehen regelmäßig das ganze Ausmaß der Schoah thematisiert werde, sollten Lehrer vor allem jüngeren Schülern einen Weg über Einzelschicksale bauen. Das sagt Noa Mkayton, Leiterin des deutschsprachigen Büros. Das umso mehr, als die Kinder oft schon vorher mit dem Holocaust konfrontiert worden seien. Und genau hier liege eine Ursache für das Desinteresse und die Ablehnung, die vielen Lehrern entgegenschlagen, sobald sie das Thema auf den Stundenplan heben: Die Kinder kennen den Holocaust schon. Aber auf einer abstrakten Ebene, die sie nicht fassen können.

"Der Hass ist völlig außer Kontrolle"

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Wenn sie ihre Eltern oder Lehrer nach Gaskammern oder Todesmärschen fragen, dann hören sie oft nur ein unvorbereitetes: "Dafür bist du noch zu jung, das hast du in der neunten Klasse." Steht der Holocaust dann aber auf dem Lehrplan, gibt es keine Fragen mehr. "Denn das Kind hat - verständlicherweise! - zugemacht", sagt Mkayton. "Wie soll es auch anders mit einer Information umgehen, für deren Verarbeitung es schlicht noch nicht emotional reif ist?"