Schulpolitik Inklusion: Bayern will nicht auf Förderzentren verzichten

Das Klassenzimmer einer Förderschule in München.

(Foto: Catherina Hess)
  • Behinderte und nichtbehinderte Kinder sollen gemeinsam lernen können - das beschloss der Landtag im Jahr 2011 und setzte damit eine UN-Konvention um.
  • Bayern geht heute dennoch einen eigenen Weg und will nicht auf die Förderzentren verzichten.
  • Konsequenz ist, dass die Mehrheit der Förderschüler weiterhin unter sich lernt und nicht in eine Regelschule geht.
Von Anna Günther, Ergolding

"Das ist ein in Uhu!", ruft das Mädchen und deutet auf das Stofftier in der Hand der Lehrerin. Fast. Es ist eine Eule, die Kinder lernen an diesem Morgen den Umlaut "Eu". "Die ist weiß, das ist eine Schnee-Eule", sagt Josef. Fünf Minuten später, elf Mädchen und Buben experimentieren an Arbeitsstationen mit Umlauten. Josef stempelt ein Eu-Wort und fragt: "Herr Lohmüller, was ist Europa?" "Das sind wir und unsere Nachbarländer zusammen", antwortet der Schulleiter Johann Lohmüller. Josef nimmt neue Stempel und fragt: "Und was ist der Teufel?" Lohmüller schmunzelt. Ein aufgewecktes Kerlchen, denkt man sich.

"Im Kindergarten verweigerte er sich oft völlig und tat nur, wozu er Lust hat. Das erschwert den Schulstart extrem, denn im normalen System ist dafür kein Raum", sagt Lohmüller. Josef besucht die Diagnose- und Förderklasse des Sonderpädagogischen Förderzentrums Landshut-Land in Ergolding. Für die erste und zweite Klasse hat er drei Jahre Zeit, Basis ist der normale Lehrplan.

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Aber jedes Kind hat einen eigenen Förderplan, den die Lehrerin erstellt. "Diese Kinder scheitern an den Maßstäben der Grundschule. Die beste Medizin ist Zeit und sie spüren zu lassen, dass sie etwas können und bewirken", sagt der 55-jährige Schulleiter. Ein Lehrer könne das mit 25 Kindern pro Klasse kaum leisten.

Im Förderzentrum kümmern sich Lehrer und Heilpädagogen um Schüler mit sozial-emotionalen, sprachlichen oder Lernschwierigkeiten. Der Großteil der 351 Förderschulen in Bayern hat diesen Schwerpunkt. Geht es aber nach strikten Inklusionsverfechtern wie dem Hamburger Bildungsforscher Hans Wocken, müssten alle Förderzentren abgeschafft werden. Denn nach Ansicht des Deutschen Instituts für Menschenrechte ist es nicht mit der Behindertenrechtskonvention vereinbar, am "separierenden Ansatz der Förderschule festzuhalten".

Die Behindertenrechtskonvention haben die Vereinten Nationen Ende 2006 verabschiedet. Danach soll allen Menschen Zugang zu allen Bereichen des Lebens möglich sein. Entsprechend sollen behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam lernen können. 2011 beschloss der Landtag in seltener Einigkeit, die Konvention umzusetzen. Er bildete eine interfraktionelle Arbeitsgruppe und berief einen wissenschaftlichen Beirat ein. Im zweiten Artikel des Schulgesetzes steht nun: "Inklusiver Unterricht ist die Aufgabe aller Schulen."

Bayern geht einen eigenen Weg

Wie die Konvention umgesetzt wird, ist den UN-Mitgliedsstaaten überlassen. Innerhalb Deutschlands geht Bayern wie üblich einen eigenen Weg und setzt auf Vielfalt. Eltern sollen entscheiden, ob sie ihr Kind in die nahe Volksschule, in eine Regelschule mit dem Profil Inklusion oder in die Förderschule schicken. Zwar gehen jedes Jahr 100 Lehrerstellen in die Inklusion, und die Zahl der Profilschulen steigt, an denen Sonderpädagogen gemeinsam mit Lehrern unterrichten. Aber schreitet die Inklusion in Bayern wirklich voran?

20 300 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen an Regelschulen, die allermeisten sind Grund- und Mittelschulen. Bei Realschulen und Gymnasien gilt auch für behinderte Kinder der nötige Notenschnitt. Auch das halten Inklusionsverfechter für ein Grundproblem. 2000 Förderschüler gehen in Partnerklassen von Förder- und Volksschulen. Die gemeinsame Zeit ist aber oft auf Sport, Musik oder einzelne Projekte beschränkt. Die Mehrheit der Förderschüler, 54 100 Mädchen und Buben, lernt unter sich. Dazu kommen 13 000 Jugendliche an 47 sonderpädagogischen Berufsschulen. 500 Kinder ohne Einschränkung lernen an Förderschulen.

Schulminister Ludwig Spaenle ist zufrieden: "Die Spitze des Wünschenswerten ist noch nicht erreicht, aber wir sind gut unterwegs. Der bayerische Weg kann sich bundesweit sehen lassen." Von einer Abschaffung der Förderschule will Spaenle nichts wissen. "Darauf zu verzichten, wäre ein Fehler, der zu Lasten der Kinder geht", sagt er. Stattdessen sollen sich die Schulen von Förder- zu Kompetenzzentren entwickeln und Wissen weitergeben.