Süddeutsche Zeitung

Schulpolitik:Inklusion: Bayern will nicht auf Förderzentren verzichten

  • Behinderte und nichtbehinderte Kinder sollen gemeinsam lernen können - das beschloss der Landtag im Jahr 2011 und setzte damit eine UN-Konvention um.
  • Bayern geht heute dennoch einen eigenen Weg und will nicht auf die Förderzentren verzichten.
  • Konsequenz ist, dass die Mehrheit der Förderschüler weiterhin unter sich lernt und nicht in eine Regelschule geht.

"Das ist ein in Uhu!", ruft das Mädchen und deutet auf das Stofftier in der Hand der Lehrerin. Fast. Es ist eine Eule, die Kinder lernen an diesem Morgen den Umlaut "Eu". "Die ist weiß, das ist eine Schnee-Eule", sagt Josef. Fünf Minuten später, elf Mädchen und Buben experimentieren an Arbeitsstationen mit Umlauten. Josef stempelt ein Eu-Wort und fragt: "Herr Lohmüller, was ist Europa?" "Das sind wir und unsere Nachbarländer zusammen", antwortet der Schulleiter Johann Lohmüller. Josef nimmt neue Stempel und fragt: "Und was ist der Teufel?" Lohmüller schmunzelt. Ein aufgewecktes Kerlchen, denkt man sich.

"Im Kindergarten verweigerte er sich oft völlig und tat nur, wozu er Lust hat. Das erschwert den Schulstart extrem, denn im normalen System ist dafür kein Raum", sagt Lohmüller. Josef besucht die Diagnose- und Förderklasse des Sonderpädagogischen Förderzentrums Landshut-Land in Ergolding. Für die erste und zweite Klasse hat er drei Jahre Zeit, Basis ist der normale Lehrplan.

Aber jedes Kind hat einen eigenen Förderplan, den die Lehrerin erstellt. "Diese Kinder scheitern an den Maßstäben der Grundschule. Die beste Medizin ist Zeit und sie spüren zu lassen, dass sie etwas können und bewirken", sagt der 55-jährige Schulleiter. Ein Lehrer könne das mit 25 Kindern pro Klasse kaum leisten.

Im Förderzentrum kümmern sich Lehrer und Heilpädagogen um Schüler mit sozial-emotionalen, sprachlichen oder Lernschwierigkeiten. Der Großteil der 351 Förderschulen in Bayern hat diesen Schwerpunkt. Geht es aber nach strikten Inklusionsverfechtern wie dem Hamburger Bildungsforscher Hans Wocken, müssten alle Förderzentren abgeschafft werden. Denn nach Ansicht des Deutschen Instituts für Menschenrechte ist es nicht mit der Behindertenrechtskonvention vereinbar, am "separierenden Ansatz der Förderschule festzuhalten".

Die Behindertenrechtskonvention haben die Vereinten Nationen Ende 2006 verabschiedet. Danach soll allen Menschen Zugang zu allen Bereichen des Lebens möglich sein. Entsprechend sollen behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam lernen können. 2011 beschloss der Landtag in seltener Einigkeit, die Konvention umzusetzen. Er bildete eine interfraktionelle Arbeitsgruppe und berief einen wissenschaftlichen Beirat ein. Im zweiten Artikel des Schulgesetzes steht nun: "Inklusiver Unterricht ist die Aufgabe aller Schulen."

Bayern geht einen eigenen Weg

Wie die Konvention umgesetzt wird, ist den UN-Mitgliedsstaaten überlassen. Innerhalb Deutschlands geht Bayern wie üblich einen eigenen Weg und setzt auf Vielfalt. Eltern sollen entscheiden, ob sie ihr Kind in die nahe Volksschule, in eine Regelschule mit dem Profil Inklusion oder in die Förderschule schicken. Zwar gehen jedes Jahr 100 Lehrerstellen in die Inklusion, und die Zahl der Profilschulen steigt, an denen Sonderpädagogen gemeinsam mit Lehrern unterrichten. Aber schreitet die Inklusion in Bayern wirklich voran?

20 300 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen an Regelschulen, die allermeisten sind Grund- und Mittelschulen. Bei Realschulen und Gymnasien gilt auch für behinderte Kinder der nötige Notenschnitt. Auch das halten Inklusionsverfechter für ein Grundproblem. 2000 Förderschüler gehen in Partnerklassen von Förder- und Volksschulen. Die gemeinsame Zeit ist aber oft auf Sport, Musik oder einzelne Projekte beschränkt. Die Mehrheit der Förderschüler, 54 100 Mädchen und Buben, lernt unter sich. Dazu kommen 13 000 Jugendliche an 47 sonderpädagogischen Berufsschulen. 500 Kinder ohne Einschränkung lernen an Förderschulen.

Schulminister Ludwig Spaenle ist zufrieden: "Die Spitze des Wünschenswerten ist noch nicht erreicht, aber wir sind gut unterwegs. Der bayerische Weg kann sich bundesweit sehen lassen." Von einer Abschaffung der Förderschule will Spaenle nichts wissen. "Darauf zu verzichten, wäre ein Fehler, der zu Lasten der Kinder geht", sagt er. Stattdessen sollen sich die Schulen von Förder- zu Kompetenzzentren entwickeln und Wissen weitergeben.

Immer mehr Kinder haben Förderbedarf

Inklusion führe sogar eher dazu, dass mehr Sonderpädagogen gebraucht werden, sagt Johann Lohmüller, der auch Vorsitzender des Sonderpädagogenverbands ist. Denn die Zahl der Kinder mit Förderbedarf steige, und seit Jahren gebe es nicht genug speziell ausgebildete Lehrer. Bis 2021 fehlten bis zu 800 Sonderpädagogen. Lohmüller versucht, seine Schüler so zu unterstützen, dass diese bald an Grund- oder Mittelschulen weiterlernen können. Nur müssten die Schüler dort genauso gut betreut werden wie im Förderzentrum. "Nur dann ist es Inklusion und eine echte Wahlmöglichkeit", sagt Lohmüller. Ohne zusätzliche Förderlehrer sei das nicht zu leisten.

Alle Kinder profitieren, wenn in einer Klasse mit 30 Schülern zwei Lehrer unterrichten. Aber viele Sonderpädagogen sind nur stundenweise in den Klassen, und die meisten anderen Lehrer haben den Umgang mit behinderten Kindern nie gelernt. Die Opposition und der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband beklagen regelmäßig, dass Stellen und Fortbildungen fehlen. Viele Pädagogen fühlen sich überfordert und scheuen sich, Inklusionskinder aufzunehmen.

Zwar ist Inklusion seit 2013 Teil des Examens und es gibt Aufbaustudien sowie Umschulungen für Grundschullehrer, aber der Opposition reicht das nicht. Die Förderzentren müssten mehr Fachwissen teilen, aber die Regelschullehrer müssten auch offen dafür sein und dort hospitieren, sagt Margit Wild (SPD). Das Problem bleibe das Denken in Schularten. Thomas Gehring (Grüne) sieht auch strukturelle Mängel: Abstimmungsprobleme zwischen Sozial- und Kultusministerium bremsten oft Ideen aus. Die Inklusion müsse ein Posten im Kultusetat sein, die Förderzentren sollten das Budget für ihre Region verwalten.

Wild kommt wie Günther Felbinger (Freie Wähler) aus der Sonderpädagogik. Sie sieht eine Schulart für alle als Lösung. Felbinger will das gegliederte System behalten, fordert aber deutlich mehr Lehrer, um die individuelle Förderung zu verbessern. An zwei Lehrern pro Klasse oder einem Lehrer mit pädagogischem Assistenten führe kein Weg vorbei, finden die Oppositionspolitiker. Statt immer neue Profilschulen auszurufen, sollte das Ministerium lieber in die Qualität investieren.

Das Profil Inklusion ein reines Etikett zu nennen, würde den Schulen unrecht tun, die sich seit Jahren für Inklusion engagieren, sagt der Verbandsvorsitzende Lohmüller. "Aber wer prüft die Konzepte und wer kontrolliert die Umsetzung?" Das Ministerium verweist auf die zuständige Schulaufsicht und wirbt um Verständnis, denn auch die Profilschulen seien "auf einem Weg". Und der ist offenbar noch weit.

Förderschüler sind oft mit einem Stigma behaftet

Denn wer sich umhört, stößt auch auf Geschichten von Schulleitern, die Sonderpädagogen in Vertretungsstunden schicken, oder hört von Eltern, die kein Inklusionskind in der Klasse wollen, weil dieses den Fortschritt der anderen Schüler hemme. Diese Angst zeigt auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Für das Sozialverhalten sei der Kontakt ja gut, aber bitte nicht, wenn es auf den Übertritt zugeht.

In diese Phase schickt auch Lohmüller kaum Schüler zurück. Einfacher sei es in der ersten, zweiten oder fünften Klasse. Mit der Ergoldinger Mittelschule arbeitet das Förderzentrum seit 15 Jahren zusammen, mittlerweile hat auch diese das Profil Inklusion, Mittel- und Förderschüler lernen gemeinsam.

Tillman Brückner überlegte mehrmals zu wechseln und entschied sich doch dagegen. Seine Noten sind gut, er hat das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ohne Tabletten im Griff. "Aber ich wollte meine Freunde nicht verlassen", sagt der 15-Jährige. Auch das Stigma Förderschüler habe eine Rolle gespielt, gibt Brückner zu. Das spüre er trotz allen Bemühungen. Seinen Abschluss macht er im Förderzentrum, vielleicht auch noch den Quali. "Manchmal ist der längere Weg halt einfach der beste", sagt Brückner.

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SZ vom 09.01.2017/vewo
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