Naturschutz im Bayerischen Wald "Tricksen, Tarnen, Täuschen"

Wo mächtige alte Wälder standen - wie hier am Hochberg bei Bayrisch Eisenstein - kommen allmählich wieder junge Fichten hoch.

(Foto: oh)

Bis 2027 sollen 75 Prozent des Nationalparks Naturzonen werden. Landrat Michael Adam wettert gegen das neue Naturschutzkonzept im Bayerischen Wald - und entsetzt die Region mit einer drastischen Aktion.

Von Christian Sebald, Zwieslerwaldhaus

Wieder gibt es Wirbel um den SPD-Politiker Michael Adam. Der streitbare Landrat des Landkreises Regen legt sich mit dem Chef des Nationalparks im Bayerischen Wald, Franz Leibl, an. In E-Mails und Briefen wirft Adam Leibl "Tricksen, Tarnen, Täuschen" vor und prangert "halboffizielle Hinterzimmerrunden" an.

Außerdem ist Adam mit großem Widerhall dem Anti-Nationalpark-Verein "Bürgerbewegung zum Schutz des Bayerischen Waldes" beigetreten. In der Region herrscht Entsetzen. "Das darf er als Landrat doch nicht tun", heißt es selbst in Gasthäusern. "Er muss wissen, dass er nur einen neuen Keil in die Region treibt." Der Auslöser von Adams Attacken ist das neue Naturschutzkonzept des Nationalparks.

Urtümliche Fichten- und Buchenwälder, Bäche mit kristallklarem Wasser, verwunschene Hochmoore und prächtige Blumenwiesen, dazu Urwälder wie das Höllbachgespreng oder Mittelsteighütte - der Nationalpark Bayerischer Wald gilt als Inbegriff intakter Natur. Das ist die eine Seite. Die andere sind gigantische Flächen voll grauer Baumleichen am Rachel und am Lusen, wo der Borkenkäfer über die vormaligen alten Fichtenwälder hergefallen ist.

Wälder haben Lebenszyklen

Mit schwerem Gerät haben Arbeiter über Jahre hinweg versucht, die Fichtenwälder im Nationalpark Bayerischer Wald vor dem Borkenkäfer zu retten.

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Denn anders als in gewöhnlichen Wäldern bleibt in einem Nationalpark der Wald sich selbst überlassen - selbst wenn Stürme in ihn hineinfahren, Abertausende Bäume umreißen und sich Schädlinge über sie hermachen. Schließlich - so lautet die Philosophie in Nationalparken - haben auch Wälder Lebenszyklen. Auf das oft Jahrzehnte lange Sterben ihrer alten Bäume folgt die Geburt junger, kraftvoller und extrem artenreicher junger Wälder.

Vielen, vor allem älteren Einheimischen im Bayerischen Wald ist das Sterben ihrer alten Wälder aber ein Graus. Sie wollen nicht akzeptieren, dass immer neue Naturzonen eingerichtet werden, in denen nur noch die Natur am Werk ist. Auch Bürgermeister und Gemeinderäte wehrten sich über Jahre hinweg massiv gegen neue Naturzonen. Die Nationalpark-Gegner hatten dabei stets mächtige Unterstützer: Forstminister Helmut Brunner (CSU) etwa, der aus der Region stammt, war in seiner Zeit als Landtagsabgeordneter an ihrer Seite.

Die Staatsregierung steht aber in der Pflicht. Bis 2027 - so hat es der Landtag beschlossen - sollen 75 Prozent des Nationalparks Naturzonen ohne jeden menschlichen Eingriff werden. Dazu wurden bislang im nördlichen Nationalpark jedes Jahr etwa 350 Hektar Wald neu unter Schutz gestellt - zunächst in den tieferen Lagen nahe den Orten Lindberg, Zwieslerwaldhaus und Bayerisch Eisenstein.

Erst von 2020 an sollten die Hochlagen, am Großen Falkenstein zum Beispiel, aber auch am Hochberg bei Bayrisch Eisenstein und in Richtung Tschechien folgen. Die alten Fichtenwälder sind den Einheimischen besonders teuer. Deshalb verpflichteten sich Landtag und Staatsregierung, möglichst lange alles für ihren Erhalt zu tun.