Kulturdebatte Sexismusverdächtiges "Avenidas"-Gedicht soll in Rehau aufgemalt werden

Wie in dieser Montage soll in Rehau das Gedicht von Eugen Gomringer auf eine Hauswand gepinselt werden.

(Foto: HolhutS)
  • Das Gedicht "Avenidas" von Eugen Gomringer soll von der Außenwand der Alice-Solomon-Hochschule in Berlin verschwinden - und in Rehau neu aufgemalt werden.
  • Der Bürgermeister der Heimatstadt des Poeten hatte Gomringer und dessen Tochter beiläufig zugesichert, für das umstrittene Werk einen neuen Platz zu finden.
Von Olaf Przybilla, Rehau

Michael Abraham hat die Debatte um ein Gedicht von Eugen Gomringer lange nur beiläufig verfolgt, "ehrlich gesagt, hab' ich das für einen Witz gehalten", sagt er. Abraham ist CSU-Bürgermeister in Rehau, mit knapp 10 000 Einwohnern im Kreis Hof gelegen. Der Kosmopolit Gomringer, geboren in Bolivien, wohnt in dem oberfränkischen Städtchen, es hat sich biografisch so ergeben und schon insofern verfolgt der Bürgermeister natürlich, was über den Dichter in den großen Blättern geschrieben steht.

Als kürzlich die Tochter des Lyrikers, die Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer, ihrem Vater zum 93. Geburtstag eine Torte schenkte, war Abraham auch dabei. Verziert war das Gebäck mit dem bedrohten Gedicht "Avenidas", und noch an dem Jubeltag feixte der Bürgermeister den Dichter an, Rehau würde schon eine neue Heimat finden für das Poem, wenn denen in Berlin tatsächlich nichts Besseres einfiele, als harmlose Verse zu übertünchen. Auch das meinte Abraham noch als Spaß. Drei Tage später erging die Entscheidung der Alice Salomon Hochschule Berlin: Das Gedicht muss weg. Sexismus-Verdacht.

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Das war dann einer jener Fälle, wo aus einem Scherz plötzlich ernst wird und man nicht weiß, ob man das wirklich noch zum Lachen finden darf. Der Bürgermeister aber hat sich nicht lang schütteln müssen, dass er nun im Wort steht, war ihm gleich klar. Am Mittwochabend ist also der Stadtrat von Rehau zusammengetreten, um über Abrahams Antrag zu entscheiden. Dass sich eine Sitzungsvorlage des Städtchens am Fuß des Großen Kornbergs im Fichtelgebirge mal mit der Entscheidung einer Hochschule in Berlin würde beschäftigen und diese als "nicht nachvollziehbar" bemängeln müssen - das hätten sie sich in Rehau vor Kurzem auch nicht vorstellen wollen.

Und dass der örtliche CSU-Fraktionschef Harald Ehm anlässlich dieser Causa hinreichend Gelegenheit finden würde, den Hochschulleuten aus der Hauptstadt beiläufig hinzureiben, dass sie im Fichtelgebirge "weltoffen, liberal und kunstaffin" sind, und man solche Weltoffenheit, Liberalität und Kunstfreiheit auch anderen Regionen und Städten der Republik zur Nachahmung empfehlen dürfe - das hätte sich lange eher wie ein weiterer Gag auf einer Rehauer Geburtstagsparty angehört.

Nun aber ist das alles ganz konkret: Das Gedicht soll weg aus Berlin-Hellersdorf und eine neue Heimat finden auf der Ost-Fassade des Anwesens auf dem Rehauer Maxplatz 9. Das frühere Museum mit der Jugendstilfassade ist in städtischer Hand, es braucht ohnehin eine neue Fassadengestaltung. Und da hat Abraham im Geist gewissermaßen schon mal Hand angelegt, hat Gomringers Gedicht in spanischer Sprache an die Fassade schreiben und eine Fotomontage erstellen lassen. Sieht doch gut aus, findet er. Und stelle großflächig zur Schau, dass sie in Rehau zur Kunst im Allgemeinen und zu ihrem Künstler im Besonderen stehen. Die Stadträte sehen das genauso: Sie votieren mit 19 zu zwei Stimmen für die Kunst.

Flankiert werden soll die neue Fassade mit einer Tafel, auf der jeder in deutscher Sprache nachlesen kann, was sie in Berliner Hochschulkreisen neuerdings für sexistisch halten. Zu lesen sein wird also dreimal das Wort "Blumen", ebenso oft "Frauen", sechsmal "und", einmal "Bewunderer", fünfmal "Alleen". Letzteres passe da eh gut hin, sagt Abraham, rund um den Platz stehen ja ein paar Bäume.

Ehm, CSU-Chef im Stadtrat, kann dem Bürgermeister da nur zustimmen. Gerhard Puchta, Fraktionschef der Freien, sieht's genauso. Und Hagen Rothemund, der SPD-Chef, auch. Wer mit ihm vor der Stadtratssitzung spricht, vernimmt trotzdem wenig Vorfreude. Eher Melancholie über, ach, Berlin. So oft ist er in der Hauptstadt, sein Sohn lebt da. Für so weltoffen habe er diese Metropole stets gehalten. Und nun? "Was für eine Provinzposse", sagt er, "und sorry: Bei so viel Borniertheit hört's bei mir auf." Der SPD-Mann dekliniert dann noch durch, was nach dem Maßstab nun alles für Kunst gelöscht, aussortiert oder übertüncht werden müsste - und droht darüber, regelrecht schwermütig zu werden. "Das ist so unwürdig", sagt der Lokalpolitiker. Zum Glück lebt er in Rehau.

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