Fischerei Wasser ist zu sauber: Bodenseefischer kämpfen um Existenz

Mit Treibnetzen gehen Roland Stohr und sein Vater Peter weit draußen am Bodensee auf die Jagd nach Felchen.

(Foto: Christian Rost)
  • Das Wasser des Bodensees ist so sauber, dass Fische nicht mehr wachsen.
  • Neun Tonnen Fisch fingen die Bodenseefischer in den Neunzigerjahren jährlich, nun sind es nur noch eineinhalb Tonnen.
  • Sie fordern, die Reinigungsleistung der Klärwerke ein wenig zu reduzieren, damit die Tiere wieder zu fressen bekommen.
Von Christian Rost, Wasserburg

Morgens um vier Uhr liegt Wasserburg am Bodensee im tiefsten Schlaf. Wer das Haus verlässt um diese Zeit, tritt hinaus in die Dunkelheit. Keine Straßenlaterne leuchtet, nur vorne am Hafen, wo die Seegelboote an den Bojen festgemacht sind und die Masten und Leinen im mäßigen Wellengang rhythmisch ihr Klingklang spielen, funzelt eine gelbe Laterne. Es ist feucht-kalt, ganz anders als noch am Abend zuvor, als die schwüle Hitze die Touristen schwitzen und am Ufer-Kiosk zum Aperol Spritz greifen ließ. Und ein wenig unheimlich ist es auch. Eine aus ihrer Nachtruhe gerissene Möwe verlässt, gestört vom Spaziergänger, unter Protestgeschrei ihren Schlafplatz unter dem Anlegesteg und verschwindet über dem See.

In diese Stille platzen unvermittelt Männer, die einachsige Anhänger ziehen. Es sind die Fischer von Wasserburg, die eine Stunde vor Sonnenaufgang auf ihre Kähne steigen und ihr Glück versuchen. Glück, das brauchen sie heute in diesem Beruf, wenn sie überleben wollen. Der Bodensee ist mittlerweile so sauber, dass Roland Stohr und sein Vater Peter froh sein können, wenn ihnen überhaupt noch etwas ins Netz geht. Die Fische wachsen nicht mehr.

Peter Stohr, der Senior, ist 77 Jahre alt, seine kurz geschnittenen Haare sind schlohweiß. Er wirkt deutlich jünger und ist ein freundlicher, zugewandter Mann. Auf angenehme Weise ist er zurückhaltend, wie sein Sohn Roland, 52, der das Fischereihandwerk vom Vater gelernt und ihn als Vorsitzender der Genossenschaft der bayerischen Bodenseefischer beerbt hat.

Seit Jahrzehnten fahren sie gemeinsam raus auf den Bodensee, montags bis donnerstags legen sie Netze aus, dienstags bis freitags wird eingeholt. Vom Wetter lassen sich die Männer nicht beeindrucken. "Bei einem Gewittersturm warten wir eine Stunde ab. Aber dann müssen wir raus. Wenn die Netze draußen sind, müssen wir sie auch reinholen", sagt Roland Stohr. Er hat 1989 die Prüfung zum Fischermeister abgelegt, sein Vater Peter fischt schon seit 58 Jahren am Bodensee.

"Felchen vom Bodensee" statt "Felchen aus dem Bodensee"

Sie jagen vor allem Felchen, die anderswo Renken heißen und der "Brotfisch" der Fischer an diesem See sind. 60 bis 70 Prozent ihres Fangs machen die Felchen aus, die sind über die Jahre aber so rar geworden, seit Phosphat in Waschmitteln verboten wurde und Kläranlagen mit chemischen Reinigungsstufen ausgestattet sind, dass die Gastronomen in den Restaurants am Ufer tricksen müssen, um die Gäste mit Fisch zu locken. Auf den Speisekarten werden "Felchen vom Bodensee" angeboten, was aber nicht bedeute, so Roland Stohr, dass diese auch "aus" dem Bodensee stammten.

Im deutlich kleineren Ammersee würden mittlerweile mehr Renken gefangen als von den 103 ansässigen Fischern Felchen im gesamten Bodenseebecken. Deshalb kaufen die örtlichen Fischhändler auch fleißig zu: am Ammersee, am Chiemsee und im Ausland. Die Bodenseefischer kämpfen gegen diese Entwicklung bislang vergebens an. Sie wollen erreichen, dass wieder mehr Nährstoffe in den See gelangen und ihre Erträge steigen. In den Neunzigerjahren zog jeder von ihnen jährlich noch neun Tonnen Fisch aus dem Wasser, mittlerweile sind es eineinhalb Tonnen.

In Hochwasserzeiten, wenn starke Regenfälle Düngemittel von den Feldern der Bauern in den See spülen, steigt der Ertrag spürbar an. Das Algenwachstum wird angeregt, die Fische haben mehr Futter und wachsen schneller. Davon profitieren allerdings auch die Kormorane. Die Vögel, die hier durchziehen und sich teils auch niedergelassen haben, fressen ein Drittel dessen, was ein Fischer pro Hektar aus dem Bodensee zieht.