Denkmalschutz Die Poesie der Steine

Abends Chansonnier, morgens Epitaphienkünstler: In der Werkstatt von Thomas Haydn werden ausschließlich Unikate hergestellt. Kreativität ist für beides notwendig, sagt der 50-Jährige.

(Foto: Lossen Fotografie Heidelberg; Alexander Ehhalt)

Die Grabmäler auf dem Nürnberger Johannisfriedhof erzählen viel über das reichsstädtische Bewusstsein der Stadt. Nun zählt die Epitaphienkultur zum immateriellen Kulturerbe. Dennoch droht der Verfall.

Von Olaf Przybilla

Wenn Thomas Haydn als Chansonnier auftritt, dann bedient er das Publikum gerne mit einem Detail aus seinem Lebenslauf. Aufgewachsen ist er in einem Ort in Niederösterreich, pittoresk aber überschaubar. Aus dieser wohligen Schönheit hat es ihn dann bald weggezogen, "raus in die weite Welt", das war sein Ziel, sagt Haydn. Angekommen ist er in Fürth.

Das muss man nicht sofort verstehen, aber wer Haydn in seiner Werkstatt mit Blick auf den Johannisfriedhof in Nürnberg besucht, bekommt eine erste Ahnung davon, dass man von dem 50-Jährigen kaum die Geschichte einer gebrochenen Biografie erwarten darf. Einen wie Haydn - Chansonnier und Epitaphienkünstler - könnte man in sich am ehesten in Prag vorstellen. Oder eben, schon der Sprache und des Namens wegen, in Wien. Beides aber kommt für ihn nicht in Frage. "So eine Epitaphien-Kultur wie da draußen", sagt Haydn und nickt in Richtung Fenster, "das haben Sie doch sonst nirgendwo."

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In seinem Metier fühlt sich Haydn also längst angekommen in der großen Welt - und versucht diese Botschaft seit 17 Jahren unters Volk zu bringen. Verstanden fühlte er sich selten, bis Nürnbergs Epitaphienkultur nun in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden ist. Dieses jahrelange Kämpfen für eine angemessene Würdigung eines Kulturschatzes habe ihn mitunter fast kirre gemacht, sagt Haydn.

Und dann bricht es regelrecht aus ihm heraus: "Das ist doch der Wahnsinn. So was gibt's nirgendwo auf der Welt. Diese Stadt war kunsthistorisch mal wichtiger als Florenz. Die war längst eine Metropole, nicht nur auf der städtischen Visitenkarte. Und wo kann man das sehen? Da draußen könnte man es sehen. Man muss nur hingehen und den Ort angemessen erhalten." Danach holt er erst mal Luft.

Haydn ist überzeugter Österreicher, dieses Laissez-faire in seinem Heimatland, und die Art, auf kulturelle Überlieferung stolz zu sein, das hält er grundsätzlich für vorbildlich. Natürlich, das könne einem auch auf die Nerven gehen. "Seit Jahrhunderten der immer gleiche Wiener Schmäh. Trotzdem: Sie machen was draus, sie machen was draus." Und in Nürnberg?

Haydn führt jetzt hinaus, auf den Johannisfriedhof. Aber nicht zum Grab Dürers und nicht zu dem von Theo Schöller. Nicht zu Harsdörffer, dem Barockdichter, und nicht zum Großindustriellen Theodor von Cramer-Klett. Auch nicht zum Humanisten Pirckheimer, zum Maler Anselm Feuerbach nicht und nicht zu Ludwig Feuerbach, dem Philosophen. Haydn leitet direkt zum Grabmal von Wenzeslaus Linck, einem Theologen der Lutherzeit. Ein breiter Riss in der Inschrift zieht sich quer durch dessen Namen hin zum Wort "Tumulus", lateinisch für Grabmal. "So was", sagt Haydn, "werd' ich nie verstehen können. Das muss doch jemandem was wert sein. Wenigstens der evangelischen Kirche."

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Es gibt Augenblicke in Geschichten, die würde man in Drehbüchern albern finden. Thomas Haydn hat bis zu dem Moment etwa eine Stunde über die Geschichte und Bedeutung dieses Friedhofs referiert. Und er hat zart seine Enttäuschung darüber angedeutet, dass er sich nun zwar 17 Jahre lang den Mund fusselig geredet habe über den drohenden Verfall eines nicht zu überschätzenden Kulturerbes; dass aber auch eine Woche, nachdem nun alle wissen könnten von der Einzigartigkeit der Epitaphienkultur, sich trotzdem kein wirklich hochrangiger Vertreter von Stadt oder Kirche gemeldet und ihm zu seiner Hartnäckigkeit gratuliert hat.

Das alles hat Haydn mit anschwellender Wucht erläutert, als er von des Doktoris Vinceslai Linck Theologi ramponierter Inschrift aufschaut und in etwa hundert Meter Entfernung je einen Vertreter von Stadt und Kirche entdeckt.