Beerdigungen Zwei Drittel der Bestattungen in München sind Feuerbestattungen

Welcher Sarg, welcher Blumenschmuck, welche Urne: Peter Kotzbauer und sein Team organisieren etwa 6000 Bestattungen im Jahr.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Der Leiter der Städtischen Bestattungen, Peter Kotzbauer, verantwortet mit seinem 70-köpfigen Team im Jahr mehr als 6000 Bestattungen.
  • In der Sargausstellung des Palais Lerchenfeld an der Damenstiftstraße 8 lassen sich Bestattungs-Trends erkennen. Denn auch der Umgang mit Tod und Trauer ändert sich.
  • 20 000 Münchner haben aktuell bereits ihre eigene Beerdigung bis ins letzte Detail geplant und bezahlt.
Von Thomas Kronewiter

Das Modell "Lebensfluss" kauft man nicht wie einen schicken Wagen. Mit seinem ganz speziellen Design, den ausgesuchten Flusskieseln und dem Material, Eiche massiv, ist das Modell so etwas wie der Mercedes unter den Särgen. Mehr als ein paar Dutzend Objekte des Typs "Lebensfluss", 2310 Euro, gehen im Jahr auch nicht über den Tresen - obwohl sich Peter Kotzbauer so gewöhnlich nie ausdrücken würde.

Der Leiter der Städtischen Bestattungen verantwortet mit seinem 70-köpfigen Team im Jahr mehr als 6000 Bestattungen, und dass er vertraut ist mit dem Tod und allen Anforderungen, die der an Hinterbliebene wie Bestatter stellt, ist ihm, seinem Vokabular und der bedächtig-beruhigenden Art sehr deutlich anzumerken.

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Eine Erdbestattung muss binnen vier Tagen erfolgen

Wenn Peter Kotzbauer durch die Räume führt, in denen er eine Auswahl der Behältnisse präsentiert, in denen Verstorbene ihre letzte Ruhe finden, berichtet er vom Wandel in den Einstellungen seiner Klienten. Zwei Drittel der Bestattungen seien inzwischen Feuerbestattungen, "auf dem Land ist das völlig anders". Für diese Zahlen macht der Hausherr des Palais Lerchenfeld an der Damenstiftstraße 8 nicht zuletzt viel Bequemlichkeit verantwortlich. Für eine Urne brauche man gegebenenfalls nicht einmal ein Grab, geschweige denn Grabpflege - und, ganz wichtig in der Hektik der Stadt: Für eine Urnenbestattung hat man viel Zeit, mitunter Wochen.

Eine Erdbestattung müsse binnen vier Tagen erfolgen, so lautet das Gesetz. Stirbt ein Mensch am Montag, muss er am Freitag begraben sein. Stirbt er am Freitag, sorgt zumindest das Wochenende für eine Frist von sechs Tagen. Das bedeutet etwas mehr Zeit, die Familie zusammenzurufen, möglicherweise bis aus dem Ausland, und um die nötigen Formalitäten zu erledigen.

Wenn Urnen für die Erde gedacht sind, müssen alle Materialien verrottungsfähig sein. Sollen sie in Wände oder Nischen kommen, müssen sie dagegen haltbar sein.

(Foto: Stephan Rumpf)

Soviel kostet eine Beerdigung

In der Sargausstellung zeigt Peter Kotzbauer jetzt die "Rose des Abschieds", 985 Euro, Vollholz mit einer Auflage aus Zuckerrohr, die sogar das Aufbringen eines Fotomotivs erlaubt - wenn die knappe Zeit so eine Extravaganz erlaubt. Holz ist bei Erdbestattungen nahezu immer im Spiel. Denn Vorgabe ist, dass alle Materialien verrottungsfähig sein müssen. Das gilt auch für die Urnen, wenn sie für die Erde gedacht sind. Sollen sie in Wände oder Nischen kommen, müssen sie dagegen haltbar sein und bleiben. Naturgemäß sind Urnen generell günstiger als Särge, eine Holzurne kann aber immer noch zwischen 150 und nahezu 500 Euro kosten.

Die Kosten spielen bei einer Bestattung eine durchaus gewichtige Rolle. Zu begleichen sind nicht nur die amtlichen Gebühren, 1276 Euro bei einer Erd-, 1161 Euro bei einer Urnenbestattung, sondern auch individuell unterschiedliche Ausgaben für Sarg oder Urne, gegebenenfalls Kopfkissen und Zudecke, Blumenschmuck, Kirche, Urkunden, unter Umständen Rednergebühren, nicht zu vergessen eine mitunter jahrelange Grabpflege. Das summiert sich, so dass die städtischen Bestattungen die anfallenden Kosten für ganz unterschiedliche Bestattungsausführungen beispielhaft parat haben, von der "sehr schlichten Ausführung" (2127 beziehungsweise 2242 Euro) bis zur "gehobenen Ausführung" (5713 beziehungsweise 5558 Euro, jeweils Sarg- oder Feuerbestattung).

Der winzige Kindersarg, Modell Giraffe

In den Ausstellungsräumen lenkt der Chef gerade die Aufmerksamkeit auf kleine Särge für Kinder und Föten. Wenn Kinder gestorben seien, gehe das immer nahe, erzählt Kotzbauer. Seine Ausstellung hat aber natürlich auch für diese Fälle passende Objekte parat. Von der kleinen, ja, man kann es nicht anders als Schachtel nennen, für Menschen, die schon vor ihrer Geburt zu Tode kommen, bis zum lackierten Holzsarg, dessen Abmessungen einfach geringer sind als die üblichen, mannsgroßen Normsärge. Man mag sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass jemand den winzigen Kindersarg, Modell Giraffe, mit kleinen geschnitzten Giraffen auf dem Deckel, tatsächlich kaufen muss.

Für Peter Kotzbauer und seine Berater aber sind solche Beratungsgespräche Alltag. Als nächstes führt er in die Blumenschmuckausstellung. Dass hier zum großen Teil frische Blumen präsentiert werden, merkt man am intensiven Geruch und an der Atmosphäre. Früher sei alles Ton in Ton gewesen, rote Rosen, weißes Schleierkraut, erzählt Kotzbauer. Doch inzwischen darf es auch einmal bewusst bunt und fröhlich sein. "Gerade wenn es ein fröhlicher Mensch war." Dass sich das jemand zu Lebzeiten alles selbst aussucht, mag man sich auch nicht recht vorstellen. Peter Kotzbauer aber führt in ein kleines Hinterzimmer, voller Aktenordner vom Boden bis zur Decke.

Der Blumenschmuck darf auch einmal bewusst bunt und fröhlich sein.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Die leben alle noch", sagt er, schlägt einen Ordner auf und liest vor: Standard-Sarg aus Kiefer, Blumenschmuck-Arrangements, Ablauf der Beerdigung - alles geregelt. 20 000 Münchner haben eine derartige Vorsorge getroffen und auch in Heller und Pfennig schon bezahlt. Das entlaste die Angehörigen, weiß Kotzbauer, emotional wie finanziell. Manchmal sei der Grund aber auch Misstrauen - in die späteren Erben. Beerdigen ist Vertrauenssache.

Was der Mensch zu Lebzeiten selbst gewünscht hat, ist für die Städtischen Bestattungen oberstes Gebot - selbst wenn man sich dafür mit Hinterbliebenen streiten muss. Sogar Prozesse hat Peter Kotzbauer schon deswegen geführt, "und alle gewonnen". Einen Muslim, der trotz des im Islam gültigen Verbots unbedingt hatte verbrannt werden wollen, habe man feuerbestattet, trotz aller Proteste des Imams. Und wie gewünscht dann die Asche auf dem Meer verstreut. Auch das Schiff hat das Team aus der Damenstiftstraße dafür organisiert. Bleibt Geld übrig aus solchen Vorsorge-Verträgen, ist sogar festgelegt, wer es erhält. Gibt es zur Bestattung gar keine Festlegungen, entscheidet der nächste Anverwandte, zunächst der Ehegatte, danach die Kinder. Einigen sich letztere etwa nicht, sagt Kotzbauer, "entscheide ich". Dass er solche Konflikte gewöhnlich eher als Krisen-Mediator still löst, versteht sich fast von selbst.

Das ist der beliebteste Sarg

Zurück zur Sargausstellung. Den beliebtesten Sarg hat Peter Kotzbauer gar nicht erst ausgestellt. Im Katalog steht er nur als "Kiefer", ohne Griffe, 345 Euro. 55 Prozent der Kunden wählen dieses Modell, "das verkauft sich von selbst". Das Kiefer-Modell ist das günstigste Modell überhaupt, aber billig sieht der Sarg deswegen nicht aus. Billig im Sinne von würdelos, das geht gar nicht in der Welt von Peter Kotzbauer. Ihm ist es ein besonderes Anliegen, dass man der Trauerfeier wieder mehr Bedeutung schenkt. Eine Hochzeit ließen sich viele Tausende von Euro kosten, sagt er, der endgültige Abschied von einem Menschen werde oft ganz anders behandelt. Dabei geht es um Aufmerksamkeit und Sensibilität, nicht in erster Linie ums Geld. Wichtiger sei, dass man da sei, um sich zu verabschieden, vielleicht auch eine kleine Rede halte. "Das kostet gar nichts."

Dass der letzte Weg in diesem Sinne würdevoll gestaltet wird, das trauen viele Münchner Peter Kotzbauer und seinen 70 Mitarbeitern zu, trotz der privaten Konkurrenz. Mitunter gehen sie da auch an ihre Grenzen. Am 23. Juli 2016 war so ein Tag. Da bekam Peter Kotzbauer einen Anruf vom Landeskriminalamt, er möge mehrere Leichen abholen. Es war der Tag nach dem Münchner Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum. Für alle Familien, bis auf zwei, habe er dann mit Hilfe zweier Mitarbeiter noch am gleichen Samstag einen Abschied am offenen Sarg ermöglicht, in aller Stille, aller medialen Aufregung zum Trotz. Die Umstände, die Zahl der Opfer, der Zustand der Leichen - das hat auch den erfahrenen Bestattungschef nicht kalt gelassen. Und das sieht man ihm auch 18 Monate später noch an.

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