Trauerkultur Streut meine Asche in den Wasserfall

Der Umgang mit Trauer und Tod - ein Spiegel der Gesellschaft.

(Foto: Simeon Muller/Unsplash.com)

Manche haben genaue Vorstellungen von ihrer eigenen Bestattung. Doch müssen die Hinterbliebenen diese Wünsche erfüllen?

Von Violetta Simon

Der Tod ist nicht mehr, was er einmal war. Bis ins vergangene Jahrhundert hinein gab es bei einer Beisetzung lediglich ein paar Grundsatzfragen zu klären: Sarg aus Kiefer oder Eiche, Bibelvers, Grabrede, Leichenschmaus. Extrawünsche standen nicht zur Debatte. Im Tod sind alle gleich, so sagt es die Kirche. Zwar müssen wir uns nach wie vor an Friedhofszwang und Bestattungsgesetz halten, ansonsten aber haben wir die Qual der Wahl: Erd-, Feuer- oder Seebestattung? Friedhof, Friedwald oder Ruheforst? Streichquartett im Smoking oder spanische Gitarrenklänge auf CD?Trauerfeier in der Kapelle oder im Palmenhaus - was darf es sein?

Sterben und Tod waren in Europa Jahrhunderte lang Teil des Alltags. "Der medizinische Fortschritt hat den Tod aus unserem Sichtfeld verbannt", sagt der Soziologe Thorsten Benkel, der an der Universität Passau die deutsche Trauerkultur erforscht. "Das - und der Bedeutungsverlust der Religionen - führt dazu, dass die Menschen einen eigenen, persönlichen Umgang mit dem Tod suchen."

Das Bedürfnis nach Individualität steht dabei ganz oben - der Bestatter wird zu einer Art "Ritualdesigner". Viele wollen durch das Begräbnis hervorstechen, weil der Verstorbene für sie ein einzigartiger Mensch war. Mindestens ebenso wichtig ist die Gestaltung des Liegeplatzes. Die Trauerfeier findet schließlich nur einmal statt, das Grab steht hingegen mindestens 20 Jahre.

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Steinmetze berichten, dass viele Kunden nach Grabsteinen verlangen, die sonst keiner hat, jenseits gängiger Vorlagen und Muster. Auch Särge werden individuell gestaltet, bemalt und dekoriert. Vereinzelt werden Modelle gewünscht, wie sie in Ghana seit etwa 50 Jahren üblich sind: Kreationen, die den Lebensweg des Verstorbenen darstellen, etwa in Form einer Nähmaschine, eines Turnschuhs oder Handys.

Immer mehr organisieren ihre eigene Beerdigung

Manche bestellen schon zu Lebzeiten ihren eigenen Sarg. Überhaupt nehmen immer mehr Menschen die Organisation ihrer Beerdigung selbst in die Hand. Schließlich hat man oft genug bei anderen Familien erlebt, wie hilflos Angehörige in so einer Situation sind. Teuer ist das Ganze auch, also lieber keine Umstände machen und stattdessen eine schlichte Rasenplatte wählen - oder gleich eine anonyme Bestattung.

Anderen geht es eher darum, ihre Beerdigung nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Alles soll so ablaufen, wie sie es gern hätten. "Manche beruhigt es zu wissen, wie das eigene Grab aussehen wird", sagt Benkel. "Sie lassen es schon zu Lebzeiten bauen, wählen ein Foto von sich für den Grabstein". Wenn sie dann davor stehen, haben sie das Gefühl, die volle Kontrolle zu haben.

Es kann durchaus vorkommen, dass Hinterbliebene von der Entscheidung, die der Verstorbene zu Lebzeiten getroffen hat, überrascht werden. Weil Menschen nun einmal nicht gerne über den Tod sprechen. Oder die Kommunikation wegen familiärer Konflikte eingestellt wurde. Da sehen sich Angehörige im Testament des Onkels dann plötzlich mit der Bitte konfrontiert, den begeisterten Hobbysegler einäschern zu lassen und im Meer zu verstreuen. Obwohl er - genau wie die gesamte Familie - in Baden-Württemberg lebte.

Doch wer sollte in diesen Dingen das letzte Wort haben - die Person, die das alles organisiert und bezahlt, auch wenn sie ihre eigene Beisetzung nicht erleben wird? Oder jene, die im irdischen Leben davon betroffen sind, also die Angehörigen? Was, wenn die Mutter die Tochter bittet, ihre Asche in den Wasserfall hinter dem Familienwohnsitz einzustreuen, der Bruder aber nicht einverstanden ist, weil er ein Grab wünscht, an dem er trauern kann?

Benkel erzählt von einem Schweizer, der wollte, dass man seine Asche auf den Boden kippt, zusammenkehrt und in einen Mülleimer schüttet. Die Bestattungsregeln in der Schweiz würden das ermöglichen. Doch dem Sohn ging das zu weit. Er wandte sich an den Pfarrer und sagte: "Ich kann das nicht." Der entschied, den Wunsch des Verstorbenen zu ignorieren - aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen.