Allgäu Schlammlawine legt Skigebiet in Bolsterlang lahm

Für mindestens zwei Wochen herrscht nun Stillstand bei der Bergbahn auf das Bolsterlanger Horn.

(Foto: dpa)
  • Im Skigebiet am Bolsterlanger Horn ist eine Mure abgegangen. In frühestens zwei Wochen kann der Betrieb wieder aufgenommen werden.
  • An erdrutschgefährdeten Bergen dürfen keine neuen Lifte gebaut werden.
  • Deshalb könnte dieser Murenabgang den Streit um die Skischaukel am benachbarten Riedberger Horn wieder anheizen.
Von Christian Sebald

Ein schwerer Murenabgang mitten im Skigebiet, das zählt zu den Albträumen eines jeden Touristikers. In dem Oberallgäuer Urlaubsort Bolsterlang ist genau das jetzt passiert. Als dort am Dienstag vor einer Woche die Pistenraupenfahrer frühmorgens um fünf mit ihren schweren Fahrzeugen ausrückten, um die Abfahrten herzurichten, hörten sie ein lautes Rumpeln und Rauschen am Berg. Wenig später entdeckten Wilfried Tüchler von der Bolsterlanger Hörnerbahn und seine Mitarbeiter das Unheil: 300 Meter oberhalb der Talstation ihrer Gondelbahn hatte sich eine Mure gelöst. Seither steht die Hörnerbahn still. Mitten in der Hochsaison ist das kleine Skigebiet am 1586 Meter hohen Bolsterlanger Horn geschlossen.

Für Naturschützer ist der Erdrutsch ein Alarmsignal, dass Skipisten und Bergbahnen an Bergen wie dem Bolsterlanger Horn ein hohes Gefahrenpotenzial bergen. "Aus gutem Grund dürfen nach der Alpenkonvention an solchen Bergen keine neuen Lifte und Pisten gebaut werden", sagt Norbert Schäffer vom Landesbund für Vogelschutz (LBV). Der Murenabgang am Bolsterlanger Horn könnte deshalb den erbitterten Streit um den Bau einer Skischaukel am Riedberger Horn weiter befeuern. Beide Berge liegen in direkter Nachbarschaft.

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Der Erdrutsch am Bolsterlanger Horn hat sich an einem Steilhang direkt unterhalb einer Stütze der Gondelbahn gelöst. Bergbahnchef Tüchler schätzt, dass auf 20 Metern Breite und bis zu 50 Metern Länge und gut drei Metern Tiefe Schlamm, Erdreich und Geröll den Hang hinabgedonnert sind. "Insgesamt waren es wohl an die tausend Kubikmeter Material, die sich frühmorgens auf einmal in Bewegung gesetzt haben", sagt Tüchler. In jedem Fall war es so viel, dass Teile des Fundaments der Bergbahnstütze freigelegt wurden.

Zwar blieb die Stütze selbst stabil - schließlich ist sie mit neun bis zu zwölf Meter langen Bohrpfählen fest im Fels verankert. Aber Tüchler und seine Leute wollten kein Risiko eingehen. Deshalb legten sie die Bergbahn und damit auch ihr Skigebiet still, bis das Erdreich am Steilhang stabilisiert und das Loch wieder aufgefüllt ist. Das dürfte frühestens in zwei Wochen der Fall sein. "Allerdings muss dann wirklich alles reibungslos klappen", sagt Tüchler, "es darf kein Schlechtwetter-Einbruch dazwischenkommen."

Allein den finanziellen Ausfall durch den Stillstand des Skigebiets schätzt Tüchler auf wenigstens eine Million Euro. Denn in der zweiten Januarhälfte und im Februar herrscht Hochsaison in den Oberallgäuer Bergen. Das kleine Skigebiet ist dann immer sehr gut besucht. Hinzukommen die Kosten für die Stabilisierung des Steilhangs und das Schließen der Abrutschungen. Sie verschlingen weitere 500 000 Euro. "Das alles reißt ein Riesenloch in unser Geschäft", sagt Tüchler.

Ursache des Murenabgangs sind die vielen Regen- und Nassschneefälle im Januar. "Noch in der Nacht vor dem Erdrutsch hat es in unseren unteren Lagen stark geregnet", sagt Tüchler. "Erst oberhalb von 1000 Höhenmetern ist nasser Schnee gefallen." Und es war nicht das erste Mal, dass es in diesem Januar so stark geregnet hat in Bolsterlang. "Wir hatten immer wieder sogenannte Starkniederschläge", sagt Tüchler. "Überhaupt nimmt ihre Zahl in unserer Region seit Jahren zu." Die Folge: Das Erdreich ist immer öfter komplett mit Wasser vollgesogen, "es wird locker und geht einfach ab", wie Tüchler sagt. Der Ingenieur muss es wissen, er ist bereits seit 29 Jahren bei der Hörnerbahn.

Der Untergrund am Bolsterlanger Horn, am Riedberger Horn und den anderen Gipfeln der Hörnergruppe, wie der Gebirgsstock in den westlichen Allgäuer Alpen heißt, besteht aus Flysch. Dieses tonige Gestein ist wenig beständig, verwittert sehr leicht und besitzt geringen inneren Zusammenhalt. Deshalb neigt es auch zum "Flyschen", was auf Schweizerdeutsch so viel wie "Fließen" bedeutet. "Bei uns in der Region sind Murenabgänge deshalb keine Seltenheit", sagt Tüchel. "Die Straße am Riedbergpass ist schon seit Jahren eine einzige Baustelle, damit sie endlich sicher vor Muren und Hangrutschen wird." Der Riedbergpass liegt direkt am Riedberger Horn, die untere Hälfte der geplanten neuen Piste für die umstrittene Skischaukel verläuft direkt über der Riedbergpassstraße.

Wie der LBV fordert deshalb auch der Verein zum Schutz der Bergwelt (VzSB) Konsequenzen aus dem Erdrutsch am Bolsterlanger Horn. "Deutschland hat die Alpenkonvention unterzeichnet, deshalb muss sich Bayern an die Vorgaben darin halten", sagt VzSB-Chef Christoph Himmighoffen. "Und da die Alpenkonvention neue Bergbahnen und Skipisten an instabilen Bergen wie dem Riedberger Horn klar verbietet, darf auch die Skischaukel dort nicht gebaut werden." Bislang habe sich die Staatsregierung und allen voran der designierte Ministerpräsident Markus Söder um "eine klare Absage" herumgedrückt. "Aber das ändert nichts an der Rechtslage", sagt Himmighoffen, "und auch nicht daran, dass die Skischaukel die Gefahr von Murenabgängen am Riedberger Horn beträchtlich erhöht." Wie der LBV will auch der VzSB nicht locker lassen, bis das umkämpfte Projekt zu Fall gebracht ist.

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