Lawinengefahr in den Alpen "Es ist sehr wahrscheinlich, dass große Lawinen von selbst abgehen"

Der Grenzübergang Mittenwald-Scharnitz wurde Anfang der Woche wegen Lawinengefahr gesperrt.

(Foto: dpa)

Ein Experte vom Lawinenwarndienst rät davon ab, derzeit Wanderungen in den bayerischen Bergen zu unternehmen. Auch niedrigere Bereiche sind nicht uneingeschränkt sicher.

Interview von Theresa Parstorfer

Am Montag hat Hans Konetschny für die gesamten bayerischen Alpen die Warnstufe 4 von 5 ausgerufen. Das steht für "große Lawinengefahr" - in Mittenwald und im Allgäu kam es wegen des Schneefalls sogar zu Straßensperrungen. Konetschny ist Leiter der Lawinenwarnzentrale im bayerischen Landesamt für Umwelt. Von Skitouren und anderen Unternehmungen abseits der gesicherten Pisten rät er derzeit ab.

SZ.de: Herr Konetschny, die Gefahrenstufe 4 der Lawinenwarnzentrale steht für "große Lawinengefahr". Was bedeutet das konkret?

Hans Konetschny: Stufe 4 beschreibt eine tatsächlich sehr gefährliche Situation. Es ist nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich, dass große Lawinen von selbst abgehen. Das ist noch einmal sehr viel kritischer als die Gefahr, dass Lawinen vom Gewicht eines Skifahrers ausgelöst werden. Zum anderen war in der Situation zu Anfang der Woche der Wind wichtig. Denn durch ihn kommt es zu sogenanntem "Triebschnee". Das heißt, dass der Schnee schon verweht wird, während er fällt. Und dann bilden sich auf der geschlossenen Schneedecke zusätzliche Schneebretter, die noch einmal leichter als Lawine abgehen können.

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Auch in den bayerischen Alpen begünstigt das Tauwetter Lawinenabgänge. Der Schweizer Skiort Zermatt ist nur noch per Helikopter zu erreichen.

Angenommen der Skiausflug ist schon geplant - und dann kommt eine Stufe-4-Warnung? Was sollte man tun?

Die vernünftigste Strategie ist natürlich, alpines Steilgelände für diese ein, zwei gefährlichen Tage zu meiden. Das ist eine Empfehlung. Die Entscheidung bleibt jedem selbst überlassen.

Könnte man nicht einfach in flachere Regionen unterhalb der Baumgrenze fahren?

Das ist nicht unbedingt ungefährlicher, weil auch flachere Gebiete von Lawinen aus darüberliegenden Gebieten betroffen sein können.

Einmal vom schlimmsten Fall ausgegangen: Wie sollte man sich verhalten, wenn eine Lawine abgeht? Kann dann überhaupt noch irgendwie "klug" gehandelt werden?

Oftmals ist der Skifahrer selbst der Auslöser der Lawine, was bedeutet, er wird von der Lawine erfasst, mitgenommen und im Regelfall verschüttet. Sich als Verschütteter zu bewegen ist meist nicht mehr möglich. Deshalb kann dann tatsächlich nur noch von außen geholfen werden. War man in Begleitung unterwegs, kann Kameradenhilfe Leben retten. Denn einmal verschüttet, sind die Überlebenschancen sehr gering, wenn man nicht innerhalb von 15 Minuten wieder ausgegraben wird.

Hans Konetschny ist Leiter des Lawinenwarndienstes im bayerischen Landesamt für Umwelt.

(Foto: privat)

Wird aktiv etwas gegen eine solche Lawinengefahr unternommen?

Vor allem die Bergbahnen als Betreiber von Skipisten und Liften haben natürlich großes Interesse daran, den Ski-Betrieb am Laufen zu halten. Deshalb wird der Lawinengefahr vor allen Dingen mit Sprengungen entgegengegengewirkt. Sprengungen werden entweder mithilfe sogenannter Sprengbahnen, die am gefährlichen Hang installiert sind, oder auch von Hubschraubern aus durchgeführt. Beispielsweise am Zugspitzplatt gab es in den vergangenen Tagen so viel Schnee wie noch nie. Da kam es am Dienstag zu Sprengungen.

Werden Sprengungen auch vorgenommen, um Straßen wieder sicher zu bekommen?

Natürlich, auch an Straßen werden alle möglichen Sicherungsmaßnahmen getroffen.

Wie oft kommt es im Schnitt vor, dass eine Lawinenwarnung der Stufe 4 ausgerufen wird?

Das ist sehr vom Wetter abhängig. In den vergangenen zwei Jahren, in denen wir recht milde Winter hatten, gab es gar keine Stufe 4. Im jetzigen Winter hingegen bereits viermal. Das sind dann aber auch nur jeweils ein oder zwei Tage, in denen steiles Gelände wirklich gemieden werden sollte. Während Stufe 4 also durchschnittlich schon immer wieder vorkommt, habe ich neulich nachgesehen und das letzte Mal, dass die höchste Stufe mit der Nummer 5 ausgerufen werden musste, das war 1999.

Für die nächsten Tage ist auch weiterhin Tauwetter angesagt. Wird das die Lage auf den Skipisten noch verschlimmern?

Nein, eher im Gegenteil. Das Tauwetter hat eine positive Wirkung. Schon jetzt kann man eine erhebliche Entspannung sehen, weil sich der Schnee durch die wärmeren Temperaturen und den nachlassenden Wind setzen und verdichten kann. Wenn es dann in der Nacht sternenklar und kalt ist, wird sich die Schneedecke verfestigen und dadurch die Gefahr eines Lawinenabgangs deutlich geringer. Auch wenn in diesen Tagen mit der Wahnstufe 3 noch von einer "erheblichen Lawinengefahr" gesprochen wird, dann ist das Lawinengefahrenpotential schon etwas geringer wie bei Stufe 4.

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