Volkswagen-Strategie VW bricht mit den Traditionen der Autoindustrie

Jensen Huang, CEO des Chipherstellers Nvidia, und VW-Markenchef Herbert Diess stellen auf der CES gutgelaunt die Kooperation ihrer Firmen vor.

(Foto: David Paul Morris / Bloomberg)
  • Bei der CES in Las Vegas geben Volkswagen und der Chiphersteller Nvidia eine Partnerschaft für hoch automatisiertes Fahren bekannt.
  • Zusammen wollen beide Firmen mit künstlicher Intelligenz einen selbständig handelnden Co-Piloten erschaffen.
  • Mit solchen Kooperationen will sich VW gegen die Joint Ventures anderer großer Autokonzerne wappnen - und gegen die Macht von Google und Co.
Von Joachim Becker, Las Vegas

Die Consumer Electronics Show wirkt wie ein Gegenentwurf zu den traditionellen Automessen. Keine aufgeblasenen Gelände- und Pritschenwagen, keine Männerspielzeuge mit V8 und hoher Motorhaube. Stattdessen Elektroautos, Digitalcockpits und virtuelle Welten. Wenn jemand in Las Vegas von Power redet, meint er nicht PS, sondern Rechenleistung. "Wir wollen die Art revolutionieren, wie die Leute Auto fahren", sagt Jensen Huang, Chef von Nvidia, einem der führenden Halbleiterhersteller für Computerspiele. Das klingt wie ein Hirngespinst aus der Gaming-Branche - doch dann tritt Herbert Diess auf die Bühne. Dem Chef der Marke VW kann man vieles nachsagen. Nur nicht, dass er ein verspielter Träumer ist.

In Las Vegas treffen zwei Welten aufeinander: Hier die Hundertjährigen der Autobranche und dort die ewig Jungen der Unterhaltungselektronik. Huangs Markenzeichen sind die lässige, schwarze Lederjacke und Motivationsreden wie in der Gospel Church. Schon lange predigt er, dass Künstliche Intelligenz die Welt verändern wird - mit Rechenleistung von Nvidia natürlich. Damit hat er auf der Bosch Connected World 2017 in Berlin ein Auditorium voller Automanager mitgerissen. Halleluja!

Zwischen Autoindustrie und IT-Firmen entsteht eine Hassliebe

Nach digitalisiertem Büro und Smart Home geht es jetzt um das vernetzte Auto. Dafür sind die Hersteller auf Google und Co. angewiesen. Von Joachim Becker mehr ...

Seit dem vergangenen Jahr gehört Bosch zu den Partnern von Nvidia. In diesem Januar folgt Volkswagen. Herbert Diess geht zwar nach der obligatorischen Umarmung durch Jensen Huang vier Schritte auf Distanz. Und er schafft es sogar, dass ihn der Kalifornier immer wieder als "Dr. Diess" anspricht. Doch das ist eher ein Relikt aus alten Zeiten. Damals, als Diess noch BMW-Einkaufsvorstand war. Knapp zehn Jahren ist das her. Nvidia war ein kleiner Zulieferer von Infotainment-Chips, der beim ersten Probelauf mit der künstlichen Intelligenz prompt patzte.

Damals konnte seine lernende Maschine einen deutschen Schäferhund noch nicht erkennen. Seitdem hat sich die Rechenleistung fast verhundertfacht. Deshalb können Diess und Huang über diesen Fehlstart lachen. In Las Vegas geben sie eine Partnerschaft für hoch automatisiertes Fahren bekannt. VW und Nvidia wollen mit künstlicher Intelligenz einen selbständig handelnden Copiloten erschaffen. Eine Maschine, die den Fahrer per Gesicht und Stimme erkennt, mit ihm plaudert und ihn bei Gefahr warnt. Noch in diesem Quartal will Nvidia die ersten Xavier-Chips ausliefern. Sie sind nur so groß wie eine Briefmarke und verbrauchen so wenig Strom wie eine Nachttischlampe. Doch beim maschinellen Lernen hängen sie selbst leistungsstarke Großrechner ab.

Künstliche Intelligenz macht den Copiloten zur lernenden Maschine

Deshalb steht Herbert Diess nun mit Jensen Huang auf die Bühne. Der VW-Chef will die Position der Technologiezulieferer stärken. Statt ihre Chips bei Systemintegratoren wie Bosch oder Continental abzuliefern, sollen sie auch direkt mit den Autoherstellern zusammenarbeiten. Es ist ein Bruch mit der angestammten Zulieferer-Hierarchie. Doch Volkswagen ist auf das Know-how der IT-Spezialisten angewiesen, um sich gegen die wachsende Konkurrenz von Digitalkonzernen wie Apple oder Alphabet (Google) mit ihren schnellen Innovationszyklen zu behaupten.

"Wir werden einen großen Umbruch in den nächsten beiden Lebenszyklen unserer Autos sehen", kündigt Diess auf der CES an. Wie die Modelle des E-Auto- und Digital-Pioniers Tesla sollen sich auch die Fahrzeuge von VW demnächst über die gesamte Lebenszeit hinweg updaten lassen. Auch das ist ein Bruch mit Traditionen. Statt den Fortschritt erst einmal den Premiummarken im Konzern - Audi und Porsche - zu überlassen, will VW die neue Generation von Elektrofahrzeugen gleich zum Start mit der innovativen Elektronik-Architektur ausrüsten.