Vernetzte Autos Zwischen Autoindustrie und IT-Firmen entsteht eine Hassliebe

Smartphone und Auto: Künftig wird beides noch viel intensiver als jetzt miteinander vernetzt.

(Foto: Getty Images)
  • Auf der IAA brauchen die Tech- und IT-Firmen keine Messestände, um allgegenwärtig zu sein.
  • Hinter den Kulissen bilden sich neue Allianzen, die jedoch den Charakter von Zweckgemeinschaften haben.
  • Generell zeigt sich: Nach dem digitalisierten Büro und dem Smart Home rückt jetzt das vernetzte und autonome Auto in den Fokus.
Von Joachim Becker

Wer hip sein will, trägt Turnschuhe auf der IAA. So wie Daimler-Chef Dieter Zetsche. "Dr. Z", wie er sich nennen lässt, hat nach unzähligen Besuchen im Silicon Valley Anzug und Krawatte abgelegt. Seine Vision für Autos der nahen Zukunft: elektrisch, vernetzt, geteilt, autonom - und cool. Damit steht er nicht allein: Auf der IAA wimmelt es von aufgestylten Elektro-Studien. Im Messetrubel um die "Tesla-Fighter" wird zweierlei gerne übersehen. Erstens: Die Stromer werden vom Alleinstellungsmerkmal zum Industriestandard. Zweitens ist Tesla sowohl Auto- als auch Digital-Firma. Das ist der eigentliche Paradigmenwechsel aus dem Geist des Silicon Valley.

Die Tech- und IT-Firmen brauchen keine Messestände, um auf der IAA allgegenwärtig zu sein. Die Autoshow stehe ganz im Zeichen der Digitalisierung, jubelt Matthias Wissmann und verweist auf Google, Facebook, Qualcomm & Co. "Die Tech- und IT-Firmen suchen gezielt die IAA als Plattform." Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) ist kein Turnschuhträger. Trotzdem lässt er Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg zur IAA-Eröffnung sprechen. Auch ein Plausch zwischen ihr und Dr. Z auf der Mercedes-Me-Convention darf nicht fehlen. Die Signale sind deutlich: Die Hundertjährigen der deutschen Autoindustrie wollen so trendig wirken wie die jungen Wilden von der amerikanischen Westküste.

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Vordergründig geht es um den Lifestyle der Generationen X, Y und Z. Sie sind mit dem Smartphone aufgewachsen und finden unvernetzte Endgeräte (Autos) doof. Damit lassen sich gute Geschäfte machen. Die Strategieberatung Accenture sieht ein Umsatzpotenzial von 576 Milliarden Euro für digitale Angebote rund ums Auto. Bis 2030 sei allein bei Sharing- und Mobilitätsdiensten mit einem Umsatz von 344 Milliarden zu rechnen. Vernetzte Dienste und digitale Plattformen brächten bis zu 119 Milliarden und die Monetarisierung von Fahrzeugdaten 57 Milliarden Euro.

Noch sieht sich BMW als Marktführer beim Thema Digitalisierung: "Wir haben 8,5 Millionen vernetzte Fahrzeuge im Feld - mehr als alle andere Autohersteller auf der Welt zusammen", betont BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich: Elektrifizierung und Digitalisierung seien die beiden großen "Game Changer". Die Chancen sind gewaltig, der Druck auch. Die Münchner wissen, dass sie alleine viel zu klein sind. "Wir haben deshalb Kompetenzen aufgebaut, Prozesse angepasst und intelligentes Partnering betrieben. Wir haben auf Angriff umgeschaltet, denn wir wollen unsere Führung in der Premiummobilität behaupten - gegen bekannte und neue Wettbewerber."

Roboterautos könnten zum Smart Home auf Rädern werden

Alt und neu? Freund oder Feind? Oft sind die Grenzen fließend. Der Smartphone-Weltmarktführer Samsung hat den Autoelektronik-Spezialisten Harman gekauft. "Es ist eine Chance, eine ganze Industrie umzukrempeln, wie sie sich nur alle 100 Jahre bietet", sagt Young Sohn, Strategiechef von Samsung Electronics. Der Tech-Gigant testet bereits autonome Autos in Südkorea und Kalifornien.

Nach dem digitalisierten Büro und dem Smart Home rückt jetzt das vernetzte und autonome Auto in den Fokus. BMW will bis 2020 auf den neuen Breitband-Netzstandard 5G umstellen, "weil wir das auch als Vorleistung für autonomes Fahren brauchen", so Fröhlich. Roboterautos könnten zum Smart Home auf Rädern werden - mit weitreichenden Folgen: Wer Freizeit, Familie und Freundeskreis über Facebook koordiniert und den Haushalt mit Hilfe von Sprachassistenten wie Amazon Alexa oder Google Home organisiert, könnte künftig auch einen voll umfänglichen Mobilitätsservice über solche Plattformen buchen.