Mercedes und die Zukunft der Autobranche Daimlers Tanz mit den Tech-Firmen

Der Schwede Ola Källenius löst Thomas Weber als Entwicklungsvorstand bei Mercedes ab.

(Foto: dpa)

Autos per Smartphone kaufen oder umfassendes Carsharing: Mercedes treibt die Digitalisierung voran - dank seines neuen Entwicklungsvorstands Ola Källenius.

Von Joachim Becker

Las Vegas ist eine Stadt auf Speed. Alles hier hat mit Tempo zu tun. In den Casinos geht es ums schnelle Geld. Und auf der Elektronikmesse CES bandelt quasi jeder mit jedem beim Speed-Dating an: Chiphersteller mit Kartendienstleistern, Autohersteller mit IT-Firmen. BMW, Intel und Mobileye testen von der zweiten Jahreshälfte 2017 an das autonome Fahren auf der Straße. Gleichzeitig kauft der Chiphersteller Intel einen 15-prozentigen Anteil am Kartendienstleister Here, der vor einem Jahr von Audi, BMW und Daimler übernommen wurde. Mercedes bringt Google Home ins Auto, BMW flirtet mit Microsoft Cortana. Und, und, und ...

Eine Branche geht fremd. Die klassischen Zulieferketten in der Autoindustrie sind bis zum Zerreißen gespannt. Technologiefirmen, die oft erst ein paar Jahre alt sind, schieben sich zwischen die Autohersteller und ihre bestehenden Netzwerke. Selbstbewusst steuern sie das unverzichtbare künstliche Bewusstsein fürs autonome und vernetzte Fahren bei. Umdenken ist also gefragt in den Vorstandsetagen.

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Bisher war es unvorstellbar, dass ein Autoboss sein Debüt auf einer Computermesse gibt. Doch bei Ola Källenius ist das anders. Er fühlt sich sichtlich wohl auf der CES in Las Vegas. Es mag Zufall sein, dass der frisch gekürte Mercedes-Entwicklungsvorstand hier seine Antrittsrede hält. Das Messejahr beginnt nun mal mit dem Treffen der Unterhaltungselektroniker in Nevada. Doch es ist kein Zufall, dass sich Källenius konsequent ins Zentrum der digitalen Revolution vorgearbeitet hat.

Auf der CES treffen sich die Menschen, denen der Fortschritt nicht schnell genug gehen kann. Menschen wie Källenius, der Teile seiner Karriere im Rennsport verbracht hat. 2003 ging er nach Großbritannien, um mit McLaren Hochleistungsmotoren zu entwickeln. 2009 war er Chef des Mercedes-Werks in Tuscaloosa (Alabama), bevor er 2010 die Leitung der Daimler-Sportwagentochter AMG übernahm.

"Car Guy" einer neuen Generation

Källenius kennt sich also aus mit Speed. Dabei ist der Schwede noch unkomplizierter und unaufgeregter als sein Mentor Dieter Zetsche. Der Daimler-Boss bezeichnete Källenius als "echten Car Guy", der wisse, wie man eine Marke zum Erfolg führe. "Er kennt sowohl unsere Kunden als auch unsere Organisation bestens", lobte Zetsche, als Källenius vor drei Jahren zum Vertriebschef aufstieg. Doch Ola Källenius ist der "Car Guy" einer neuen Generation.

Jetzt hat der 47-Jährige die letzte Stufe vor dem Daimler-Gipfel erreicht. Knapp drei Jahre bleiben ihm noch, bevor Zetsche als Konzernchef abtritt. Källenius werden beste Aussichten auf dessen Nachfolge zugeschrieben. Deshalb hat Thomas Weber das Entwicklungsressort wohl nicht ganz freiwillig abgegeben. Er muss das Feld für einen Jüngeren räumen, der seine Kompetenzen für die Anwartschaft auf den Vorstandsvorsitz vervollständigen soll. Dafür genügt es nicht, die Führung zu verjüngen und internationaler auszurichten. Der Wirtschaftswissenschaftler Källenius muss vor allem die Entwickler im Haus überzeugen: Um "Daimlers Position als Technologieführer zu festigen und weiter auszubauen", wie der offizielle Auftrag lautet, muss er die Traditionstruppe hinter sich bringen. Erst dann kann er sie schnell genug in den digitalen Wandel führen.