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Wundermittel:"Lasst nicht zu, dass sich eure Mägen in Tierfriedhöfe verwandeln"

YOUNG GIRL SELLS RARE ANIMAL PARTS AT A MYANMAR MARKET

Aberglaube im Angebot: Ein Penis oder der Zahn eines Tigers werden in Asien mitunter ganz offen verkauft.

(Foto: Reuters)

Tigerpenis in Kräutersüppchen: Einige Chinesen verwechseln die Rote Liste gefährdeter Tiere mit einer Speisekarte. Das hat mit dem neuen Reichtum des Landes zu tun.

Von Kai Strittmatter

"Eaten by China" - von China gegessen. Einem bitteren Witz unter Chinas Tierschützern zufolge könnte der Slogan bald dem bislang bekannteren "Made in China" Konkurrenz machen. Doch, es gibt Tierschützer in China. Es gibt aber auch viele Allesesser, denen globaler Artenschutz und die Verbote ihrer eigenen Regierung gleichermaßen egal sind. Wie es dazu kam, dass diese Leute die Rote Liste der gefährdeten Arten mit einer Speisekarte verwechseln? Dafür gibt es mehrere Gründe:

Essen ist Medizin, Essen ist sogar die bessere Medizin. Nach diesem Grundsatz leben die Chinesen seit Jahrtausenden. Heilung durch bittere Arzneien ist gut, mindestens so gut ist demnach aber die Linderung oder Vorbeugung durch den Verzehr von allerlei Flora und Fauna. Tigerpenis, Schildkrötensuppe, Schlangenblut und Nashornpulver - der Glaube an die mal stärkende, mal heilsame Kraft solcher Rezepturen ist alt, überliefert von Mund zu Mund, nicht selten auch in den Werken der klassischen chinesischen Medizin wie dem "Ben cao gang mu".

Das chinesische Nashorn ist deshalb schon längst ausgerottet

Dessen Autor schwärmte im 16. Jahrhundert ausführlich von der Wunderwirkung des zerriebenen Horns vom Nashorn - griff seinerseits aber auch nur auf, was seine Vorläufer schon 1700 Jahre früher beschrieben hatten. Vor allem gegen Gifte wurde das Pulver demnach eingesetzt, angeblich konnte es Blutgifte neutralisieren. Zudem wurde es verwendet gegen Lähmungen, gegen Fieber, Kopfweh, Nasenbluten und allerlei andere Wehwechen.

Vor allem aber diente es immer als Aphrodisiakum. Das Horn des Nashorns ist eines der Beispiele für das magische Denken der alten Chinesen, das sich in Resten bis heute gehalten hat. Es manifestierte sich in jenem Aberglauben, der unter anderem den Körperteilen starker und mächtiger Tiere eine besondere Wirkung auf korrespondierende Körperteile beim Menschen nachsagt. Konkret: Weil das Horn des Nashorns an einen aufragenden Penis erinnert, wird ihm eine Wirkung gegen Impotenz nachgesagt. Und dem Tigerpenis sowieso. Dieser wird in Schnaps eingelegt oder getrocknet, eingeweicht und dann gekocht in einem Kräutersüppchen. Zermahlene Tigerknochen wiederum sollen - abgefüllt in Wein - gegen Rheuma und Arthritis helfen. Tigerdung gegen Hämorrhoiden.

Das chinesische Nashorn ist deshalb schon längst ausgerottet. Das einst in Südchina weit verbreitete Schuppentier ist ebenfalls fast verschwunden. Ihm wurde zum Verhängnis, dass es ein talentierter Bau- und Lochgräber ist, woraus wiederum alte Autoren eine Fähigkeit zum "Durchstoßen" von Verstopfungen und Verschlüssen im menschlichen Körper konstruierten. Frauen im Wochenbett zum Beispiel wird Schuppentiersuppe empfohlen, wenn ihre Milchdrüsen verstopft sind.

"Lasst nicht zu, dass sich eure Mägen in Tierfriedhöfe verwandeln"

Eines ist wichtig: Die überwältigende Mehrheit der Chinesen hat den extremsten dieser Bräuche nie gefrönt. Sie hätte sich die seltenen Tiere niemals leisten können. Die Tigerrezepte zum Beispiel waren früher dem Kaiser und einer kleinen Elite vorbehalten. Das Fatale für die Tierwelt ist nun: Chinas Wirtschaftsboom hat in den vergangenen Jahren eine Schicht gedankenloser Neureicher geschaffen, die sich die alten Kaiserrezepte locker leisten können - und wollen.

Einen Hoffnungsschimmer aber gibt es. Das Bewusstsein in China wächst. Die Regierung erlässt Verbote, Sportstars wie der Basketballer Yao Ming engagieren sich für Artenschutz, und die großen Online-Kaufhäuser säubern ihre Seiten von Tigerpenis und Schuppentier. "Lasst nicht zu, dass eure Mägen sich in Tierfriedhöfe verwandeln", titelte eine Zeitung im kantonesischen Shenzhen.

© SZ vom 24.09.2016/fehu
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