Artenschutz Nur der Umbau der Landwirtschaft kann das Insektensterben stoppen

Der Lebensraum für Insekten und andere Tiere wird knapp. Dagegen kann man etwas tun.

(Foto: dpa)

Die Initiatoren des Volksbegehrens in Bayern haben recht. Auch wenn noch nicht alle Ursachen des Artenschwunds erforscht sind, weiß man genug, um etwas zu verändern.

Kommentar von Tina Baier

Jedes Kind weiß, dass es den Elefanten in Afrika schlecht geht, genauso wie den Gorillas im Regenwald und den Walen in den Ozeanen. Weniger bekannt ist, dass es auch in Deutschland ein Artensterben gibt, direkt vor unserer Haustür. In den vergangenen 30 Jahren ist ein Großteil der heimischen Insekten verschwunden. Und es gibt nur noch etwa halb so viele Vögel wie Ende der 80er-Jahre. Das Volksbegehren "Rettet die Bienen!", das jetzt in Bayern begonnen hat und bei dem es - anders als der Name vermuten lässt - nicht nur um das Bienensterben, sondern um den Schwund der Arten insgesamt geht, ist deshalb richtig und wichtig. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Jetzt ist es Zeit zu handeln.

Bienen sind für die Menschheit heute das, was früher die Kanarienvögel für die Bergleute waren. Die Vögel warnten die Arbeiter vor tödlichen Gasen in den Minen. Heute zeigt der Schwund der Bienen an, dass etwas grundsätzlich aus dem Gleichgewicht geraten ist in der Natur. Dabei geht es nicht nur um die Honigbienen, sondern vor allem auch um die etwa 570 Wildbienenarten in Deutschland, die für die Bestäubung von Pflanzen mindestens genauso wichtig sind. Anders als die Honigbiene, die sich gerade sogar wieder etwas erholt hat, ist mehr als die Hälfte dieser Insekten vom Aussterben bedroht.

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Auch wenn noch nicht alle Ursachen und Hintergründe des großen Schwunds bis ins letzte Detail erforscht sind, weiß man genug, um etwas zu verändern. Vieles deutet dabei auf die intensive Landwirtschaft als einen der wichtigsten Verursacher des Artenschwunds hin. Seit Jahren beobachten zum Beispiel Vogelschützer, dass bei sogenannten Agrarlandarten wie Feldlerche oder Kiebitz, die auf Feldern und Wiesen brüten und dort ihr Futter suchen, die Zahlen viel stärker zurückgehen als bei Waldvögeln.

Sogar den Tieren, die in der Nähe des Menschen in Städten und Dörfern leben, geht es besser. Bei den Insekten ist es ähnlich. Und dass ein Zusammenhang zwischen dem Schwund der Insekten und dem Rückgang insektenfressender Vögel besteht, muss eigentlich nicht erst aufwendig bewiesen werden. Es ist logisch.

Genauso einleuchtend ist, dass der großflächige Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft etwas mit dem Insektensterben zu tun haben muss - auch wenn dieser Zusammenhang schwierig zu beweisen ist. Mittel wie die Neonikotinoide wurden schließlich dafür entwickelt, Insekten zu töten. Sie greifen das Nervensystem an, eine zentrale Stelle also, die für alle Kerbtiere gleichermaßen überlebenswichtig ist. Davon auszugehen, diese Mittel würden ausschließlich Schädlinge beeinträchtigen, wäre naiv.

Es ist daher richtig von den Initiatoren des Volksbegehrens, einen Ausbau der ökologischen Landwirtschaft zu fordern, in der die Bauern keine Pestizide verwenden. Ihre Forderung, bis zum Jahr 2025 auf mindestens 20 Prozent der Fläche Bayerns auf intensive Landwirtschaft zu verzichten, ist sogar noch moderat. Um das Artensterben zu stoppen, muss mehr passieren. Aber es wäre zumindest ein Anfang. Und es wäre machbar.

Noch einfacher wäre es, schon im Frühjahr sogenannte Blühstreifen an den Feldrändern stehen oder sogar größere Flächen brach liegen zu lassen. Solche Gebiete helfen nicht nur den Bienen und anderen Insekten, die dort Nahrung finden, sondern auch den Vögeln, die in Ruhe brüten können, und vielen anderen Tieren. Manche Landwirte machen das auch, doch insgesamt betrachtet geht der Trend in Bayern, Deutschland und Europa sogar dahin, brachliegende Flächen wieder intensiv zu bewirtschaften. Derzeit liegen in Deutschland nur etwa 1,7 Prozent der Ackerfläche brach. Um die Jahrtausendwende waren es bis zu zehn Prozent.

Es klingt paradox, aber das Argument für diese Entwicklung, die von der EU bewusst gefördert wird, ist ausgerechnet der Umweltschutz. Auf vielen ehemals brachliegenden Flächen werden mittlerweile sogenannte Bioenergiepflanzen wie Raps und Mais angebaut, die unter anderem zu Biodiesel und Biogas verarbeitet werden. Das verringert zwar den Ausstoß des Treibhausgases CO₂, doch die bittere Wahrheit ist: Der Schaden für den Artenschutz ist um ein Vielfaches größer als der Nutzen. Die Bestandskurven vieler Spezies zeigen Einbrüche vom Jahr 2007 an, in dem die EU die Förderung von Brachflächen gestoppt hat. Artenschützer nennen das Phänomen den "Erneuerbare-Energien-Knick".

Doch es reicht nicht, mit dem Finger allein auf die Landwirte zu zeigen. Denn das Problem ist viel größer und kann nur gelöst werden, wenn Wissenschaftler verschiedener Disziplinen eng mit der Politik zusammenarbeiten. Auch Artenschutz und Klimaschutz gegeneinander auszuspielen, wäre das falsche Signal. Klimawandel und Artensterben hängen zusammen, beides bedroht das Überleben der Menschheit. Um die Welt zu retten, muss beides gestoppt werden. Und zwar schnell.

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