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Vater der Atombombe:Hexenjagd auf Oppenheimer

Robert Oppenheimer (1904-1967), physicist and scientific director of the Manhattan Project, which was established during the Second World War to develop the atomic bomb.

Robert Oppenheimer (1904-1967)

(Foto: Getty Images)

Nach einem Grundsatzstreit über die Entwicklung und den möglichen Einsatz der Wasserstoffbombe jagt die amerikanische Regierung im Jahr 1954 den "Vater der Atombombe" Robert Oppenheimer aus dem Amt. Begonnen hatte diese Hexenjagd vor genau 60 Jahren.

Der Name des Physikers steht wie kein zweiter für den Erfolg, die Verantwortung und Ohnmacht seiner Wissenschaft: Robert Oppenheimer war ein brillanter Theoretiker der Quantenphysik und ermöglichte es den USA als wissenschaftlicher Leiter des Manhattan-Projekts im Geheimlabor Los Alamos, 1945 die ersten Atombomben zu entwickeln und gegen japanische Städte einzusetzen.

1954 jedoch, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges mit der Sowjetunion und der Kommunistenhatz in seinem Heimatland wurde "Amerikas Prometheus", wie ihn seine Biografen Kai Bird und Martin Sherwin nennen, öffentlich demontiert, gedemütigt und aus dem Amt gejagt. Dieses letzte Kapitel in Oppenheimers Karriere begann vor 60 Jahren, am 25. Mai 1953, im Oval Office bei einem Gespräch des damaligen Präsidenten Dwight D. Eisenhower mit seinem obersten Atomberater Lewis Strauss.

Strauss war bald nach Kriegsende zu Oppenheimers Widersacher geworden und sollte das Leben des Physikers bis zu dessen Tod 1967 prägen. Er organisierte 1954 mit Eisenhowers Billigung ein "Femegericht", wie es Bird und Sherwin nennen: Das Verfahren war "offensichtlich unfair und lief juristischen Normen empörend zuwider", urteilen sie nach dem Studium der Quellen ( J. Robert Oppenheimer, List-Verlag, 12,95 Euro).

Auch wenn Antipathie alleine nur selten Geschichte macht, so hatte doch der Fall Oppenheimer viel von einem Duell zweier einander verachtender, machtbewusster und grundverschiedener Männer, wie ihn Schriftsteller nicht besser hätten erfinden können.

Zwei Kontrahenten

Robert Oppenheimer, dem sein Vater bei der Geburt 1904 den nie benutzen ersten Vornamen Julius gegeben hatte, war einer der führenden liberalen Intellektuellen seiner Zeit. Er war groß gewachsen, eher dürr als dünn und Kettenraucher. Nach seinem Studium in Harvard, dem britischen Cambridge und Göttingen trat er eine Professorenstelle im kalifornischen Berkeley an. Er hatte einen wachen Geist und eine schillernde Persönlichkeit, konnte "scharf und einschüchternd sein, im nächsten Moment entwaffnend durch seinen Charme", schreiben Bird und Sherwin.

Politisch stand er eher links und hatte viele Kontakte zu Kommunisten; sein Bruder Frank und seine Frau Kitty waren zeitweise Parteimitglieder gewesen, Oppenheimer selbst aber nicht, sind sich seine Biografen sicher. Die Kontakte brachten ihm eine dicke FBI-Akte ein, in die auch die Protokolle jahrelanger, illegaler Abhöraktionen einflossen. Seit 1941 führte ihn die Bundespolizei als verdächtigen Radikalen, der im Falle eines nationalen Notstands festzunehmen sei.

Lewis Strauss hingegen war erzkonservativ. Er hatte sich vom Schuhverkäufer zum Investmentbanker hochgearbeitet und war reich geworden, bevor er im Krieg im Marineministerium arbeitete. Zeitgenossen beschreiben ihn als krankhaft ehrgeizig, selbstgerecht, hartnäckig, außerordentlich reizbar und ausgestattet mit dem Bedürfnis, andere zu erniedrigen. Ein Mitarbeiter sagte über ihn: Wer nicht einer Meinung mit ihm war, in dem sah Strauss erst einen Dummkopf, dann einen Verräter.

Strauss hatte in den Jahren nach dem Krieg zwei wichtige Posten. Er war zum einen Mitglied der Atomic Energy Commission (AEC), dem offiziellen Beratungsgremium der Regierung. Atomic Energy, das hieß damals nicht Kraftwerke, sondern Bomben. Zum anderen war er stellvertretender Leiter des Kuratoriums am Institute for Advanced Study (IAS) in Princeton, New Jersey, wo damals auch Albert Einstein arbeitete.

In beiden Funktionen bekam Strauss mit Oppenheimer zu tun. Er bot ihm 1946 im Auftrag des Kuratoriums die Leitung des IAS an; den Posten, der mit einem Umzug von Kalifornien an die Ostküste verbunden war, nahm Oppenheimer erst nach langer Bedenkzeit an, was Strauss ärgerte. Und dann wehrte sich der Physiker auch noch erfolgreich dagegen, dass sich Strauss in die Leitung des IAS einmischen und dazu sogar auf den Campus des Instituts ziehen wollte. Zu jener Zeit hielt Oppenheimer Strauss nur für lästig, wie Abhörprotokolle zeigen, die die Biografen Bird und Sherwin studiert haben.

In der AEC gerieten die beiden spätestens im Sommer 1949 aneinander. Oppenheimer leitete einen Beirat der Kommission, das General Advisory Comitee (GAC). In dieser Funktion wurde er zu der Frage vor den Kongress geladen, ob Amerika anderen Staaten Radioisotope liefern sollte, also Proben strahlender Elemente. Strauss war strikt dagegen, aber in der AEC isoliert. Oppenheimer hatte keine Bedenken und machte sich über die Argumente seines Widersachers in dessen Gegenwart öffentlich lustig. Strauss lief rot an und verließ die Sitzung "mit Hass in seinem Blick", zitieren die Biografen einen Zeitzeugen.