Interview mit Edward Teller:"Lauter, bitte!"

Edward Teller wurde oft als Vater der Wasserstoffbombe bezeichnet - ein Titel, den er im Alter nicht mehr hören konnte. Im Juli 2000 gab er dem SZ-Magazin eine Nachhilfestunde in Physik.

Interview: André Behr und Lars Reichardt

SZ-Magazin: Viele Menschen haben ihren Glauben an den Fortschritt verloren...

Edward Teller: Laut und deutlich, bitte.

SZ-Magazin: Haben Sie jemals am Sinn der Naturwissenschaften gezweifelt?

Edward Teller: Sie kommen aus Deutschland, nicht wahr, dem Land, aus dem die Grüne Bewegung stammt? Nun, jede wichtige Erfindung hat Konsequenzen für die Umwelt, gute wie schlechte. Aber man muss beide Seiten genau betrachten. Man kann zum Beispiel die Luftverschmutzung durch Automobile beklagen, aber gäbe es sie nicht, so hätte man Pferde. Und ich halte die Verunreinigung durch Pferde eigentlich für unangenehmer als die durch Automobile.

SZ-Magazin: Wie steht es mit der Verunreinigung durch Atomkraftwerke oder Atombombenversuche?

Edward Teller: Lauter.

SZ-Magazin: Können Sie die Bedenken gegen die Anwendungen der Kernphysik verstehen?

Edward Teller: Verstehen, ja. Beistimmen kann ich ihnen in keinem Fall. Die Atomkraft ist neu, schwer zu verstehen und es fällt leicht, dagegen zu argumentieren. Das verursacht Furcht und Missverständnisse. Ich behaupte, dass Kernreaktoren pro abgelieferter Energieeinheit sicherer sind als die meisten, möglicherweise alle anderen Formen der Energieerzeugung.

SZ-Magazin: Trotz Tschernobyl?

Edward Teller: Zehn Jahre nach dem Reaktorunfall gab es eine Konferenz in Wien, auf der man feststellte, dass die befürchtete Zunahme von Krebsfällen in Europa ausgeblieben ist - mit einer Ausnahme, dem Schilddrüsenkrebs. Das Merkwürdige war, dass die Öffentlichkeit von den positiven Nachrichten der Konferenz keine Notiz nahm.

SZ-Magazin: Macht die Physik den Menschen Angst, weil viele ihrer Gesetze nur noch von wenigen Spezialisten verstanden werden?

Edward Teller: Die Physik hat viele interessante Tatsachen entdeckt, die leicht zu verstehen sind, wie etwa die Elektrizität. Allerdings hat es in ihrer Geschichte drei Entwicklungen gegeben, die tatsächlich schwer nachzuvollziehen waren und entsprechend kritische Reaktionen hervorgerufen haben. Nummer eins lautete: Die Erde bewegt sich. Der dabei am meisten erwähnte Name ist natürlich Galileo. Es gibt da aber zwei andere Leute, ich habe nur leider nach meinem Schlaganfall Schwierigkeiten, mich an die gewöhnlichsten Namen zu erinnern. Wie heißt der Pole?

SZ-Magazin: Nikolaus Kopernikus?

Edward Teller: Richtig, Kopernikus hatte den Auftrag vom Papst, den Kalender zu verbessern. Da gibt es ein wunderbares Buch, das ich Ihnen empfehlen möchte, von dem Ungarn Arthur Koestler. Auf Englisch heißt es Darkness at Noon. (deutsch: "Sonnenfinsternis") Kennen Sie dieses Buch?

SZ-Magazin: Leider nein.

Edward Teller: Koestler war ein Kommunist, der sich im spanischen Bürgerkrieg engagiert hat. In den späten dreißiger Jahren hat er sich von der kommunistischen Führung in Russland distanziert. Wen meine ich jetzt?

SZ-Magazin: Stalin.

Edward Teller: Stalin. Das Buch handelt von der angeblichen Treulosigkeit einiger russischer Ex-Kommunisten und ihrer Verurteilung. Über drei Viertel des Buches erfährt man nicht, wie der Schriftsteller zu diesen Anklagen steht. Waren sie Verräter oder haben sie Moskau zu Recht kritisiert? Erst im letzten Viertel wird klar, dass sie mit ihrer Kritik durchaus im Recht waren, aber verurteilt wurden, nachdem sie gestanden hatten, im Unrecht gewesen zu sein. Koestlers Buch ist antistalinistisch. Darkness at Noon - im Kommunismus schien nicht die Sonne, es herrschte Finsternis.

SZ-Magazin: Sie sprachen von drei großen Revolutionen in der Physik.

Edward Teller: Dazu werde ich noch kommen. Der Autor Koestler hat auch ein anderes Buch geschrieben, Sleepwalkers, wie heißt das auf Deutsch?

SZ-Magazin: Schlafwandler.

Edward Teller: Die Wissenschaftler sind Schlafwandler. Sie wissen nicht, was sie suchen, aber finden es seltsamerweise doch. Ein Kapitel behandelt Kopernikus und seine Nachfolger. Kopernikus war ein Geistlicher, der über seine Entdeckung ein Buch schrieb. Ich habe es nicht gelesen, ich zitiere Koestler: Lieber Leser, sagt Kopernikus, mach dir keine Sorgen, dass die Erde sich bewegt. Das ist nichts weiter als Mathematik und die Mathematik ist für Mathematiker bestimmt. Kepler und Galileo jedoch haben die Bewegung der Erde, natürlich zu Recht, als Realität verstanden. Das ist eine interessante Diskussion.

Sogar ein Papst, ich weiß nicht genau welcher, hat erlaubt, dass man die Thesen des Kopernikus bis zu einem endgültigen Beweis diskutieren dürfe, als theoretische Möglichkeit. Galileos Verbrechen dagegen bestand in der Behauptung, dass es sich nicht um Mathematik, sondern um die Wirklichkeit handelt; er hatte ja die Monde des Jupiter entdeckt. Für Jahrzehnte bestand jedenfalls die religiöse und mehr oder minder auch gesellschaftliche Frage: Sind wir der Mittelpunkt der Welt? Zur Zeit Galileos war das ein wirkliches Problem. Erst Jahre später war die These endlich verdaulich. Sie wissen, dass die Welt heute viel größer ist als die Welt, die Galileo bekannt war? Um welchen Faktor?

SZ-Magazin: Vielleicht dreimal?

Edward Teller: Unsinn, zehn hoch 14, das sind 100 Billionen. Die Welt von Galileo war keine Lichtstunde groß. Von hier zur fernsten bekannten Galaxie sind es aber zehn hoch zehn Lichtjahre. Die Welt ist unbegreiflich viel größer geworden.

Was sind die beiden anderen physikalischen Revolutionen, haben Sie gefragt und ich will es Ihnen jetzt sagen. Nummer zwei und drei sind weniger als ein Jahrhundert alt, sie heißen Relativität und Quantenmechanik und sind ähnlich schwer zu verstehen. Kant hat diesen Begriff aufgestellt, wie hat er das genannt?

SZ-Magazin: Das Apriori der Erkenntnis?

Edward Teller: Oder so ähnlich. Er brachte jedenfalls ein ganz vorzügliches Beispiel: die Geometrie. Ohne Geometrie können wir gar nicht denken. Dass die Welt nun aber im Wesentlichen nicht dreidimensional ist, sondern vierdimensional, dass Gleichzeitigkeit keine absolute Bedeutung hat und es eine Grenze für die Geschwindigkeit in der Welt gibt, die Lichtgeschwindigkeit, diese Neuigkeiten sind wirklich schwer zu akzeptieren. Ist das mehr oder minder verständlich?

SZ-Magazin: Sehr verständlich.

Edward Teller: Der dritte große Fortschritt ist die Quantenmechanik, die einen anderen Grundsatz erschüttert hat, den der notwendigen Folge von Ursache und Wirkung. Ich versuche das einmal in religiösen Worten auszudrücken - nicht weil ich an irgendetwas Besonderes glaube, sondern weil die Begriffe klar sind. Wenn ein Naturwissenschaftler im 19. Jahrhundert an Gott glaubte, musste er zugeben, dass Gott arbeitslos ist. Gott hat die Welt irgendwann einmal nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung erschaffen und somit die Zukunft der Welt festgelegt. Was bliebe ihm da noch zu tun?

SZ-Magazin: Das ist das Bild von Gott als Uhrmacher.

Edward Teller: Nach Niels Bohrs Erkenntnis von der Dualität in der Beschreibung von Teilchen und Wellen folgt eindeutig, dass man sehr viele Voraussagen nur im Sinne der Wahrscheinlichkeit treffen kann, aber nicht mehr im Sinne der genauen Prophezeiung. Ich kann etwa sagen, dass ein einzelnes Atom mit einer bestimmten kleinen Wahrscheinlichkeit im nächsten Jahr zerfallen wird...

SZ-Magazin: Sie sprechen von der Halbwertszeit.

Edward Teller: Aber wann genau ein bestimmtes Atom zerfällt, kann niemals vorausgesagt werden. Das würde der Quantenmechanik widersprechen. Sie kennen vielleicht Einsteins berühmte Entgegnung an Bohr?

SZ-Magazin: Gott würfelt nicht, hat er gesagt.

Edward Teller: Ich kann mir vorstellen, sagte Einstein, dass Gott die Welt gegen meine Gesetze erschaffen hat, aber ich kann nicht glauben, dass er würfelt. Aber Bohr hat bewiesen, jawohl, es wird gewürfelt, und zwar unglaublich häufig. Die Welt als etwas Unbestimmtes darzustellen, mit einer im Wesentlichen nicht voraussagbaren Zukunft, das war das Neue.

Zu all dem kam die Entdeckung, dass die Kernreaktion in der Sonne auf der Erde reproduziert werden kann. Ihr Missbrauch in Hiroshima und Nagasaki war eine fürchterliche Katastrophe. Dies zusammen mit der Schwerverständlichkeit der Physik hat die Zweifel an der modernen Wissenschaft im Wesentlichen hervorgerufen, selbst bei vielen nachdenklichen Menschen. Habe ich mich klar ausgedrückt?

SZ-Magazin: Durchaus. Wo wird Ihrer Meinung nach die vierte Revolution in der Physik stattfinden?

Edward Teller: Ich gebe Ihnen gern eine präzise Antwort: Ich weiß es nicht. Es gibt aber eine Entwicklung, die mich außerordentlich interessiert und die zu etwas fundamental Neuem führen kann: die Entschlüsselung der Desoxyribonukleinsäure. Die Gesetze der Vererbung bedienen sich eines Werkzeugs von vier heterozyklischen chemischen Verbindungen, die man als Buchstaben bezeichnen kann, mit denen die Eigenschaften von Vater und Mutter vererbt werden.

Merkwürdigerweise sind diese Buchstaben dieselben für den Menschen wie für ein Pferd, einen Fisch, einen Baum oder einzellige Geschöpfe. Ein solcher Buchstabe besteht aus etwa fünfzig Atomen. Die interessanteste Frage für die Wissenschaft lautet: Was ist Leben? Ist das Leben an diese vier Buchstaben gebunden? Und gibt es sie sonstwo im Weltall? Oder sind sie verschieden, aber vergleichbar, übersetzbar? Habe ich Ihre Frage beantwortet?

SZ-Magazin: Nicht ganz. Glauben Sie an die Möglichkeit einer neuen fundamentalen Theorie innerhalb der Physik, etwa durch die Superstrings?

Edward Teller: Schauen Sie, es gibt ganz gute Hinweise, dass die Bestandteile der Atome, die man noch vor hundert Jahren gekannt hat, noch weiter zerlegbar sind. Oder vielleicht sollte ich wegen des Neutrons nicht von hundert, sondern von sechzig oder siebzig Jahren sprechen. Das Neutron und das Proton zum Beispiel bestehen aus Quarks, deren Anzahl man seit etwa dreißig Jahren kennt. Ein ganzer Teilchenzoo, der nach meinem Geschmack viel zu groß ist.

SZ-Magazin: Sie selbst glauben also nicht an die Existenz von winzigsten saitenförmigen Elementarstrukturen?

Edward Teller: Ob man damit etwas Wesentliches erkannt hat, vielleicht gar die Oberfläche einer neuen Theorie angekratzt hat, das weiß ich nicht.

SZ-Magazin: Man nennt Sie den Vater der Wasserstoffbombe. Ärgert Sie das?

Edward Teller: Jawohl, in gewisser Hinsicht. Ich habe während des Krieges an der Kernspaltung gearbeitet. Danach habe ich zur Kernfusion führend beigetragen. Viele Wissenschaftler und Freunde wollten nach dem Krieg diese Forschungen ruhen lassen. Das wäre falsch gewesen, insbesondere wegen des Kalten Kriegs.

Ich habe also gegen die Wünsche der Mehrheit meiner Kollegen gearbeitet, und sehr effizient, wie ich meine. Mich ärgert nicht, dass man mich den Vater der Wasserstoffbombe nennt. Mich ärgert, dass man meine Arbeit an ihr als Sünde ansieht. Sie in Deutschland haben ihr wahrscheinlich Ihre Wiedervereinigung zu verdanken. Glauben Sie nicht?

SZ-Magazin: Die Politik der Abschreckung scheint zumindest funktioniert zu haben.

Edward Teller: Und die Wasserstoffbombe wurde schließlich nie benutzt, im Gegensatz zur Atombombe, in Hiroshima und Nagasaki.

SZ-Magazin: Hat es Sie vielleicht geärgert, dass Ihre wissenschaftlichen Leistungen nie mit dem Nobelpreis geehrt worden sind?

Edward Teller: Als ich vor einigen Jahren einmal nach einer nicht ganz angenehmen Operation aus der Narkose erwachte, hörte ich eine Pflegerin zu einer anderen sagen: Das hier ist der Nobelpreisträger. Ich antwortete: Nein, ich habe keinen Nobelpreis. Aber mir ist es lieber, keinen bekommen zu haben und gefragt zu werden: Warum nicht?, als mit einem Nobelpreis gefragt werden: Warum denn das? Das war eine aufrichtige Antwort. Nach der Narkose hätte ich gar nicht die Geistesgegenwart besessen, eine Antwort zu erfinden.

SZ-Magazin: Sie haben gegen Robert Oppenheimer ausgesagt, der als Leiter des Atombombenprojekts, abgesetzt wurde, weil er sich aus moralischen Gründen gegen die Wasserstoffbombe aussprach. Damit haben Sie viele Anfeindungen in Kauf genommen. Wie steht man so etwas durch?

Edward Teller: Weil nicht jeder Freund unfreundlich wurde. Insbesondere meine ungarischen Freunde blieben Freunde. Ich meine Wigner, von Neumann und ... Wie heißt er?

SZ-Magazin: Leo Szilard?

Edward Teller: Szilard, ja. Wir waren uns in der Beurteilung der Sowjets uneins, aber unsere Freundschaft war dadurch nicht gefährdet.

SZ-Magazin: Sie haben in den fünfziger Jahren einmal gefordert, alle wissenschaftlichen Geheimnisse zu veröffentlichen.

Edward Teller: Ich glaube nicht, dass ich das in der Form je gesagt habe. Ich habe aber gesagt, und ich glaube es noch immer, wir sollten Geheimnisse graduell veröffentlichen. Es ist praktisch unmöglich, sie alle offen zu legen. Aber im Großen und Ganzen würde ich sagen, was auf einer Seite Papier erklärt werden kann, wird sowieso entdeckt und kann gar nicht geheim gehalten werden.

SZ-Magazin: Könnten Sie denn auf einer Seite erklären, wie man die Atombombe baut?

Edward Teller: Das ist mir immer noch verboten. Ich muss eine unnatürliche Vorsicht walten lassen, auch bei einfachen Fragen.

SZ-Magazin: Fällt es schwer, ein wichtiger Geheimnisträger zu sein?

Edward Teller: Jawohl, das ist außerordentlich schwierig und sollte weitgehend geändert werden.

SZ-Magazin: Bis in die achtziger Jahre waren Sie Direktor in Livermore, dem größten amerikanischen Rüstungsforschungslabor.

Edward Teller: Jawohl.

SZ-Magazin: Dürfen Sie über Ihre dortige Tätigkeit sprechen?

Edward Teller: Livermore hat dazu beigetragen, den Kalten Krieg zu gewinnen. Besonders dadurch, dass wir eine erfolgreiche Strategie mit U-Booten ausgearbeitet haben, die den Sowjets einen vernichtenden Erstschlag unmöglich machte.

SZ-Magazin: Und was macht man dort heute?

Edward Teller: Fragen Sie mich doch lieber, was man meiner Meinung nach dort heute machen sollte. Man sollte die internationale Zusammenarbeit verstärken, angefangen mit weniger kontroversen Themen wie etwa der Wettervoraussage oder der Erstellung gemeinsamer Regeln, die einen Dritten Weltkrieg verhindern helfen.

SZ-Magazin: Warum gibt es überhaupt Krieg?

Edward Teller: Es gibt nicht den geringsten Grund, warum ich darüber mehr wissen sollte als Sie. Aber ich denke, es gibt Kriege, weil Kriege möglich sind, und der Mensch eben so beschaffen ist, alles Mögliche durchsetzen zu wollen. Und natürlich ist es wichtig, unserer natürlichen Neigung zum Krieg entgegenzuwirken.

Im letzten Jahrhundert ist die Welt schon kleiner geworden. Kleiner in Bezug auf Kommunikation und die Ausübung von Gewalt. Ich sagte schon, dass ich mich freue, dass die Wasserstoffbombe nie benutzt worden ist, und das sollte möglichst so bleiben. Ich glaube allerdings nicht, dass dies durch die Verhinderung von Forschung wahrscheinlicher wird. Es wird höchstens durch eine verbesserte Zusammenarbeit und den Austausch von Kenntnissen möglich.

SZ-Magazin: Haben Sie darüber schon einmal mit Bill Clinton gesprochen?

Edward Teller: Das habe ich nicht, aber dies liegt weniger an meiner Zunge als an seinem Ohr.

SZ-Magazin: Für alle amerikanischen Präsidenten der letzten siebzig Jahre waren Sie ein gefragter Rüstungsexperte. Hat sich Clinton nie für Ihren Rat interessiert?

Edward Teller: Falls er sich interessiert hat, hat er diesem Interesse mit großem Erfolg Widerstand geleistet.

SZ-Magazin: Womit beschäftigen Sie sich heute?

Edward Teller: Ich habe mit Freunden gerade einen Vorschlag zur Wettervorhersage ausgearbeitet. Sie haben vielleicht von dem großen Brand in Los Alamos gehört? Das Feuer hätte durch bessere Wettervorhersage verhindert werden können.

SZ-Magazin: Wie wollen Sie die Vorhersagen verbessern?

Edward Teller: Ich und meine Freunde wollen anregen, das Wetter weltweit alle 15 Minuten zu erfassen, um es bis zu zwei Wochen vorauszusagen. Die Rechenmodelle wären dafür schon ausreichend, die Messungen sind ungenügend. Wir befürworten daher kleine Ballone, die man für weniger als einen Pfennig herstellen könnte. Mit einer Wasserstoff-Füllung würden sie einige Jahre in der Atmosphäre schweben und den Satelliten sogar Windgeschwindigkeiten durchgeben. Damit ließen sich Verlässlichkeit wie Dauer der Voraussage um mindestens den Faktor drei erhöhen.

SZ-Magazin: Wem werden Sie diesen Vorschlag unterbreiten?

Edward Teller: Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich es noch nicht weiß. Jedenfalls nicht Clinton.

SZ-Magazin: Sie interessieren sich für das Wetter und leben in Kalifornien, einem Bundesstaat, in dem immer die Sonne scheint.

Edward Teller: Ich interessiere mich dafür schon sehr lange, deshalb bin ich auch hierher gezogen. Natürlich gab es auch andere Gründe.

SZ-Magazin: Spielen Sie immer noch Schach?

Edward Teller: Seit vielen Jahren nicht mehr. Als Student in Deutschland spielte ich sehr viel. Auf Ausflügen sogar Blindschach.

SZ-Magazin: Haben Sie auch gegen Einstein gespielt?

Edward Teller: Ich wusste gar nicht, dass er Schach spielte. Nein, gegen ihn nicht, aber gegen andere Physiker. Mit Heisenberg habe ich sehr oft gespielt.

SZ-Magazin: Wer hat gewonnen?

Edward Teller: Er, soweit ich mich erinnern kann. Er war immer besser, in allem. Außer anfänglich im Pingpong, aber das duldete er nicht. Er lernte es schnell und am Ende hat er mich auch da geschlagen.

SZ-Magazin: Robert Oppenheimer, der auch nach Ihrer Aussage gegen ihn als Sicherheitsrisiko galt, spielte nicht Schach?

Edward Teller: Meines Wissens nicht und absolut sicher nicht mit mir.

SZ-Magazin: Glauben Sie, die Russen konnten die Wasserstoffbombe in so kurzer Zeit nach Ihnen bauen, weil sie einen Spion hatten?

Edward Teller: Ich kann nur so viel sagen: Über die Kernspaltungswaffe wurden sie durch ihre Spione, besonders durch Klaus Fuchs, sehr wohl bedient. Die Entdeckung der Wasserstoffbombe ist den Sowjets meines Wissens unabhängig von uns gelungen.

SZ-Magazin: Wie konnte Fuchs so lange unentdeckt bleiben?

Edward Teller: Die Kontrolle war sicher nicht leicht. Klaus war sogar bis zu seiner Enttarnung mein Freund.

SZ-Magazin: Einige Kollegen haben Sie als ernsthaften, von vielen Freunden enttäuschten Mann in Erinnerung. Der Physiker Freeman Dyson beschreibt Sie dagegen als fantasievollen und humorbegabten Menschen.

Edward Teller: Ich habe Dyson schon lange nicht mehr gesehen, aber er ist ein sehr guter Mann.

SZ-Magazin: Woher bezieht der Erfinder der Wasserstoffbombe seinen Humor?

Edward Teller: Ich stamme aus Ungarn. Sie kennen meine Geschichte, nicht wahr?

SZ-Magazin: Ja, Sie sind in Ungarn aufgewachsen, kamen Mitte der zwanziger Jahre zum Studium nach Deutschland und gingen später ins Exil.

Edward Teller: Stimmt alles nicht. In Wahrheit gab es einmal fünf Leute, die vom Mars stammten. Das wissen Sie nicht?

SZ-Magazin: Nein.

Edward Teller: Theodore von Kármán, Wigner, Johann von Neumann und, nun, wie heißt der andere wieder?

SZ-Magazin: Szilard.

Edward Teller: Der Szilard und ich - wir fünf dachten, dass Marsbewohner in den USA nicht gern gesehen sind. Uns als Amerikaner auszugeben, scheiterte an unserem Akzent, also versuchten wir es als Ungarn.

SZ-Magazin: Deswegen lauten Ihre Initialen auch E. T.

Edward Teller: Jawohl, Extra Terrestrian, Außerirdischer.

SZ-Magazin: Für einen Außerirdischen sprechen Sie fabelhaft Deutsch. Fühlen Sie sich überhaupt als Amerikaner?

Edward Teller: Schauen Sie, ich kam vor 65 Jahren in die USA und muss mich schon deswegen Amerikaner nennen. Schließlich kam ich aus freien Stücken und weil die Amerikaner uns Ausländer eben mehr angenommen und für sich eingenommen haben als irgendein anderes Land. Zu Deutschland kann ich sagen, dass meine Mutter besser Deutsch als Ungarisch sprach, mein Großvater hieß sogar Deutsch, Ignaz Deutsch.

Edward Teller: Ich kam mit 18 Jahren nach Deutschland, um deutsche Wissenschaft zu studieren, und blieb sieben Jahre. Diese Zeit mit Einstein, Bohr und Heisenberg im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Gemeinschaft waren natürlich sehr schöne Jahre. Aber bitte sagen Sie mir doch, was man heute in Deutschland über Heisenberg denkt?

SZ-Magazin: Einige halten ihn für einen unkritischen Mitläufer des Nationalsozialismus.

Edward Teller: Darf ich Ihnen sagen, was ich glaube? Er hat an der Atombombe gearbeitet. Viele behaupten, dass er dies für die Nazis getan hätte, das ist ein fürchterlicher Vorwurf. Er war kein Nazi. Meiner Meinung nach war er sehr erfreut, als er feststellte, dass Deutschland die Bombe nicht so schnell fertig stellen konnte. Heisenberg hatte keinen Erfolg, weil er einfach nicht erfolgreich sein wollte.

SZ-Magazin: Haben Sie ihn irgendwann nach dem Krieg zu diesen Vorwürfen befragt?

Edward Teller: Selbstverständlich nicht, das wäre unangebracht gewesen. Ich bin ein Schüler von Heisenberg und ich bin sein Verehrer. Er hat nur einen schrecklichen Fehler begangen. Kurz bevor ich nach Amerika ging, sagte er: Na ja, dort wird nie was aus der Physik. Er hat die Amerikaner weit unterschätzt. Eines möchte ich Sie gern noch fragen, dann sollten wir aber Schluss machen, ich bin müde. Ist Erich Kästner bei Ihnen noch populär?

SZ-Magazin: Sein Kinderbuch Emil und die Detektive ist es.

Edward Teller: Ich mochte ein Gedicht von ihm sehr gern: Ich träume, das kann man ja ruhig gestehen, fast nie./ Ich schlafe lieber, sobald ich liege./ Aber kürzlich habe ich dennoch geträumt, wissen Sie?/ Und zwar, vom kommenden Kriege./ Aus den Gräbern stiegen Millionen Männer hervor,/ lauter Freiwillige. Wie eine Stimme betonte,/ sie hoben ihre Gewehre zum Schusse empor,/ und prüften, wen zu erschießen sich lohnte./ Sie kamen einander entgegen, ahnungslos, furchtbar und stumm./ Doch da schrie eine Stimme, als wäre jemand in Not./ Da drehten die Männer, wie auf Kommando, die Flinten herum,/ und schossen sich selber tot./ Sie fielen um, in endlosen Reihen. Ich träume doch eigentlich nie,/ und wer mag das gewesen sein, der so schrie?

Das war ein Gedicht vor Hitlers Zeit. Hätte es das vereinigte Europa nur früher gegeben, die Welt wäre heute viel besser.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB