Türkei:Steigt die Erdbebengefahr durch Erdoğans Kanal?

Aerial view of the First Bosphorus Bridge spanning the Bosphorus in Istanbul, Turkey. The suspension bridge, known in Turkish as Boaziçi Köprüsü, links Ortaköy in Europe and Beylerbeyi in Asia. (BasPhoto)

Der Instanbul-Kanal soll parallel zum Bosporus verlaufen und das Schwarze Meer mit dem Marmarameer verbinden.

(Foto: imago images/BasPhoto)

Trotz heftiger Kritik treibt der türkische Präsident Erdoğan den "zweiten Bosporus" voran, einen Kanal durch Istanbul. Neben ökologischen Bedenken verweisen Gegner auch auf die Gefahr von Erdbeben.

Von Tomas Avenarius und Marlene Weiß

Wer in Istanbul lebt, sollte sich einen Erdbebenrucksack neben die Haustüre stellen: Geld, Kekse, Wasser, Telefon und Taschenlampe, Verbandszeug, das Überlebensnotwendige eben. Nach dem in den kommenden Jahren oder Jahrzehnten zu erwartenden schweren Beben werde das Chaos in der 16-Millionen-Stadt unvorstellbar sein, sagen Experten.

Einen möglichen Vorgeschmack darauf gab es jüngst am 19. Juni: Ein Beben der Stärke 4,2 traf die Stadt. Es stürzten keine Häuser ein, es kam niemand ums Leben. Dennoch war die Panik groß, in den Medien war vom Vorboten einer Katastrophe zu lesen. Genährt wird die Erdbeben-Angst nun durch den von der Regierung in Ankara geplanten Bau eines "zweiten Bosporus": Der neue Kanal, der Istanbul auf der europäischen Seite parallel zur Meerenge durchschneiden soll.

Entlang des türkischen Nordens, unter dem Marmarameer und bis in die Ägäis hinein verläuft die sogenannte nordanatolische Verwerfung. Grob gesagt wird hier die anatolische Kontinentalplatte von der arabischen Platte Richtung Westen geschoben, um rund 2,5 Zentimeter im Jahr. Weil sie im Norden mit der eurasischen Platte verhakt ist, entsteht dadurch ein Druck im Untergrund. Immer weiter, bis eine verkeilte Stelle nachgibt und die Platten sich ruckartig verschieben - dann gibt es ein Erdbeben, und der Prozess beginnt von vorn.

Im 20. Jahrhundert gab es eine Reihe von schweren Erdbeben entlang der Verwerfung. 1912 ereignete sich ein schweres Beben in Ganos, am westlichen Ende des Marmarameeres. 1939 bebte die Erde in Erzincan in Ostanatolien, am anderen Ende der Türkei, dann wanderten die heftigen Beben immer weiter nach Westen Richtung Istanbul, bis die Kette 1999 schließlich Gölcük und Izmit erreichte, etwa 100 Kilometer südöstlich der Millionenstadt. Damals starben rund 17 000 Menschen, auch in Istanbul selbst kamen rund 1000 Personen ums Leben. Doch die Region unter dem Marmarameer blieb verdächtig lange von schweren Beben verschont, das letzte große Ereignis dort war 1766.

"Erdbebendefizit" nennen Geologen so etwas: Es bedeutet, dass sich dort lange eine Spannung aufgebaut hat, wie ein Bogen, der immer weiter gedehnt wird. Die Frage ist nur, wann sich der Pfeil löst und Istanbul trifft.

Nahe des möglichen Epizentrums sollen Wohnungen für eine halbe Million Menschen entstehen

"Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann in den kommenden 30 Jahren ein Beben unter dem Marmarameer die Stärke sieben oder noch mehr erreicht, liegt bei etwa 40 Prozent", sagt Marco Bohnhoff vom Geoforschungszentrum Potsdam, der auch das Erdbeben-Observatorium Gonaf bei Istanbul leitet. Ein schwerer Tsunami wäre bei so einem Beben zwar nicht zu erwarten, weil die Erde sich eher in horizontaler Richtung bewegen würde, nicht vertikal. Aber die Auswirkungen wären dennoch katastrophal, laut Schätzungen könnte es Zehntausende Tote geben.

Vor diesem Hintergrund wird nun über den geplanten Kanal diskutiert. Neben erheblicher Umweltbedenken wegen der Folgen für die Natur und für das ökologische Gleichgewicht des Marmarameeres spielt dabei auch das Erdbebenrisiko eine Rolle. Der Geologie-Professor Naci Görür, der als führender türkischer Erdbeben-Experte gilt, verwies jüngst darauf, dass die Mündung des geplanten Kanals ins Marmarameer sehr nahe am vermuteten Epizentrum des zukünftigen Bebens liegen würde. Dies mache jede großflächige Veränderung der Erdoberflächenstruktur durch den Kanalbau gefährlich. Dies gelte besonders, wenn bei den Grabungen umfangreiche Sprengungen durchgeführt werden.

Andere Experten halten diese Gefahr jedoch für überschaubar. "Man kann viel gegen den geplanten Kanal sagen", sagt Bohnhoff. "Aber dass dadurch ein schweres Beben befördert wird, ist sehr unwahrscheinlich." Im Vergleich zur tektonischen Energie im Untergrund seien die Massenumlagerungen durch den Bau dann doch relativ gering.

Doch die Risikobewertung hängt auch davon ab, was an den Ufern des Kanals passiert. Wohnungen für 500 000 Menschen sollen dort entstehen, mitten in der Zone, die von einem Marmara-Beben betroffen sein dürfte. Zwar kann man im Prinzip durchaus erdbebensicher bauen, das zeigen Länder wie Japan, wo Gebäude selbst schwerste Beben überstehen. In der Türkei jedoch wurden zwar die Vorschriften immer wieder verschärft, aber bislang werden sie oft nicht eingehalten.

Kritiker wie Istanbuls Bürgermeister Ekrem İmamoğlu fordern daher, die geschätzten 65 Milliarden Euro Baukosten für den Kanal lieber in die überfällige Sanierung bestehender Gebäude zu investieren. Schon lange fordern Experten, alte, billig errichtete Stahlbetongebäude zu stabilisieren, Räumgerät bereitzustellen und Sammelplätze zu schaffen. Aber die Regierung treibt das nicht entschlossen voran.

Fest steht: Wenn das Erdbeben kommt, dann kommt es ohne Warnung. "Die Voraussetzungen für ein Erdbeben-Frühwarnsystem sind in Istanbul sehr schlecht", sagt Bohnhoff. Die Verwerfung liege einfach zu nah an der Stadt, schon Sekunden nach der ersten messbaren Erschütterung würden die energiereicheren Sekundär- und Oberflächenwellen die Stadt erreichen. "Das reicht vielleicht, um Gasleitungen zu schließen und Ampeln auf rot zu stellen, aber nicht für mehr."

© SZ
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