Istanbul:Der Kanal, der die Türkei spaltet

Groundbreaking ceremony of Sazlidere Bridge in Istanbul

Erdoğan bei der Grundsteinlegung einer Brücke über einen geplanten Kanal.

(Foto: Präsidialamt/Reuters)

Erdoğan treibt ein riesiges Bauprojekt voran - angeblich, um Istanbul vor Gefahren des Schiffsverkehrs zu bewahren. Die Opposition sagt jedoch, dem Präsidenten gehe es um etwas ganz anderes.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Mit dem politisch höchst umstrittenen "Kanal Istanbul" will der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Zukunft einer "großen und starken Türkei" sichern. Bei einer Grundsteinlegung für die erste von sieben Brücken über den geplanten Kanal, der parallel zum Bosporus verlaufen soll, sagte Erdoğan: "Wir betrachten den Kanal als Projekt, das die Zukunft Istanbuls sichert."

Die künstliche Wasserstraße sei Voraussetzung dafür, auf die für die kommenden Jahre zu erwartende drastische Zunahme des Handels und des internationalen Schiffsverkehrs zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer zu reagieren. Gleichzeitig sei der Kanal der einzig richtige Weg, die historisch-kulturelle Substanz der Stadt Istanbul, des früheren Konstantinopel, zu erhalten. Diese werde durch den Schiffsverkehr aus dem Bosporus zunehmend bedroht.

Derzeit passierten jährlich 45 000 Schiffe den natürlichen Wasserweg quer durch die 16-Millionen-Stadt. 2050 würden es schon 78 000 Fracht- und Kriegsschiffe sein. Der Präsident betonte: "Jedes einzelne Großschiff auf dem Bosporus bringt die Stadt in ernsthafte Gefahr."

Der geplante Kanal stellt alle bisherigen Bauprojekte Erdoğans in den Schatten und wird von der Opposition und der Zivilgesellschaft wegen der absehbaren Bedrohung und Zerstörung der Umwelt seit Jahren heftig kritisiert. Seine Gegner werfen dem Staatschef vor, er betreibe ein unrealistisches und umweltpolitisch irrsinniges Vorhaben nun aber um so stärker, weil seine Zustimmung in der Wählerschaft rapide sinke und der Populist Erdoğan die Wähler beeindrucken wolle.

Bürgermeister von Istanbul spricht von "Täuschung"

Einer der wichtigsten politischen Gegner des Staatschefs, der Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu, nannte die Grundsteinlegung bereits im Vorhinein eine "Täuschung". Die Brücke habe gar nichts mit dem Kanal zu tun, sondern sei Teil eines lang im Voraus geplanten Autobahnprojekts. Die Pläne für den Bau dieser Brücken stammten aus dem Jahr 2006.

Der Kanal ist das umstrittenste Infrastruktur-Vorhaben Erdoğans. In seinen fast 20 Jahren an der Macht, erst als Premierminister und dann als Präsident, hat er der Türkei seinen Stempel als politischer Baumeister mehrerer Mega-Projekte gegen alle Widerstände aufgedrückt. Zu diesen zählen der neue Istanbuler Großflughafen, eine dritte Brücke über dem Bosporus, zwei Tunnel unter der Meerenge sowie zwei riesige Moscheen in Istanbul.

Der frühere Ministerpräsident Binali Yıldırım hatte in seiner Ansprache erklärt, Erdoğan und seine Regierungspartei AKP hätten von Anfang ihrer Regierungszeit an "für die sieben Hügel Istanbuls sieben große Bauwerke bauen wollen." Das letzte davon sei der geplante Kanal, so Yıldırım: "Er soll dem türkischen Volk Glück und Wohlstand bringen."

Wegen der angeblichen Überlastung des Bosporus durch die internationale Handelsschifffahrt soll auf der europäischen Seite Istanbuls parallel zu der natürlichen Meerenge eine 45 Kilometer lange Kanalrinne gegraben werden. An den beiden Ufern soll eine Stadt mit zusammen 500 000 Einwohnern entstehen. Zu den Wohngebieten hinzu kommen sollen Hafenanlagen und Verladestationen für Frachter, aber auch Yachthäfen und Luxuswohnanlagen. Teile des Geschäfts- und Wirtschaftslebens sollen so quasi aus Istanbul heraus verlagert, am Kanal angesiedelt und so mit den neuen Wohngebieten verbunden werden.

Erdoğan selbst hat sein 2011 verkündetes und von ihm selbst immer wieder als "verrücktes Projekt" vorgestelltes Vorhaben stets damit begründet, dass durch den dichten Schiffsverkehr auf dem Bosporus die Unfallgefahr unkalkulierbar geworden sei. Wegen der vielen Öltanker, Frachtschiffe und der voller Munition die Stadt passierenden Kriegsschiffe drohe der 16-Millionen-Einwohner-Metropole eine Katastrophe. Dass erst vor wenigen Tagen ein 180-Meter-Frachter mit einem Fischerboot kollidiert war, wurde von der Regierung als jüngstes Beispiel für diese Gefahr angeführt.

In Wirklichkeit hat es im Vergleich zu früheren Jahrzehnten schon lange keine größeren Havarien gegeben, weil die zentrale Überwachung und Logistik des Schiffsverkehrs am Bosporus verbessert worden ist. Nach einer Statistik der Direktion für Küstensicherheit nimmt die Anzahl der Schiffe seit einigen Jahren ab, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete. Die Größe und damit ihr Ladevolumen nähmen aber zu, was die Abnahme erklärt.

Die Gegner des Kanal Istanbul - es ist praktisch die gesamte Oppositionslandschaft der Türkei und ein guter Teil der Einwohner von Istanbul - argumentieren mit den Umweltfolgen des Kanals und fordern den sofortigen Stopp aller Planungen des Bauprojekts. Beim Kanalbau würden die letzten verbleibenden Naturlandschaften und Wälder am Rand der Riesenstadt zerstört.

Istanbul: In der Nähe der Baustelle für die Brücke schauen Kühe beim Wasser vorbei.

In der Nähe der Baustelle für die Brücke schauen Kühe beim Wasser vorbei.

(Foto: Emrah Gurel/AP)

Der Kanal drohe zudem die Wasserreservoirs der Metropole zu zerstören. Der Kanal werde quer durch einen Stausee führen, der bis zu zwanzig Prozent des Trinkwassers der Stadt liefert. Auch andere Wasserreservoirs würden durch das Meerwasser des Kanals versalzen. So würden wichtige Teile allein schon des heutigen Wasserbedarfs von Istanbul verloren gehen. Die verbleibenden landwirtschaftlichen Flächen drohten zudem zu versalzen.

Türkische und internationale Umweltexperten warnen zudem seit Langem davor, dass der über den Bosporus verlaufende Wasseraustausch zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer durch den parallel laufenden Kanal aus seinem natürlichen Takt geraten werde. Der Bosporus verbindet das Schwarze Meer mit dem Marmarameer. Dieses wiederum grenzt an der südwestlichen Meerenge der Dardanellen an die Ägäis und das östliche Mittelmeer.

Der natürliche Wasseraustausch der beiden Meere wird über den knapp 40 Kilometer langen und zwischen 36 und 124 Meter tiefen Bosporus reguliert: Das Schwarze Meer ist weniger salzhaltig und hat mehr Zuflüsse. Die oberen Wasserschichten strömen im Bosporus nach Südwesten ins Marmarameer, die unteren Schichten hingegen nach Nordosten ins Schwarze Meer.

Istanbul: grafik

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(Foto: sz-grafik)

So können sich die beiden Meere auf natürliche Art regenerieren. Bei einem relativ flachen Kanal funktioniere solch ein natürlicher Mechanismus nicht, warnen Fachleute. In der Folge würde das Marmarameer kippen und alles Meeresleben absterben: Istanbul und die Marmarameer-Region würden den Experten zufolge unter einer nach verfaulten Eiern stinkenden Dauerdunstglocke liegen.

Eine Umweltkatastrophe, die sich derzeit im Marmarameer abspielt, gibt nach Ansicht von Kritikern des Kanal-Projektes einen Vorgeschmack auf die Risiken des Kanalbaus. Wegen des vermehrten Aufkommens von Plankton an der Wasseroberfläche ist das Gewässer über weite Strecken seit Wochen verschleimt und erstickt nun quasi: Der "Seerotz" ist laut Experten Folge der in den vergangenen Jahren vorangetriebenen Industrialisierung an dem Gewässer selbst und des starken Anstiegs der Bevölkerungszahl sowohl in Istanbul als auch in den Städten am Marmarameer.

© SZ/jael/nvh
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