Technik:Der nächste Supraleiter-Flop

Technik: Ein gekühlter Supraleiter schwebt über einem Magnet in einer Demonstrationsanlage für Supraleitung.

Ein gekühlter Supraleiter schwebt über einem Magnet in einer Demonstrationsanlage für Supraleitung.

(Foto: J. Adam Fenster/J. Adam Fenster / University of Rochester)

Das renommierte Fachmagazin "Nature" zieht erneut eine aufsehenerregende Studie des umstrittenen Physikers Ranga Dias zurück. Was heißt das für die Hoffnung auf ein Wundermaterial?

Von Sina Metz

Im März hatte ein Forschungsteam um den Physiker Ranga Dias von der University of Rochester im Fachmagazin Nature behauptet, einen Raumtemperatur-Supraleiter gefunden zu haben. Zwar wäre ein enormer Druck nötig, doch das Material könne bei Umgebungstemperatur Strom verlustfrei leiten, ganz ohne Widerstand; ein fantastischer Durchbruch, wenn es sich bestätigt hätte. Jetzt hat Nature die umstrittene Publikation zurückgezogen.

Bemerkenswert ist, dass die Rücknahme von acht der elf Autoren des Papers erwirkt wurde - darunter auch Ashkan Salamat von der University of Nevada, Las Vegas, neben Dias einer der Hauptautoren. Die Wissenschaftler seien der Ansicht, dass es "Probleme" gab, die "die Integrität der veröffentlichten Arbeit untergraben", heißt es in der zugehörigen Mitteilung: Die Publikation gebe Informationen zur Herkunft der untersuchten Materialien, Messaufbau und Datenverarbeitung "nicht genau wieder". Die verbleibenden drei Autoren, darunter Ranga Dias, haben sich dem Journal gegenüber bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Bereits im September letzten Jahres hatte Nature eine Publikation von Dias und Salamat zurückgezogen. Wegen Zweifeln an den Messdaten widerrief im August auch das Fachmagazin Physical Review Letters eine Publikation, an der Dias beteiligt war. Dem Physiker wurden bereits mehrfach Plagiate und Datenmanipulation vorgeworfen. Auch an der im März veröffentlichten Arbeit hatten Fachleute früh erhebliche Zweifel geäußert; wegen der vermeintlich spektakulären Ergebnisse erhielt sie weltweite Aufmerksamkeit. Über den Rückzug berichtet nun Nature News, die unabhängige Nachrichtensparte des Fachjournals. Die University of Rochester hat laut Nature bestätigt, dass nun externe Fachleute untersuchen, ob Dias' Arbeit integer ist.

Technik: Physiker Ranga Dias im Januar 2023 auf einem Pressefoto der University of Rochester.

Physiker Ranga Dias im Januar 2023 auf einem Pressefoto der University of Rochester.

(Foto: J. Adam Fenster/J. Adam Fenster / University of)

Dass Nature nun schon zum zweiten Mal eine Dias-Arbeit zurückziehen muss, wirft unter Experten Fragen auf. Als die Publikation von Fachkollegen begutachtet wurde, seien zahlreiche Fragen aufgekommen, die aber geklärt werden konnten, wird Karl Ziemelis, bei Nature für Physik zuständig, in dem Nature-News-Bericht zitiert. "Was der Peer-Review-Prozess nicht erkennen kann, ist, ob der Aufsatz, so wie er geschrieben wurde, die Forschung, so wie sie durchgeführt wurde, korrekt wiedergibt."

Damit ein Supraleiter Strom ohne Widerstand leitet, muss er derzeit auf Tiefsttemperaturen von unter minus 140 Grad Celsius gekühlt werden. Die Temperatur lässt sich auf eiskühlfachfrische minus 23 Grad erhöhen, wenn das Material mit enormem Druck zusammengepresst wird. In der jetzt zurückgezogenen Veröffentlichung gaben Dias und seine Kollegen an, dass eine Verbindung aus dem Seltenerdmetall Lutetium, Stickstoff und Wasserstoff bei Raumtemperatur und "nur" zehn Kilobar Druck supraleitend sei. Das ist immer noch das Zehnfache des Drucks am Grund des Marianengrabens, aber nur ein Bruchteil des normalerweise nötigen Drucks, und wäre damit schon weit näher an alltagstauglichen Anwendungen gewesen.

Der Rückzug ist bereits die zweite Enttäuschung auf dem Gebiet der Supraleitung in diesem Jahr. Im Juli hatten zwei Gruppen aus Südkorea und den USA von einem Raumtemperatur-Supraleiter berichtet, der ohne besonders hohen Druck auskommen sollte. Der Artikel erschien als Preprint, wurde also nicht von Fachkollegen begutachtet. Andere Labors bauten das vermeintliche Wundermaterial namens LK-99 schnell nach, die Behauptungen seiner Erfinder ließen sich aber nicht bestätigen.

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