Biologie:Den Affen kenn ich doch

Biologie: Freunde: zwei Bonobos in der Demokratischen Republik Kongo

Freunde: zwei Bonobos in der Demokratischen Republik Kongo

(Foto: IMAGO/xWirestockx/IMAGO/Pond5 Images)

Schimpansen und Bonobos erkennen Artgenossen wieder, auch wenn sie sich in der Zwischenzeit jahrzehntelang nicht gesehen haben. Leiden sie unter der Trennung?

Von Tina Baier

Schimpansen benutzen Werkzeuge, pflegen Freundschaften und Feindschaften, helfen einander und verarzten sogar ihre Wunden. Zu der langen Liste von Fähigkeiten, die man lange Zeit für typisch menschlich hielt, bis man einen Schimpansen dabei beobachtete, kommt jetzt eine weitere hinzu: Schimpansen können sich genau wie Menschen an die Gesichter ehemaliger Freunde erinnern, auch wenn sie sie jahrzehntelang nicht gesehen haben.

Das soziale Langzeitgedächtnis von Schimpansen und Bonobos sei ähnlich gut wie das von Menschen, schreibt ein Team um die Psychologin Laura Lewis von der University of California in einer Studie, die gerade im Wissenschaftsjournal PNAS erschienen ist.

Die Idee, zu untersuchen, wie lange sich Menschenaffen nach einer Trennung an Artgenossen erinnern, kam den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit den Tieren. Viele aus dem Team hatten den Eindruck, von "ihren" Affen wiedererkannt zu werden, wenn sie nach längerer Abwesenheit zurückkehrten. "Man hat den Eindruck, dass sie anders reagieren als auf normale Zoobesucher", sagt Christopher Krupenye von der Johns Hopkins University laut einer Pressemitteilung der Universität. "Sie sind aufgeregt, dich wiederzusehen."

Nach viermonatiger Trennung wollte der Schimpanse Kendall endlich wieder die Hand der Forscherin halten

Laura Lewis hatte ein entsprechendes Erlebnis mit einem Schimpansen namens Kendall aus dem North Carolina Zoo, der immer ihre Hand halten wollte, sobald sie das Gehege betrat. Als die Wissenschaftlerin Kendall wegen eines Forschungsprojekts in Afrika vier Monate lang nicht besuchen konnte und dann wieder zurückkehrte, rannte der Schimpanse schnurstracks auf sie zu und verlangte, ihre Hand zu halten.

Für ihre Untersuchung testeten die Forschenden 26 Affen, die an drei verschiedenen Orten leben: dem Edinburgh Zoo in Schottland, dem Kumamoto Sanctuary in Japan und dem Planckendael Zoo in Belgien. Bevor das eigentliche Experiment begann, sammelten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Fotos von Artgenossen, die die Schimpansen und Bonobos, die an der Studie teilnahmen, mindestens neun Monate lang nicht gesehen hatten. Zusätzlich informierten sie sich darüber, ob das Verhältnis der Probanden-Affen zu den verschollenen Gruppenmitgliedern freundschaftlich war oder nicht.

Im eigentlichen Experiment zeigten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dann jedem Affen immer zwei Fotos gleichzeitig: auf einem war ein ehemaliges Gruppenmitglied zu sehen, auf dem anderen ein fremder Affe, den die Tiere noch nie zuvor gesehen hatten. Gleichzeitig nahmen die Forschenden die Augenbewegungen der Tiere mit einer Infrarotkamera auf. Die Auswertung ergab, dass die Schimpansen und Bonobos Bilder von Artgenossen, mit denen sie früher zusammengelebt hatten viel länger ansahen als die der fremden Affen. Die Forschenden werteten das als Zeichen der Wiedererkennung.

Außerdem bemerkten sie einen Unterschied in der Reaktion der Tiere auf Fotos ehemaliger Freunde im Vergleich zu Bildern anderer bekannter Affen, zu denen sie aber keine besondere Beziehung hatten. Die Gesichter der Freunde betrachteten die Tiere deutlich ausgiebiger. "Das lässt vermuten, dass sich die Affen nicht nur an ehemalige Gefährten erinnern, sondern auch daran, welche Art von Beziehung sie zu ihnen hatten", sagt Krupenye.

Am beeindruckendsten war das Erinnerungsvermögen eines Bonoboweibchens namens Louise aus dem Kumamoto Sanctuary. Louise hatte ihre Schwester Loretta und ihren Neffen Erin zum Zeitpunkt des Experiments mehr als 26 Jahre lang nicht gesehen. Trotzdem erinnerte sie sich an beide. Um ganz sicherzugehen, wiederholten die Forschenden den Test achtmal. Das Ergebnis war jedes Mal dasselbe.

Damit liegt das Erinnerungsvermögen der Affen an die Gesichter ehemaliger Freunde im selben Bereich wie bei Menschen. Bei Homo sapiens beginnt die Erinnerung der Studie zufolge nach etwa 15 Jahren zu verblassen. Manche Menschen erinnern sich aber bis zu 48 Jahre nach der Trennung noch an das Aussehen von Menschen, zu denen sie eine enge Beziehung hatten.

Bleibt die Frage, ob Schimpansen und Bonobos ihre Freunde ähnlich wie Menschen auch vermissen, wenn sie von ihnen getrennt werden. Die Vermutung, dass den Affen eine solche Trennung zusetzt, liegt zumindest nahe.

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