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Anthropologie:Alles im Griff

Neandertaler

Die Hände des Neandertalers waren offenbar besonders gut für den Umgang mit dem Speer geeignet.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Grob und kräftig? Oder zart und präzise? Forscher versuchen zu entschlüsseln, wie Neandertaler zugepackt haben.

Von Hubert Filser

Wer sich Neandertaler vorstellt, denkt an kräftig zupackende Wesen, den Speer in der Hand, das Mammut im Blick. Der anatomisch moderne Mensch gilt hingegen als Filigrantechniker, schon in der Steinzeit kulturbeflissen die Knochenflöte zwischen Daumen und Zeigefinger haltend. Für Forscher ist die Frage der Fingerfertigkeit nicht so leicht zu entscheiden, schließlich finden sich von Steinzeitmenschen und ihren ausgestorbenen Verwandten nur wenige Knochenreste.

Eine Arbeit im Fachmagazin Scientific Reports zeigt nun im Rahmen einer 3-D-Analyse die für Daumen und Zeigefinger relevanten Gelenkknochen von fünf Neandertalern aus dem heutigen Europa und Israel. Die Anthropologen der Universität Kent und der Pariser Sorbonne verglichen diese mit Fingergelenken des Homo sapiens - sowohl von Individuen aus der Steinzeit als auch von heute lebenden Menschen. Das Fazit: Neandertaler-Daumen waren angepasst, Werkzeuge oder Speere so zu halten, wie wir es mit einem Hammer tun. Kraftgriff nennen Forscher diese Art zuzupacken.

Im Fokus der Arbeit stand der Trapeziometacarpal-Komplex. Die beteiligten Gelenke sind wesentlich für die Beweglichkeit des Daumens. Ihre Morphologie und speziell die relative Ausrichtung von Zeigefinger und Daumen spiegele wider, wie häufig Individuen Werkzeuge nutzten und wie komplex die Tätigkeiten waren, schreiben die Forscher. Im Kern ging es darum, zu entscheiden, ob Neandertaler Gegenstände gut zwischen Daumen und Zeigefinger halten und bewegen konnten oder ob sie eher spezialisiert waren, kraftvoll mit der Handinnenfläche inklusive aller Finger und des Daumens zuzupacken.

Die 3-D-Analysen zeigten, dass die Daumengelenkknochen bei Neandertalern wie bei Homo sapiens zwischen den einzelnen Individuen variierten. Allerdings entdeckten die Forscher trotz dieser Unterschiede ein gemeinsames Muster. Der Gelenkkomplex der Neandertaler war im Mittel an der Daumenbasis flacher, Daumen und Zeigefinger hatten an der Basis eine kleinere Kontaktfläche. Dies spreche für einen gestreckten, längeren Daumen, der eher seitlich an der Hand anlag, schreiben die Anthropologen.

Diese Daumenhaltung lege regelmäßige kraftvolle Griffe nahe - wie zum Halten von Werkzeugen mit Stiel. Die Finger umschließen dabei einen Griff, der gestreckte Daumen lenkt zusätzlich die Kraft. Beim modernen Menschen seien diese Gelenkflächen stärker gekrümmt und größer. Dies stelle einen Vorteil beim Greifen von Gegenständen zwischen Finger- und Daumenspitze dar, dem sogenannten Pinzettengriff.

Das Thema Kraft- versus Pinzettengriff wird kontrovers diskutiert. Eine Arbeit Tübinger Paläoanthropologen um Fotios Alexandros Karakostis und Katerina Harvati in Science Advances hatte 2018 die Abdrücke von Muskelansätzen analysiert, um die Fingerfertigkeit von Neandertalern zu verstehen. Die Forscher waren zu dem Schluss gekommen, dass Neandertaler zwar robuste Hände hatten, aber filigran greifen konnten und somit versierte Handwerker waren. Darauf deuten auch Fundstücke aus Neandertalerhöhlen hin; geknüpfte Seile oder Knochenwerkzeuge, die nur mit großer Geschicklichkeit hergestellt werden konnten.

Aufgrund der wenigen Funde in Höhlen ist es für Anthropologen oft nicht möglich, Werkzeuge und anatomische Spuren von Menschen aus derselben Höhle in Beziehung zu setzen. Da es regional unterschiedliche Entwicklungen gegeben haben könnte, sind globale Einschätzungen schwierig. So gestehen die Forscher aus Kent und Paris ein, dass Neandertaler auch präzise hätten greifen können, nur mit deutlich höherem Aufwand.

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