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Archäologie:In den Knochen der Römer

Tunisia, Thysdrus (El Djem), Mosaic of the Silenus, couple harvesting grapes

Wie sehr die Menschen der Antike den Genuss von Weintrauben schätzten, davon zeugt dieses Mosaik aus dem dritten Jahrhundert v.Chr. in Tunesien.

(Foto: De Agostini/Getty Images)

Was Forscher alles aus jahrtausendealten Skeletten herauslesen können: Speisepläne, Wanderrouten und soziale Strukturen. Die Daten öffnen ein Tor in längst verschwundene Welten.

Die Arbeiter im Hafen von Rom, waren einfache Leute, aber sie ernährten sich lange Zeit gut. Sie tranken Wein aus Nordafrika und aßen Fleisch, Fisch, Olivenöl und Weizen aus dem Mittelmeerraum - bis die Vandalen im 5. Jahrhundert kamen und Rom plünderten. Danach änderte sich ihr Leben dramatisch. Die Arbeiter mussten mit Gemüse und kargen Eintöpfen vorliebnehmen. "Es war eine einfache bäuerliche Ernährung", sagt die Archäologin und Chemikerin Tamsin O'Connell von der Universität Cambridge.

Sie weiß das, weil auch sie ein Verfahren nutzt, das in den vergangenen Jahren in der Archäologie, der Anthropologie und auch in der Forensik große Bedeutung gewonnen hat. Mit der sogenannten Isotopenanalyse werden Atomarten - eben stabile Isotope - verschiedener chemischer Elemente wie Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Strontium, Zink oder Schwefel in alten Skeletten nachgewiesen. "Die Isotopenanalyse funktioniert nach dem Prinzip, dass man ist, was man isst", erklärt O'Connell.

Sie informiert nicht nur über die Speisepläne der Vergangenheit. Denn was Menschen und Tiere einst über Nahrung und Wasser aufnahmen und in Knochen, Zähne und Haare einbauten, liefert auch Informationen darüber, woher Menschen stammten oder wie die sozialen Strukturen einer Gesellschaft aussahen. Die Daten öffnen ein Tor in längst verschwundene Welten.

Lange Zeit ernährten sich die Hafenarbeiter so wie die wohlhabenden Bürger

Mitte des 1. Jahrhunderts nach Christus florierte der Hafen von Rom und war danach mehr als vier Jahrhunderte lang das Tor der mächtigen Stadt zur Welt. Die Saccarii, die körperlich hart arbeitenden Sackträger, verluden wichtige Güter, die dort aus dem Ausland ankamen: Nahrungsmittel, Marmor für die Prachtbauten, Kunstgegenstände, Luxusartikel, ja sogar wilde Tiere für Spektakel im Kolosseum.

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Die einfachen Arbeiter profitierten im 1. Jahrhundert vom allgemeinen Wohlstand, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin Antiquity. Die Isotopendaten zeigen eine hochwertige Ernährung an, auch mit tierischen Produkten. Sie ernährten sich ähnlich wie die wohlhabenden Bürger, die auf dem Friedhof von Isola Sacra begraben wurden. "Soziale Unterschiede zwischen Arbeitern und reichen Bürgern können wir anhand der Begräbnissituation erkennen", sagt O'Connell.

Die britischen Anthropologen werteten Kohlenstoff- und Stickstoffisotope aus dem Kollagen der Knochen und dem Zahnschmelz aus - und zwar von Individuen aus unterschiedlichen Jahrhunderten. Kohlenstoffisotopen-Analysen erzählen den Forschern zum Beispiel etwas über die Pflanzen, die ein Mensch isst. Sogenannte C3-Pflanzen wie Weizen, Roggen, Hanf, Hafer oder Reis lassen sich im Signal gut von C4-Pflanzen wie Hirse, Mais, Zuckerrohr oder Amarant unterscheiden.

Aufgrund ihrer unterschiedlichen Masse reichern sich die verschiedenen Isotope eines Elements nämlich je nach Umgebung und Ernährung in unterschiedlichem Maße im Körper an. Das Verhältnis von leichten und schweren Isotopen können die Forscher dann im Massenspektrometer messen und mit Standardwerten vergleichen. Die Daten zeigen auch an, ob Menschen Fische oder andere Tiere und Pflanzen zu sich nahmen. So erhalten die Wissenschaftler eine erste grobe Spur.

Eine kritische Phase in der Geschichte des kaiserlichen Roms

Verwendet man zusätzlich die Stickstoffwerte, wird das Bild noch klarer. Sie sind Indikatoren für die sogenannte trophische Ebene eines Organismus, also seine Position in der Nahrungskette. Fleischfresser haben höhere Werte als Pflanzenfresser. Menschen verfügen über einen etwas höheren Stickstoffisotopenwert als an denselben Orten lebende tierische Fleischfresser wie Hyänen, Wölfe und Füchse. Die höchsten Stickstoffwerte wiederum haben Fische und andere Meereslebewesen. Vergleicht man die Werte von Menschen an einem Ort, ergeben sich daraus Hinweise auf die relative Bedeutung von tierischen und pflanzlichen Proteinen in ihrer Ernährung und den Konsum von Fisch.

So kamen die Forscher dem grundlegenden Wandel im Hafen von Rom auf die Spur. Bei Überresten von Arbeitern ab dem 5. Jahrhundert veränderten sich nämlich schlagartig die Stickstoff- und Kohlenstoffwerte. Die Saccarii ernährten sich nun offenbar hauptsächlich von Bohnen und Linsen, bei den wohlhabenderen Bürgern blieb die einstige Vielfalt erhalten. Ausgrabungen zeigen zugleich, dass das Hafenbecken damals versandete. Es war eine kritische Phase in der Geschichte des kaiserlichen Roms. Die Bevölkerungszahl ging zurück.

Dann kam mit der teilweisen Zerstörung des Hafens und der Stadt durch die Invasion der Vandalen im Jahr 455 n. Chr. der entscheidende Schlag. Politische Veränderungen könnten also die Ernährungssituation geprägt haben, so Tamsin O'Connell. "Als Rom reich war, war jeder, von der lokalen Elite bis zu den Hafenarbeitern gut ernährt. Dann kommt dieser große politische Bruch, und zumindest den Handarbeitern geht es nicht mehr so gut wie früher."

Natürlich sind die Ergebnisse nicht immer eindeutig. Die Technik liefert keine absoluten Werte, die unabhängig von Region und Zeit einem bestimmten Ernährungsprofil zuzuordnen sind. O'Connell findet es wichtig, das lokale Nahrungsnetz und alle archäologischen Informationen auszuwerten. Hat man beispielsweise in den Knochen der Arbeiter ein klares Signal für C3-Pflanzen und gleichzeitig Hinweise auf Bohnen und Linsen im archäologischen Befund, ist das Ergebnis klar.