Naturwissenschaft und Religion:Der Mensch als Zufallsprodukt? Das geht für manche zu weit

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Inzwischen steht zumindest die katholische Kirche den Naturwissenschaften relativ offen gegenüber. So hat Papst Franziskus jüngst Teilnehmer der Konferenz "Schwarze Löcher, Gravitationswellen und Raumzeit-Singularitäten" in Castel Gandolfo sogar darauf hingewiesen, ihre Erkenntnisse seien "von besonderem Interesse für die Kirche, weil sie Fragen betreffen, die die Tiefe unseres Bewusstseins hinzuziehen".

In Bezug auf die Evolution behielt sich Johannes Paul II. aber 1996 die Entscheidung vor, welche Theorien nicht wahr sein könnten: Jene, die "den Geist für eine Ausformung der Kräfte der belebten Materie oder für ein bloßes Epiphänomen dieser Materie halten", seien nicht mit der Wahrheit über den Menschen vereinbar. Dieser sei schließlich nach Gottes Ebenbild geformt worden.

"Frucht eines Gedanken Gottes"

Ein besonders großes Problem stellt für die christlichen, muslimischen und jüdischen Gläubigen der für die Evolution bedeutsame Faktor Zufall dar. Wenn die meisten Mutationen im Erbgut schädlich sind und zufällige Vorteile von gegenwärtigen Umweltbedingungen abhängen, kann die Evolution keinem bestimmten Zweck folgen - und dann ist auch der Mensch ein Zufallsprodukt. Davon war Stephen Jay Gould überzeugt - eines seiner Bücher trug in der deutschen Übersetzung den Titel "Zufall Mensch".

Würden Gläubige die Evolutionstheorie konsequent akzeptieren, müssten sie also die Idee eines Schöpfungsplans mit einer besonderen Rolle des Menschen darin aufgeben. Dazu aber sind viele nicht bereit. So stellte Papst Benedikt XVI. bei seiner Amtseinführung klar, der Mensch sei "nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist die Frucht eines Gedanken Gottes." Wohin der Weg aus der Sicht der katholischen Kirche letztlich führen muss, hat der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn klargestellt: "Was wäre das für eine Evolution, wenn nicht die Auferstehung und das ewige Leben ihr letztes Ziel wären."

Der Mechanismus: Evolution. Das Ziel: der Mensch

Gläubige Theologen und Philosophen schließen daher "Teleologie", also eine Zielgerichtetheit, in die Naturwissenschaften ein, wie auch manche christlichen Naturwissenschaftler. "Gott wählte den gleichen Mechanismus, um ein besonderes Wesen zu schaffen, das über Intelligenz, die Fähigkeit, richtig und falsch zu unterscheiden, einen freien Willen und den Wunsch verfügt, seine Gefolgschaft anzustreben", schreibt Francis Collins, ehemals Kopf des internationalen Human Genome Projects, im Buch "The Language of God".

Wie der algerische Astrophysiker Nidhal Guessoum von der American University of Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten berichtet, haben muslimische Theologen ähnliche Einwände gegen den Faktor Zufall in der Evolutionstheorie. Selbst auf eine Fatwa (Rechtsgutachten) der Al-Azhar-Universität in Kairo können sich Muslime hier berufen.

Auf die Nachfrage bei verschiedenen muslimischen Organisationen in Deutschland, ob Koran und Evolution vereinbar seien, verweist Hadi Schmidt El-Khaldi vom Liberal-Islamischen Bund auf die Koran-Sure 96: Dieser zufolge sei der Mensch aus einer Zelle geschaffen worden. Das zu erkennen, könnte ein erster Schritt hin zur Bejahung einer Form von Evolutionstheorien sein. Zugleich aber kann Schmidt El-Khaldi in der "ernsthaften wissenschaftlichen Diskussion keinen Zufall erkennen". In der Genetik gehe man seit Gregor Mendel davon aus, dass genetische Merkmale in einer definierten und vorhersagbaren Weise vererbt würden. Er vermutet darin ein Beispiel für jene Zeichen göttlichen Wirkens in der Natur, nach denen Ausschau zu halten der Koran verlange.

Die Islamische Gemeinschaft in Deutschland verweist auf einen Artikel von IslamToday.com, der besagt, Koran und die überlieferten Normen würden "den Prozess der natürlichen Auslese weder bestätigen noch widerlegen". Allerdings könne aus ihnen geschlossen werden: Selbst wenn Fossilien zeigen, dass Affen existierten, die Werkzeuge benutzten, könnten "sie nicht die Vorfahren von Adam" gewesen sein.

Eine Ablehnung des Menschen als Zufallsprodukt ist auch unter jüdischen Theologen zu finden. So hat der Rat der Rabbiner von Amerika klargestellt: "Alle Schulen sind sich einig, dass Gott die letzte Ursache ist und die Menschheit ein beabsichtigtes Endergebnis der Schöpfung war." Auch Turgut Demirci, der Koran, Thora und Bibel nur als sinnstiftend betrachten will, akzeptiert die Evolutionstheorie lediglich in dem Sinn, dass der Sonderstatus des Menschen keine naturwissenschaftlich fassbare Kategorie darstellt. Einen Sonderstatus soll der Mensch in der Schöpfung trotzdem innehaben, als "ethisch-spirituelle Kategorie", weil der Mensch zum Erleben des Spirituellen und zu ethischer Verantwortung fähig sei.

Diese Eigenschaften selbst belegen allerdings nicht die Existenz einer überirdischen Sphäre, eines Jenseits oder eines Gottes. Ist der Mensch ein Produkt des Zufalls, sind seine Fähigkeiten es ebenfalls.

Hauptsache eine Gott anerkennende Intelligenz

Der deutsche Jesuit, Philosoph und Biologe Christian Kummer hat für sich eine Lösung dieses Dilemmas gefunden: "Evolution und göttliche Schöpfung gehen mühelos zusammen, wenn man davon Abstand nimmt, dass es einen 'göttlichen Plan' gibt", in dem Gott im Voraus im Detail berechnet hätte, was aus seinen Geschöpfen wird.

Im Rahmen der Formenvielfalt der Evolution ist Kummer zufolge die Entstehung immer höherer Intelligenz "systemimmanent". Im Interesse Gottes sei vielleicht, vermutet Kummer, dass überhaupt eine ihn anerkennende Intelligenz zum Vorschein kommt. Dass dies der Homo sapiens geworden ist und nicht etwa der Neandertaler, wer hätte das voraussagen können?

Ein Neandertaler

Wäre der Homo sapiens ausgestorben, der Neandertaler dagegen nicht ... wäre dann eine dieser Menschenarten das göttliche Ziel der Evolution gewesen?

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Demircis Versuch, den muslimischen Glauben mit der Evolutionstheorie zu versöhnen, zeigt bislang keine Wirkung. Seine Arbeit habe keine Reaktionen ausgelöst - weder positiv, noch negativ. Er erklärt sich dies einerseits mit mangelndem Interesse der Gläubigen an dem Thema, andererseits "sind Muslime noch nicht bereit, die wissenschaftliche Evolutionstheorie zu verstehen und zu akzeptieren, da es viele Wissensdefizite gibt". Er gehe nicht davon, dass er seine Mitgläubigen kurzfristig überzeugen kann.

Es gibt demnach unter Gläubigen weltweit noch erhebliche Widerstände gegen die naturwissenschaftliche Evolutionstheorie. Wenn Gläubige sie anerkennen, dann selten in aller Konsequenz. Wer an der Idee festhält, es gebe den lenkenden Einfluss eines Schöpfers, muss mit den verbleibenden Überlappungen und Widersprüchen zwischen den Lehrbereichen leben. Das ist allerdings immer noch besser, als die Evolutionstheorie abzulehnen.

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