bedeckt München
vgwortpixel

Mondblick auf die Erde:Ein kosmisches Minderwertigkeitsgefühl

Vom Mond aus fotografierten die Astronauten die Erde. Die Bilder offenbaren Schönheit und Verwundbarkeit des Planeten.

Das Wichtige, das Bleibende war nicht der Ausflug auf den Mond. Das Wichtige an den Apollo-Missionen war der Blick zurück: Dank der Bilder, die die amerikanischen Astronauten aus dem Weltall mitbrachten, konnte sich die Erde zum ersten Mal wie in einem Spiegel selber sehen, in ihrem wahren astronomischen Zustand, als blauer Tropfen in einem Ozean des schwarzen Nichts.

Als Neil Armstrong auf dem Mond steht und mit seinem Daumennagel die Erde bedecken kann, überkommt ihn kein Gefühl der Größe. Stattdessen fühlt er sich verloren und klein.

(Foto: Foto: AP)

Was waren die Fotos der nie zuvor aus solcher Nähe gesehenen Mondoberfläche blass im Gegensatz zu der noch nie zuvor aus solcher Ferne gesehen Erde: Da oben waren nichts als Steine und Staub, grau wie Zement, das hatte man sich ja ungefähr so vorgestellt. Der Astronaut Jim Lovell, Mitglied der Apollo 8, sagte denn auch während der Erstumrundung des kahlen Klumpens recht unbeeindruckt, die monotone Oberfläche erinnere ihn an die texanische Wüste, bloß größer.

Aber die Erde! Diese kleine Kugel, von niemandem gehalten, die da einsam aus sich selbst zu leuchten schien; die Atmosphäre, die Wolken, weißlich-blaue Bänder, Aura allen Lebens, dünner, verletzlicher als die Hülle einer Christbaumkugel - betörend schön und beklemmend einsam.

Kein Wunder, dass diese Bilder auf viele damals mit der Wucht einer göttlichen Offenbarung wirkten. Lovells Kollege Bill Anders murmelte gebetsartig, ja fassungslos "Oh, good Earth, good Earth!", als er 1968 bei der Erstumrundung des Mondes das ikonographische Photo vom Erdaufgang über dem Horizont des farblosen Trabanten schoss.

Unendliche Winzigkeit erfahren

Günther Anders schrieb über die epochale Bedeutung dieser Bilder ein wunderbares Buch, "Der Blick vom Mond", erschienen 1970, indem er auch über das Paradox nachdenkt, dass wir justament im Moment unseres größten technischen Triumphes so eindrücklich wie nie zuvor unsere unendliche Winzigkeit erfahren haben: Einige unserer Vorfahren hätten dank Galileis Berechnungen schon vor 500 Jahren "an kosmischem Minderwertigkeitsgefühl" zu leiden begonnen.

Die meisten aber hätten das unerträgliche Bewusstsein, nicht der Weltmittelpunkt zu sein, sondern nur ein exzentrischer und belangloser kosmischer Zufall, erfolgreich verdrängt. "Emotional haben nur die wenigsten den Geozentrismus aufzugeben brauchen. Ganz zu schweigen davon, dass den meisten ja noch nicht einmal die Erde als Weltmittelpunkt galt, sondern - wie kann nur ein Mensch nicht aus Frankfurt sein? - ihr jeweiliges Frankfurt. Aus damit. Endgültig."

Im selben Jahr, in dem diese Bilder den Menschen erstmals die Kostbarkeit unseres Planeten vor Augen führten, wurde der "Club Of Rome" gegründet, der bald darauf seinen Bericht "Grenzen des Wachstums" vorlegte, in dem er vorrechnete, dass der Menschheit, wenn sie im gleichen Tempo weiter wächst, konsumiert und dreckt, noch hundert Jahre bleiben.

Die kleine Boje im Ozean der Leere

Die Umweltbewegung wählte den "blauen Planeten", die kleine Boje im Ozean der Leere, zu einem ihrer visuellen Symbole: Auf dem Cover des alternativen Whole Earth Catalogs prangte das Foto ebenso wie auf Hippiebuttons oder Greenpeace-Broschüren, und Carl Sagan schrieb dazu: "Es zeigt uns, dass von außen keine Hilfe kommen wird, um uns vor uns selbst zu retten."

Heute ist der Bericht des "Club of Rome" genau so in die Tiefenschichten des Kollektivbewussteins sedimentiert wie die Fotos von der Wunderkugel. Jeder sitzt wieder in seinem "jeweiligen Frankfurt" und dreckt nach Leibeskräften, auf dass die Erdoberfläche recht bald dem toten Mond ähneln möge, dem Mond, in dessen Staub das Einzige zu sehen ist, was bleiben wird von uns Menschen, die Fußspuren von Buzz Aldrin und Neil Armstrong, der seinerzeit fasziniert davon war, dass er mit seinem Daumennagel die ferne Erde verdecken konnte.

Jahre später wurde er gefragt, ob ihm das ein Gefühl der Größe gegeben habe. "Nein", antwortete der wohl berühmteste Astronaut, "ich fühlte mich in dem Moment verloren und klein."

Mondlandung: Apollo-Helden heute

Stille, Staub und Stürze