Mittelalter Wer war der ominöse Bibelübersetzer?

Das Volk sollte selbst in der Bibel lesen oder das Vorgetragene zumindest verstehen. Im Mittelalter war die heilige Schrift aber nur als lateinische Übersetzung zugänglich. Und als altgriechischer oder hebräischer Originaltext. Wer des Lesens mächtig war, und das war zum Ende des Mittelalters höchstens jeder zehnte männliche Mitteleuropäer, konnte noch lange nicht die Bibel studieren. Nach und nach begannen verschiedene Übersetzer, an dieser Hürde zu rütteln. Bekannt sind heute etwa 70 deutsche Übersetzungen aus fast acht Jahrhunderten vor der Reformation. Die meisten dieser Texte geben allerdings nur Fragmente der Bibel wieder. Kritische Kommentare fehlten meist. Und selten wurden ganze Evangelien ins Deutsche übertragen.

Das Evangelienwerk des Unbekannten ist also schon wegen seiner Umfänglichkeit eine Besonderheit. Dazu loben Fachleute einhellig die sprachliche Eleganz der Texte. Außerdem hat kein Übersetzer jener Zeit so viel kommentiert. Und nicht zuletzt geht vom Verfasser selbst eine große Faszination aus. Dieser Mann, den die Fachleute nur den "Österreichischen Bibelübersetzer" - kurz Ö.B. oder ÖBü - nennen, ist als Person ein sagenhaftes Rätsel. Wer war er, woher kam er, warum tat er, was er tat - und was befähigte ihn dazu, die Evangelien und Psalmen sprachlich so herausragend zu übersetzen?

Die Ortsangaben deuten auf Österreich als Ursprung der Übersetzung hin

Erste Versuche, dem Verfasser auf die Spur zu kommen, führten naheliegenderweise zu einem spätmittelalterlichen Dichter: Heinrich von Mügeln gilt neben Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach und anderen Dichtern heute als einer der "zwölf Meister" des Mittelalters. Zu Lebzeiten lebte er im Gefolge Karls des IV., dem letzten einflussreichen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Vor allem der Zeitpunkt, zu dem die Schriften entstanden sein mussten, und der elegante sprachliche Stil deuteten auf eine Urheberschaft von Mügelns. Als jedoch immer weitere Schriften gefunden wurden, die aus der Feder desselben Verfassers stammen mussten, ließ sich die Zuordnung nicht mehr halten.

Wer aber war dann der Unbekannte, der 200 Jahre vor Luther eine so umfassende und tiefgründig kommentierte Übersetzung der Evangelien vorlegte? "Ich stelle mir vor, dass dieser Mann ein Mönch war und in einem Kloster diese Übersetzungen geschrieben hat", sagt Martin Schubert. Geld habe für den Übersetzer wahrscheinlich keine Rolle gespielt, mutmaßt der Forscher. Sonst wäre eine derart zeitintensive Arbeit kaum möglich gewesen. Viel mehr als dieses nebulöse Bild geben die spärlichen Befunde bislang nicht her, obwohl sich Wissenschaftler bereits seit Jahrzehnten fragen, wer der große Unbekannte wohl gewesen sein mag. Die Existenz der Texte jedenfalls war schon vor 70 Jahren Gegenstand intensiver Analysen.

Das "Geistliche Schrifttum des Spätmittelalters", das der Germanist Wolfgang Achnitz von der Universität in Münster herausgegeben hat, fasst das Wissen über den Anonymus so zusammen: Seine wichtigsten Schriften entstanden um 1330, der Bibelübersetzer muss also in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelebt haben. Dass er aus dem damaligen Herzogtum Österreich stammt oder zumindest dort tätig war, leiten Wissenschaftler aus den Ortsangaben der Schriften und den Fundorten der überlieferten Kopien ab.