Klimawandel:30 Zentimeter bis 2050

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Klimawandel: Saint Petersburg im US-Bundesstaat Florida zählt zu den besonders gefährdeten Städten.

Saint Petersburg im US-Bundesstaat Florida zählt zu den besonders gefährdeten Städten.

(Foto: Karen Karakhanian/PantherMedia / Karen Karakhanian)

Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnte der Meeresspiegel an den US-Küsten so stark ansteigen wie in den vergangenen 100 Jahren.

Von Benjamin von Brackel

Prognosen zum Meeresspiegelanstieg bleiben oft abstrakt, schwer greifbar, geben sie doch meist globale Durchschnittswerte für das Jahr 2100 an. Um näher an die Lebensrealität der Menschen zu rücken, haben mehrere US-Behörden nun berechnet, wie sehr sich die Ozeane bereits bis zur Mitte des Jahrhunderts an den US-Küsten heben werden und wie sich das für Bundesstaaten, Städte und Gemeinden auswirken wird - ja sogar für einzelne Grundstücke.

Demnach dürfte der Meeresspiegel zwischen 2020 und 2050 um durchschnittlich 25 bis 30 Zentimeter ansteigen - so stark wie in den vergangenen 100 Jahren. "Dies ist ein globaler Weckruf und gibt den Amerikanern die Informationen, die sie benötigen, um jetzt zu handeln und sich für die Zukunft optimal aufzustellen", sagt der Ozeanograf Rick Spinrad von der US-Klimabehörde NOAA, die zusammen mit der Raumfahrtbehörde Nasa und dem US Geological Survey den 111-Seiten-Bericht erstellt hat.

Ein höherer Meeresspiegel macht Küstenregionen angreifbarer für Hurrikane und kleinere Stürme. Bis zum Jahr 2050 dürfte sich eine "mäßige" Überschwemmung im Schnitt zehnmal so oft ereignen wie heute - also dann im Schnitt viermal pro Jahr. Das heißt, dass einige Häuser evakuiert und größere Straßen gesperrt werden müssen. Und "große" Überschwemmungen, die ganze Städte isolieren können, dürften sich dann fünfmal so oft wie heute ereignen, also im Schnitt einmal alle fünf Jahre.

New Orleans lässt sich schon heute nur noch mit teuren Pumpen und Deichen erhalten

Nicht überall wird der Meeresspiegelanstieg gleich groß sein, da er lokal von Windströmungen sowie der Hebung und Senkung des Landes abhängig ist. An der US-Westküste fällt er kleiner aus, weil erstarkende Passatwinde das Ozeanwasser Richtung Asien drücken. Deshalb ist für Seattle "nur" mit einem Anstieg von 23 Zentimetern und für Los Angeles mit 36 Zentimetern zu rechnen, aber für Teile der US-Ostküste und die Bundesstaaten Louisiana, Texas und Florida am Golf von Mexiko sogar mit bis zu 45 Zentimetern. New Orleans lässt sich schon heute nur noch mit teuren Pumpen und Deichen erhalten. "Bislang kam in unserer Vorstellung noch nicht vor, dass wir ganze Metropolen aufgrund des Klimawandels aufgeben müssen", sagt der Ozeanograf Martin Visbeck vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. "Aber das wird jetzt schon absehbar."

Der US-Bericht baut auf Projektionen zum Meeresspiegelanstieg des aktuellen Weltklimaberichts auf und regionalisiert die Daten. "Die Studie und die darin verlinkte Website bringen das globale Zahlenwerk bis an einzelne Orte", sagt Visbeck. "Jeder kann bis zu seinem eigenen Haus herangehen und sehen, wann die Füße nass werden." Möglich wurde das erst durch ein besseres Verständnis der Ursachen des Meeresspiegelanstiegs sowie durch die Zusammenarbeit der drei US-Behörden.

Eine weitere Erkenntnis des Berichts: Bis zum Jahr 2050 lässt sich der Meeresspiegelanstieg kaum noch bremsen - egal, wie viel CO₂ die Welt bis dahin einspart. Auszahlen dürfte sich ambitionierter Klimaschutz erst auf lange Sicht. Andererseits dürfte der Meeresspiegelanstieg bis zum Jahr 2050 nur ein Vorgeschmack sein: Denn die schlimmsten Folgen durch die Eisschmelze und die Ausdehnung der Meere infolge der Erderwärmung seien erst ab dem Ende des Jahrhunderts zu erwarten, insbesondere, wenn der Klimawandel nicht begrenzt wird. In dem Fall halten die US-Wissenschaftler sogar einen Anstieg von durchschnittlich über zwei Metern an den US-Küsten für möglich.

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