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Langfristige Folgen von Tschernobyl:Strahlende Pilze, belastete Schweine

Manche Pilze aus Osteuropa sind noch immer mit Cäsium-137 aus den radioaktiven Niederschlägen von Tschernobyl belastet. Deutlich stärker radioaktiv sind allerdings die Wildschweine in Süddeutschland.

Leicht verschreckt vernimmt man eine aktuelle Meldung der Nachrichtenagentur dpa: Pilze aus Osteuropa sind auch 24 Jahre nach der Explosion des Atomkraftwerks in Tschernobyl noch immer radioaktiv belastet - wenngleich nur geringfügig.

Pfifferlinge haben Saison

Pilze aus Osteuropa können radioaktiv belastet sein - allerdings meist nur geringfügig. Wildschweine aus Süddeutschland strahlen stärker.

(Foto: dpa/dpaweb)

Das hat das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) festgestellt - und zwar bei einer routinemäßigen Prüfung von Pilz-Importen aus Polen, Litauen und Weißrussland. Der Höchstwert lag bei 230 Becquerel pro Kilogramm, und damit deutlich unter dem Grenzwert der EU von 600 Becquerel pro Kilo. Durchschnittlich waren es 70 Becquerel.

Mehrere Kilogramm müsste man also schon verzehren, um den Grenzwert der Strahlenschutzverordnung zu erreichen, heißt es beim Landesamt. Erst kürzlich hatte das Umweltinstitut München bei einer Stichprobe in der bayerischen Landeshauptstadt Pfifferlinge aus Osteuropa entdeckt, bei denen die Belastung bei 1000 Becquerel pro Kilo lag - und damit jenseits des Grenzwertes. Das Bundesamt für Strahlenschutz hält das Gefahrenrisiko beim Verzehr normaler Pilz-Mengen trotzdem für ungefährlich.

Wer auf die Gefahr hinweisen will, die von langfristigen Folgen von Atomunfällen ausgehen, findet da innerhalb der deutschen Grenzen ein besseres Beispiel:

Vor allem in Bayern und Baden-Württemberg liegt die Belastung von Wildschweinfleisch immer wieder im Bereich zwischen 600 und 6000 Becquerel pro Kilogramm. Und auch in Niedersachsen wurden in den vergangenen Jahren Tiere geschossen, deren Wert deutlich über dem Grenzwert lag.

Und die Bereitschaft, verstrahltes Wildbret zu essen, ist offenbar gesunken: Immer mehr Jäger und Waldbesitzer lassen das Fleisch der Wildschweine prüfen - und sich vom Bundesumweltministerium entschädigen, wenn sie das verstrahltes Wildbret aufgrund des hohen Cäsium-137-Gehalts nicht verzehren oder verkaufen können.

424.650 Euro hat das Bundesumweltministerium im vergangenen Jahr dafür bezahlt. Im ersten Halbjahr 2010 lag die Entschädigungssumme bei 130.000 Euro. 2008 waren es 380.000 Euro und 104.000 Euro im Jahr 2007.

Die Ursache für die hohen Werte der Tiere liegt darin, dass das Cäsium-137 aus dem Tschernobyl-Fallout nur langsam in die tieferen Schichten des Waldbodens eindringt und sich in relativ großen Mengen in den unterirdischen Fruchtkörpern des Hirschtrüffels ansammelt. Diese Pilze werden von Wildtieren, insbesondere eben von Wildschweinen, aufgespürt und verzehrt.

© sueddeutsche.de/mcs/pfau

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