Klimawandel:Unser aller Versagen

Lesezeit: 4 min

Dritter Teil des Klimareports vorgestellt

Das Braunkohlekraftwerk im brandenburgischen Jänschwalde

(Foto: ZB)

Der Klimawandel bedroht die gesamte Menschheit. Trotzdem pustet sie weiter CO₂ in die Luft. Wollen wir denen, die nach uns kommen, wirklich ein so schreckliches Erbe hinterlassen?

Ein Gastbeitrag von Kofi Annan

Als Nelson Mandela zur Förderung des Friedens und der Menschenrechte auf der ganzen Welt im Jahr 2007 die Gruppe "The Elders" ins Leben rief, einen Zusammenschluss ehemaliger Staatsmänner (und -frauen), Vertretern von Nichtregierungsorganisationen und Intellektuellen, da forderte er uns dazu auf, mutig zu sein und jenen Menschen Gehör zu verschaffen, deren Stimmen sonst ungehört blieben.

Nichts verlangt diese Einmischung mehr als unser kollektives Versagen, den Klimawandel aufzuhalten.

Der Klimawandel ist die größte Herausforderung unserer Zeit. Er bedroht schon heute das Wohlergehen von Hunderten Millionen Menschen, und in Zukunft werden es weitere Milliarden Menschen sein. Seine Folgen untergraben das Menschenrecht auf Nahrung, Wasser, Gesundheit und Schutz - allesamt Dinge, für die wir unser ganzes Leben lang gekämpft haben.

Diejenigen ohne Stimme tragen das größte Risiko

Kein Mensch und kein Land wird den Folgen des Klimawandels entkommen können. Es sind jedoch gerade jene, die keine Stimme haben - weil sie schon heute an den Rand der Gesellschaft gedrängt oder noch nicht geboren wurden - die sich mit dem größten Risiko konfrontiert sehen. Deshalb haben wir die dringende moralische Verpflichtung, in ihrem Namen zu sprechen.

Angesichts der überwältigenden Beweislast ist es schwer zu begreifen, warum die gemeinsamen Maßnahmen, um den Treibhausgas-Ausstoß zu senken, nach wie vor so schleppend vorankommen. Der jüngste Bericht des Weltklimarats legt klar und deutlich dar, dass die Erwärmung des Klimas "eindeutig" ist und dass menschliches Handeln höchstwahrscheinlich deren wichtigste Ursache ist.

In den vergangenen Monaten haben wir außerdem eine Zunahme genau jener extremen Wetterereignisse beobachten können, die den Experten zufolge zu den unvermeidlichen Auswirkungen des Klimawandels zählen - von Taifunen auf den Philippinen über Polarwirbel über Nordamerika bis hin zu weitläufigen Überschwemmungen in Europa. Bereits jetzt sind die damit verbundenen Kosten enorm, weshalb sich die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die Internationale Energieagentur der wissenschaftlichen Gemeinde angeschlossen haben und ebenfalls vor den Risiken warnen, die auf uns zukommen. Es sind nicht mehr nur die Umweltschützer, die die Alarmglocken läuten.

Eisbrecher ´Jamal"

Die Arktis erwärmt sich so schnell, dass Eisbrecher oft freie Fahrt haben.

(Foto: Tass Lev Fedoseyev/dpa)

Die Frist läuft ab

Und jedes Jahr, in dem wir es nicht schaffen, etwas zu tun, bringt uns näher an jenen kritischen Punkt heran, ab dem die Klimaveränderung nach Ansicht der Forscher unumkehrbar sein könnte. Wir haben uns auf ein schreckliches Wagnis eingelassen, bei dem die Zukunft des Lebens auf unseres Planeten auf dem Spiel steht.

Wir wissen, was nötig ist, um diese Katastrophe zu verhindern. Der globale Temperaturanstieg muss auf weniger als zwei Grad Celsius über den vorindustriellen Werten beschränkt werden. Das bedeutet eine Abkehr von fossilen Brennstoffen und eine Beschleunigung bei der Verbreitung erschwinglicher erneuerbarer Energien, beispielsweise durch einen international festgelegten Preis für Kohlendioxid-Zertifikate. Als nächstes muss der Zeitplan eingehalten werden, dem zufolge im kommenden Jahr eine neue, tragfähige, universelle und rechtlich bindende Vereinbarung zum Klimawandel geschlossen wird, mit der sich sämtliche Länder dazu verpflichten, ihre Treibhausgas-Emissionen schrittweise zu verringern.

Warum Politiker höhere Ziele anstreben sollten

2014 ist ein entscheidendes Jahr. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat für September einen Klimagipfel in New York einberufen. Wenn wir eine Chance haben wollen, 2015 eine dieser gewaltigen Herausforderung angemessene Vereinbarung zu erreichen, ist es unerlässlich, dass die Regierungschefs und die führenden Kräfte aus der Wirtschaft mit ehrgeizigen Zielen im Gepäck zu dieser Konferenz erscheinen.

Viele Mitglieder der "Elders" haben in der Vergangenheit die Last einer Regierungstätigkeit geschultert. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass es einfach wäre, den Klimawandel aufzuhalten. Aber wir wissen auch, dass es Zeiten gibt, die von Führungspersönlichkeiten Mut und Kühnheit verlangen - unabhängig davon, wie schwierig die Dinge erscheinen. Dies ist eine solche Zeit.

Eine CO₂-neutrale Welt ist möglich

Unsere Erfahrungen haben uns gelehrt, dass Führungspersönlichkeiten auf die Unterstützung ihrer Wähler zählen können, wenn sie aus den richtigen Gründen die richtigen Entscheidungen treffen. Wenn sie ihren Blick auf höhere Ziele richten - und sich von den Einschränkungen frei machen, die durch Interessensgruppen und kurzsichtige politische Überlegungen vorgegeben werden - können sie außerdem zu neuer Hoffnung inspirieren.

Klimawandel: Der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen und Friedensnobelpreisträger Kofi Annan, 75, ist Vorsitzender von "The Elders", einer Gruppe ehemaliger Staatsmänner und -frauen

Der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen und Friedensnobelpreisträger Kofi Annan, 75, ist Vorsitzender von "The Elders", einer Gruppe ehemaliger Staatsmänner und -frauen

(Foto: AFP)

Sie können Vertrauen aufbauen, wieder aufbauen, und die Gesellschaft zum Handeln bewegen.

Lösungen für den Klimawandel werden nicht nur in Forschungszentren und Labors gefunden, sondern entstehen auch durch den Innovationsgeist jener Menschen, die am stärksten von diesem Wandel betroffen sind. Viele Gemeinschaften und Unternehmen sowie lokale und nationale Regierungen, auch in Entwicklungsländern, zeigen uns schon heute den Weg in eine CO₂-neutrale Welt. Diese Anstrengungen müssen nun auf globaler Ebene ausgebaut werden.

Rettung des Weltklimas als Weltaufgabe

Klimagerechtigkeit verlangt außerdem, dass jene wohlhabenderen Länder, die zum größten Teil für die Zunahme der Treibhausgase verantwortlich sind und auch die damit verbundenen Gewinne eingestrichen haben, den ärmeren Nationen dabei helfen, sich an die Klimaveränderungen anzupassen.

Wir befinden uns an einem Scheideweg: Wir können jenen Weg beschreiten, der unseren Enkelkindern und den nachfolgenden Generationen ein schreckliches Erbe beschert.

Verantwortung für die Zukunft

Auf der anderen Seite liegt die Möglichkeit, die ersten Schritte in Richtung einer gerechteren und nachhaltigen Zukunft zu machen. Künftige Generationen sollen nicht von uns sagen können, wir hätten sie im Stich gelassen.

In den kommenden Monaten werden wir, die Mitglieder der "Elders", Regierungen, Unternehmen und Bürger dazu aufrufen, richtungsweisend und mutig zu handeln, um das Ziel zu erreichen, bis 2050 in einer CO₂-neutralen Welt zu leben. Wenn es jemals ein Ziel gab, das alle Menschen, egal ob jung, alt, reich oder arm, vereinen sollte, dann ist es die Rettung des Weltklimas.

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